Kolumne von Anja Robert 06.02.2026, 10:30 Uhr

29.000 Führungskräfte fehlen und Ingenieure schauen weg

Immer weniger Ingenieurinnen und Ingenieure streben Führungsrollen an. Warum das ein Fehler ist – und wie Führung wieder attraktiv werden kann.

Förderkonzept

Ist aus der Mode gekommen: In vielen Unternehmen fehlen Menschen, die Führungskräfte werden wollen. Unsere Kolumnistin sagt: Bitte einfach ausprobieren. Man muss es nicht sofort können.

Foto: PantherMedia / SergeyNivens

Eine Führungsposition zu bekleiden ist heutzutage für viele – auch für Ingenieurinnen und Ingenieure – nicht verlockend. Das ist ein Fehler. Führungsverantwortung bedeutet nicht, alles zu können und zu wissen.

Ende Januar erschien in den VDI Nachrichten ein spannender Artikel mit der Überschrift „Warum will fast niemand mehr Führungskraft sein?“ Der Artikel bezog sich auf eine Erhebung des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (Kofa), demnach fehlen aktuell knapp 29.000 Fachkräfte in Führungsberufen.

In dem Artikel wird des Weiteren eine Erhebung des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (lfaa) zitiert, aus der hervorgeht, dass nur rund 40 % bis 50 % der Jugendlichen Interesse an einer Führungsposition haben, aus Sicht des Institutes ein historischer Tiefstand des Führungsinteresses bei jungen Menschen.

Führungsthemen haben keinen Vorrang mehr

Ein Trend, den ich auch in meiner täglichen Arbeit erlebe. Fragten wir früher in Trainings nach den Zielen, kam an erster Stelle immer das Thema Führung bei den Studierenden der Ingenieurwissenschaften, inzwischen erleben wir das immer weniger.

Und das ist wirklich schade, denn es gibt genug zu tun (Unternehmensnachfolge, Umstrukturierungen oder das Übernehmen von Projekten und Prozessen etc.) und es gibt viele motivierte, offene und leistungsstarke junge Menschen. Deshalb hier nun gerne eine Anleitung, damit zusammenfindet was ja eigentlich zusammen gehört.

Challenge accepted

Der erste Schritt auf dem Weg zur Führungskraft besteht darin, die neue Rolle auszuprobieren, einzufordern und zu akzeptieren. Führungsverantwortung bedeutet nicht, alles zu können und zu wissen. Gute Einstiegspositionen sind u.a. Führungstrainees, Referentenpositionen, (technischer) Vertrieb und (inhouse) Beratung. In diesen Bereichen lernt man schnell viel über Strukturen, Netzwerke und Kommunikation, wichtige Zutaten für Führungspositionen.

Aber auch in anderen Positionen kann man seine Führungsfähigkeiten ausprobieren und entwickeln. Beobachten Sie wie das Arbeitsumfeld funktioniert, Fragen Sie, anstatt nur Antworten zu liefern. Führen durch Fragen ist eine große Stärke. Suchen Sie sich einen Mentor oder eine Mentorin, also eine erfahrene Person, mit der Sie über Karrierewege und Dynamiken reden.

Netzwerke nicht unterschätzen

Wir Menschen sind soziale Wesen und funktionieren am besten in einem unterstützenden Umfeld. Unterschätzen Sie Netzwerke nicht, reden Sie auch mit Kolleginnen und Kollegen und bleiben Sie in Kontakt mit Ihren Mitstudierenden und Mitpromovierenden. Das ist wichtig, um seine eigenen Erfahrungen zu teilen und voneinander zu profitieren.

Haben Sie keine Angst vor Führung und Verantwortung, man muss nicht sofort alles können, seien Sie aufmerksam, neugierig und probieren Sie sich aus. Zum Beispiel im Studium, über Engagement und Initiativen oder im Job über Projekte.

Und nur so als Tipp, es kann auch Spaß machen Themen, Teams und Unternehmen voranzubringen. In den eingangs zitierten Studien wurde immer wieder genannt, dass eine hohe Arbeitsbelastung der Grund ist, weshalb viele vor Führungsverantwortung zurückschrecken. Ja, das ist nachvollziehbar, aber in Führungspositionen kann man Dinge auch ändern.

Appell an die Führungskräfte

Und abschließend noch ein Appell an die aktuellen Führungskräfte: Gebt den jungen Führungskräften eine Chance! Jede neue Ära braucht Zeit zum Wachsen und Lernen. Und seien Sie auch ein Vorbild, schreiben Sie keine Mails nach 20.00 Uhr, fordern Sie keine Meetings zu absurden Zeiten, bestehen Sie nicht auf Präsenz und Anwesenheit, fördern Sie Familienzeiten und Sharing.

Unterstützen sie die neuen Chefs mit Wissen und Erfahrung – Sie brauchen den Nachwuchs. Und wenn Sie die jungen Menschen mal nicht verstehen, dann einfach mal zurücklehnen und wundern. Die können und wollen mehr als Sie denken.

Ein Beitrag von:

  • Anja Robert

    ist die Koordinatorin des Career Centers der RWTH Aachen University. Dort berät sie Studierende und Absolvierende in allen Karrierefragen. Die RWTH Aachen University ist eine der größten technischen Hochschulen Europas. In nationalen Rankings und internationalen Bewertungen belegt die RWTH Aachen University zahlreiche Spitzenplätze in der Vermittlungsfähigkeit der Absolvierenden.

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