Grüne Chemie als Rettung? Wohin die Branche jetzt steuert
Die unsicheren Zeiten plagen auch Chemiebetriebe − ob groß oder klein. Für zwei Managementberater ist die Zukunft der Chemiebranche jedoch nicht hoffnungslos. Prozesse lassen sich optimieren und die grüne Chemie bietet neue Chancen, wettbewerbsfähig zu bleiben oder zu werden. Eine Voraussetzung: Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Politik.
Chemieanlagen können einen ästhetischen Reiz ausüben. Wichtiger ist Chemieunternehmen jedoch, wettbewerbsfähig zu sein. Doch wie kann die Zukunft der Chemie in Deutschland bei den aktuellen Krisen aussehen?
Foto: Smarterpix/supakitmod
Deutschland ohne Chemieindustrie? Fast undenkbar. Aber ihr geht es nicht gut. Zölle der USA, Kosten für CO2-Emissionen und Kriege mit unsicheren Ölpreisen lauten einige Stichworte. Dabei sollte auch die Chemieindustrie nachhaltiger werden, also möglichst erneuerbare Energie verwenden, erneuerbare Rohstoffe − also Abfälle, Biomasse oder CO2 − einsetzen und dabei auch Gewinne machen.
Ist dies ein unauflösbares Dilemma? Hierzu äußern sich Harald Smolak und Martin Schulz von der Managementberatung Atreus – A Heidrick & Struggles Company – mit Sitz in München. Die Firma betreut auch Mittelständler der Chemieindustrie. Smolak ist einer der für die Chemiebranche zuständigen Direktoren der Managementberatung, Schulz leitet die Solution Group Energie & Umwelt.
Ist grüne Chemie möglich?
Herr Smolak, können Chemieunternehmen Treibhausgas-neutral ohne fossile Rohstoffe produzieren?
Harald Smolak: Grundsätzlich ja. Um klimaneutral zu produzieren, braucht es sowohl Treibhausgas-neutrale Energie als auch erneuerbare Rohstoffe – wie Biomasse, Recyclingströme oder CO2-basierende Rohstoffe. Und das eine lässt sich nicht vom dem anderen trennen. Ohne grüne Energie wird auch eine nachhaltige Chemieproduktion nicht funktionieren, weil viele chemische Prozesse sehr energieintensiv sind.
Doch aktuell geht es wohl eher ums Überleben?
Smolak: Ja. Viele Unternehmen sind derzeit stark mit kurzfristigen Risiken beschäftigt – etwa mit möglichen US-Zöllen, stark schwankenden Energiepreisen oder geopolitischen Konflikten, die Lieferketten und Ölpreise beeinflussen. Diese Entwicklungen zeigen aber auch, wie groß die Abhängigkeiten sind und dass mehr Resilienz in der Industrie notwendig wäre.
Und die Transformation zu einer nachhaltigeren Chemie steht ja auch am Anfang.
Smolak: Das stimmt. Ein Problem ist der Preis für Energie, ein anderes die CO2-Bepreisung, die zudem weltweit nicht einheitlich ist, und das Angebot an erneuerbaren Rohstoffen ist noch begrenzt. Besonders im Mittelstand muss Klimaschutz im Einklang mit der Profitabilität der Unternehmen stehen. Nur wenn Investitionen in nachhaltige Technologien und Prozesse wirtschaftlich tragfähig sind, kann die Transformation dauerhaft und breitflächig umgesetzt werden.
Herr Schulz, was bräuchten Unternehmen, um diesen Weg einzuschlagen?
Martin Schulz: Einen verlässlichen Investitionsrahmen und eine Regulatorik, die es erlaubt, auf Sicht zu planen. Aktuell sprechen wir mit unseren Kunden fast nur über Senkung von Kosten, Erhöhung von Produktivität, Restrukturierungen oder Verlagerung von Standorten. Und das, weil Märkte schwierig sind und der Wettbewerbsdruck hoch ist. Die Politik muss hier zumindest verlässliche Rahmenbedingungen schaffen.
Lernen von der Energiewende
Wie kann die Politik helfen?
Schulz: Vielleicht hilft eine Anleihe bei der Energiewende: Den Durchbruch brachte die Anschubfinanzierung und -förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Dies gab Planungssicherheit, hat den großen Boom der Erneuerbaren erst ermöglicht und galt lange als Vorzeigemodell für andere Länder. Im Rückblick ist sicher negativ, dass dieses Gesetz, das EEG, zu lange ein Eldorado für reine Investoren gewesen ist. Eine strukturelle Reduktion der Förderung hat es erst 2012/2013 gegeben. Die eigentliche Kernindustrie hat aber nachhaltig zu wenig profitiert, China stellt ja heute etwa 80 % der Solarzellen und -module her.
Und bei der Energiewende lag der Fokus stark auf Strom …
Schulz: … ja, und wir sind da etwas zu euphorisch, wenn wir sagen, wir haben 60 % Erneuerbare. Andere Energieformen wie der wichtige Wärmesektor oder auch die Rohstoffe für die Grundstoffindustrie bleiben zu stark außen vor. Wenngleich das Bewusstsein gestiegen ist, dass wir holistisch denken und das System als Ganzes betrachten müssen. Denken wir zum Beispiel nur an Abwärme aus Datencentern beziehungsweise industriellen Prozessen.
Lässt sich dennoch etwas für eine Chemiewende aus der Energiewende lernen?
Schulz: Sicher, gezielte Marktanreize und Förderprogramme. Das Thema ganzheitlich angehen. Abhängigkeiten und Wechselwirkungen mit anderen Industrien berücksichtigen. Das gilt im Übrigen für Herausforderungen und Chancen.
Smolak: Die fossile Produktion ist ja nur deshalb günstiger, weil Kosten für die Umweltbelastung nicht eingepreist werden. Daher ist es schwierig, erneuerbare Chemie so zu positionieren, dass jeder sagt, „es führt kein Weg vorbei“. Dabei gibt es Lichtblicke etwa in der Kreislaufwirtschaft.
Zukunft mit erneuerbarer Chemie
Haben Sie Beispiele parat?
Smolak: Ja. Ein Beispiel sind Altfett-Sammelsysteme von Schnellrestaurants. Das gebrauchte Fett wird gesammelt und zu wiederverwertbaren Kraftstoffen, sogenannten „synthetic fuels“, weiterverarbeitet. Ein anderes Beispiel ist das Recycling von Kunststoffen. Hier hat Deutschland weltweit eine führende Rolle – sowohl technologisch als auch organisatorisch im Aufbau von Sammel- und Recyclingstrukturen. Diese Ansätze zeigen, dass Kreislaufwirtschaft ein wichtiger Baustein für erneuerbare Chemie sein kann.
Glauben Sie, dass Deutschland hier weiter vorne sein kann?
Schulz: Auf jeden Fall sein könnte. Denn schaffen wir es nicht, die Grundstoffindustrie zu erhalten, wird die Deindustrialisierung weitergehen. Wir müssen also aufpassen, dass uns nicht etwa die Chinesen wieder – wie bei Solar und der Elektromobilität beziehungsweise der Batterieherstellung – abhängen.
Smolak: Wie bei allen Innovationen werden auch die zur erneuerbaren Chemie am Anfang nicht ernst genommen. Erst wird versucht, Neuerungen zu bekämpfen und später, sie zu kopieren. Deswegen bin ich zuversichtlich, dass es keinen anderen Weg als den in Richtung erneuerbare Chemie gibt und dass dieser erfolgreich sein wird. Aber ich glaube, die Politik kann das allein nicht schaffen, es müssen starke Firmen mit eigenen Maßstäben vorangehen.
Was meinen Sie?
Smolak: Große Chemieunternehmen haben bereits Strategien in diese Richtung entwickelt. Sie investieren beispielsweise in erneuerbare Energiequellen oder beteiligen sich an Windparks, um ihre Energieversorgung langfristig zu dekarbonisieren. Markus Kamieth, seit 2024 CEO der BASF, steht beispielsweise stark für Nachhaltigkeit und Innovation. Wenn solche Unternehmen konsequent vorangehen, können sie eine wichtige Rolle als Vorreiter der erneuerbaren Chemie übernehmen.
Gilt das auch, wenn BASF ankündigt, 5 000 Stellen zu streichen?
Smolak: Diese angekündigten Stellenstreichungen bei BASF zeigen, wie groß der wirtschaftliche Druck derzeit selbst für sehr große und international aufgestellte Chemieunternehmen ist. Hohe Energiepreise, regulatorische Unsicherheiten und der globale Wettbewerbsdruck – insbesondere aus den USA und China – erschweren Investitionen in Deutschland. Wenn Unternehmen wie BASF ihren Transformations- und Wachstumskurs fortsetzen sollen, braucht es deshalb eine enge Zusammenarbeit zwischen Industrie und Politik.
Dazu gehören vor allem international wettbewerbsfähige Energiepreise, verlässliche und planbare regulatorische Rahmenbedingungen sowie eine stärkere Förderung von Zukunftstechnologien wie grünem Wasserstoff, Kreislaufwirtschaft und CO2-armen Produktionsprozessen. Schaffen Politik und Industrie hier gemeinsam langfristige Perspektiven, kann Deutschland weiterhin ein attraktiver Standort für eine nachhaltige und innovative Chemieindustrie bleiben.

Politik muss an einem Strang ziehen
Zurück zu denen, die den Rahmen setzen. Was erwarten Sie aus Berlin?
Schulz: Zum einen, dass alle Ministerien viel besser zusammenarbeiten. Wir haben das mal untersucht: Für die Energiewende mussten beziehungsweise müssten sieben Ministerien zusammenarbeiten. Aber heute stimmt das, was die Wirtschaftsministerin und der Umweltminister sagen, nicht überein. Und die sind in einer Koalition. Was wollen sie von Unternehmen erwarten, wenn die Politik nicht an einem Strang zieht?
Also einen Plan haben und mit einer Stimme sprechen?
Schulz: Ja, das war bei der Energiewende zentral, die ja auch sehr unterschiedlich bewertet wird, und wird bei einer Chemiewende zentral sein. Gut wäre etwa, wenn Kanzler Merz und seine Ministerriege sich hinstellen würden und mit einer Stimme ankündigen: „Wir brauchen die Chemieindustrie und tun alles dafür, diese in Deutschland zu halten.“ Dabei geht es auch um viele Arbeitsplätze. Denn wandert die Chemie ab, dreht sich die Spirale weiter nach unten. Und ich bin mir immer nicht sicher, ob dies alle wirklich verstanden haben.
Doch Deutschland ist eine Exportnation. Darf Berlin oder auch die EU hier Alleingänge starten, ohne Handelskonflikte auszulösen?
Schulz: Ein schwieriges Feld. Ich kenne Leute, die sagen, hätten wir bei der Photovoltaik andere Zölle auf chinesische Produkte gehabt, die ja teilweise unter Kosten verkauft wurden, hätten wir heute eine andere Situation. Gleichwohl kann man mit Zöllen den globalen Handel zum Teil zum Erliegen bringen. Aber das aktuelle lang verhandelte Mercosur-Abkommen zwischen der EU und fünf lateinamerikanischen Staaten zeigt ja, dass man auch positiv Handelsabkommen schließen kann. Es geht halt darum, die richtigen Dinge zu forcieren, die positive Seite der Medaille zu betonen.
Wie lautet Ihre Lösung?
Schulz: Wichtig ist, übergreifend zu agieren: Wie schaffe ich es, Energie und Chemie zusammen zu denken. Ein Beispiel: Bringen wir CO2 aus Biogasen mit grünem Wasserstoff zusammen und stellen erneuerbares synthetisches Methan her. Das brauchen wir an vielen Stellen.
Das klingt nach branchenübergreifender Zusammenarbeit.
Smolak: Ja, und das kann funktionieren. In Chemieparks kooperieren Mittelständler und große Chemiefirmen bereits lange. Das gilt auch für Chemieunternehmen und Energieerzeuger. So beteiligt sich BASF an einer Offshore-Windenergieanlage in den Niederlanden.
Chemie muss besser kommunizieren
Leidet die „Chemie“ auch unter ihrem schlechten Ruf?
Smolak: Ja, und das ist teilweise paradox, weil praktisch jeder täglich Produkte nutzt, die ohne Chemie nicht existieren würden. Gleichzeitig investieren viele Chemieunternehmen im Vergleich zu anderen Industrien relativ wenig in Marketing oder Kommunikation. Dadurch prägen negative Schlagworte wie FCKW, Pfas oder Plastik oft stärker die öffentliche Wahrnehmung als die positiven Beiträge der Branche. Hinzu kommt, dass viele Produktionsanlagen sichtbar veraltet sind. In manchen Chemieparks sieht man Fabriken, die in anderen Industrien – etwa im Automotive-Bereich – längst modernisiert worden wären. Auch das beeinflusst die Wahrnehmung.

Wie helfen Sie eigentlich?
Schulz: Wir helfen unseren Kunden mit unseren Fachleuten und Managern, resilienter und wettbewerbsfähiger zu werden. Es geht immer um Transformationssituationen. Wo steht das Unternehmen? Welche Kostenposition, auch unter Berücksichtigung der Standortfaktoren? Welches Geschäftsmodell? Welche Märkte sollten Priorität bleiben, wo lassen sich neue Märkte erobern? Und bei mittelständischen Firmen ist oft auch Prozessoptimierung in allen Funktionen ein Schwerpunkt.
Um auf den Namen ihrer Beratungsfirma zurückzukommen. „Atreus“ bedeutet im griechischen „furchtlos“. Und so heißt in der griechischen Mythologie ein König von Mykene. Wie furchtlos sind Sie in diesen unruhigen Zeiten?
Smolak: Wir sind zuversichtlich, dass es auch für chemische Unternehmen in Deutschland eine Zukunft geben wird…
Schulz: …und dabei wird grünere Chemie über die Zeit sicher eine wichtige Rolle spielen.
Herr Schulz, Herr Smolak, wir danken Ihnen für das Gespräch.




