Chemie: mit mehr Zuversicht in die Zukunft
Vertreterinnen und Vertreter der Chemiebranche trafen sich auf Einladung des Handelsblatts zu einer Jahresstagung. Sie nannten nicht nur Forderungen an die Politik - ob berechtigt oder nicht -, sie wiesen auch auf Vorzüge des Standorts Deutschland hin. Zudem zeigten sieben Start-ups, dass Innovationen in diesem Land möglich sind.
Die Jahrestagung "Chemie 2026: Wachstumsmotor: Mut, Resilienz und Innovationskraft" des Handelsblatts fand Mitte Mai im Berliner Hotel DoubleTree by Hilton statt.
Foto: Wolfgang Borrs
Seit mehr als zwei Jahrzehnten veranstaltet das Handelsblatt eine Jahreskonferenz zur Chemie. Die diesjährige Chemie2026-Tagung fand am 19. und 20. Mai in Berlin statt. Der Untertitel lautete „Wachstumsmotor: Mut, Resilienz und Innovationskraft“. Das Hauptthema war in anderen Worten die Zukunft der Chemiebranche in Deutschland.
Gleich zu Beginn verwies Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), auf die Studie „Deutschland 2045: Szenarien für das Innovationsumfeld der Chemie-, Pharma- und Biotechbranche“ des VCI in Zusammenarbeit mit Evonik. Für die Studie wurde untersucht, wie die Branche in 20 Jahren aussehen könnte. „Mehrere Szenarien zeigen, dass Deutschland der Aufbruch gelingen kann“, betonte Große Entrup.
In der Studie werden mehrere Erfolgsfaktoren genannt. Der VCI-Hauptgeschäftsführer zählte einige auf: „Kluge Köpfe, eine starke Forschung, innovative Unternehmen und ein industrieller Mittelstand als Rückgrat unseres Wohlstands.“ Hinzu kämen ein Rechtsstaat, eine Demokratie, eine Stabilität sowie ein starker EU-Binnenmarkt. Die Erfahrung zeige zudem, technologische Durchbrüche gelängen vor allem im Zusammenspiel aus Spitzenforschung, Talenten, Industriebetrieben, Investoren und Start-ups.

Chancen und Risiken für die Zukunft
In einem Szenario bleibt der Reformzug jedoch stehen und Deutschland am Bahnsteig zurück. Zudem fräßen hohe Energiepreise, Steuern und Berichtspflichten Ressourcen auf, meinte Große Entrup. Dabei hielten gerade energieintensive Unternehmen etwa der chemischen Industrie Wertschöpfungsketten zusammen. Und die Politik reagiere, so Große Entrup, wie beim EU-Emissionshandel oft zu langsam. Grundsätzlich steht der VCI zwar zu diesem marktwirtschaftlichen Instrument, werden Zertifikate aber verknappt, während globale Wettbewerber diese Lasten nicht tragen, wird daraus ein Kostentreiber. Das Gute sei für den VCI-Hauptgeschäftsführer, dass die EU-Kommission eine Kurskorrektur andeute.
Doch Große Entrup wollte nicht nur jammern und mahnte an, die Politik müsse stärker vermitteln, dass sich die Reise lohne: „Wenn wir jetzt die Ärmel hochkrämeln und Reformen anpacken, können wir den Gürtel später auch wieder lockerer schnallen.“
Mut zur Zumutung
Um sich als Unternehmen zukunftssicherer aufzustellen, könne der „Clean-Sheet-Ansatz“ helfen, berichtete Eva Baumann, Geschäftsführerin der CHT Group, einem Hersteller von Spezialchemikalien, 1953 als Chemische Fabrik Tübingen gegründet. Dieser Ansatz bedeute etwa, neu zu denken, sich nicht durch Altlasten einzuschränken und die Produktpalette am Markt zu orientieren.
„Wichtig ist auch eine vertrauensgeprägte Kultur im Unternehmen sowie Zumutungsmut von der Führung“, so Baumann. Zumutungsmut bedeute, Realitäten offen anzusprechen und den Mitarbeitenden ein klares Zielbild zu vermitteln. Dies erfordere die Bereitschaft, Veränderungen aktiv einzufordern, klare Erwartungen zu formulieren und Mitarbeitenden Verantwortung zuzutrauen.

Dies sei durchaus nötig, so Baumann. Sie befürchtet, dass der Chemie-Mittelstand leise stirbt. Ein paar Zahlen: 2025 hat ein gutes Drittel des Mittelstands weniger als 2024 investiert, jedes fünfte Unternehmen hat Verlagerungen oder Teilstillegungen vorgenommen und etwas jedes Dritte plant, künftig Forschungs- und Entwicklungsabteilungen ins Ausland zu verlagern.
Regional denken schafft Resilienz
„Wir stehen nicht außerhalb der Verantwortung“, betonte auch Christian Kullmann, Vorstandschef von Evonik. Für ihn ist die Zeit des Multilateralismus vorbei und Märkte regionalisieren sich. Das Unternehmen reagiert darauf, in dem es selber auf Regionalisierung setzt. Es strebt an, jeweils ein Drittel seines Umsatzes in Europa, Amerika und Asien zu erwirtschaften. Daher hat Evonik seit vielen Jahren schon stark in Nordamerika und Asien investiert, um jeweils vor Ort präsent zu sein und sich auf diese Weise etwa vor Strafzöllen zu schützen. Als aktuelles Beispiel nannte Kullmann, dass Evonik jetzt in allen drei Weltregionen in einem Werk im großen Maßstab die Aminosäure Methionin, ein Futtermittelzusatzstoff für Geflügel, Schweine und Rinder, herstellt.
Weniger Bürokratie? Möglich!
Und doch äußerte Herr Kullmann einen Wunsch an Deutschland und die EU: „Die Politik sollte für die nächsten Jahre sämtliche Regulierung aussetzen und uns von der Umklammerung einer überbordenden Bürokratie befreien.“ Alleine aus Brüssel seien 2025 rund 1 500 neue Verordnungen und Gesetze gekommen. Der Evonik-Chef verweist beispielsweise auf die Industrieemissionsrichtlinie. Während in der EU gerade über diese Richtlinie verhandelt werde, sie so zu vereinfachen, damit sie kein neues Bürokratiemonster wird, bringe die Bundesregierung schon eine nationale Umsetzung und damit neue Auflagen auf den Weg – obwohl die Brüsseler Grundlagen dafür gerade wackelten.

Hoffnungsschimmer dafür, dass man nun auch in Deutschland das Thema Bürokratieabbau ernst nimmt, gibt es durchaus. VCI-Hauptgeschäftsführer Große Entrup verweist auf den aktuellen Koalitionsvertrag in Baden-Württemberg. Die neue Landesregierung hat ein Effizienzgesetz angekündigt, nachdem alle Berichts-, Dokumentations- und Aufbewahrungspflichten Ende 2027 auslaufen sollen und jede Beibehaltung durch ein Fachgesetz gesondert geregelt werden muss.
Szenarien zeigen: Zukunft ist offen
Die Unternehmensberatung TTE Strategie mit Sitz in Hamburg hat für die Chemie2026-Konferenz des Handelsblatts Trends identifiziert, die die Chemiebranche in Europa in den nächsten zehn Jahren prägen können und daraus sechs Szenarien für 2036 entwickelt:
- Die Welt zerfällt in geopolitische Blöcke. Lieferketten werden regionaler, Europa wird bei geringeren Produktionsvolumina autarker.
- Es gibt Durchbrüche durch Künstliche Intelligenz. Neue Materialien werden Entwicklungszyklen verkürzen, Produktionen werden effizienter, Bürokratie automatisert. Die EU wird zum Vorreiter.
- Europa wird zum weltweiten Vorreiter einer neuen Chemie-Ära mit erneuerbarem Kohlenststoff und geschlossenen Kreisläufen. Europa setzt dabei Standards, wird mit hohen Investitionen unabhängiger.
- Europa fragmentiert, unterschiedliche nationale Umsetzungslogiken schwächen den Binnenmarkt.
- Asien dominiert und die Wertschöpfung verschiebt sich nach Asien, Europa verliert an Relevanz.
- Die Deindustrialisierung beschleunigt sich und die Produktion wandert in großen Teilen ab.
Eine spontane Abstimmung mit den Anwesenden auf der Konferenz zeigte, dass viele das erste Szenario mit regionalen Blöcken, also der Regionalisierung, für am wahrscheinlichsten halten.
Deutschland: Silicon Valley der Chemie?
Doch Johannes Ihringer, Managing Partner bei TTE Strategie empfiehlt, nicht auf ein Szenario zu setzen, sondern alle im Blick zu haben. Für ihn wird nicht jede Wertschöpfungsstufe in Europa zukunftsfähig sein. Doch für die Chemie, die im globalen Wettbewerb steht, ist daher neben Prozess- und Marktwissen auch Kundennähe wichtig. „Gerade in der Spezialchemie und anwendungsnahen Märkten ist dies eine strategische Ressource.“
Ihringer empfiehlt, sich auf Geschäfte zu fokussieren, die strategische Zukunft haben. Und für ihn liegt die Zukunft der Chemie in der Innovationskraft. Regionale Cluster aus Start-ups, Universitäten, Dienstleistern und Geldgebern wären hilfreich. „Deutschland kann das Silicon Valley der modernen Chemie werden“, so Ihringer. Chemikerinnen und Chemiker lernten im Studium zwar, Risiken zu vermeiden, doch jetzt ist der Punkt gekommen, dass sie es tun müssen.
Sieben innovative Start-ups
Am zweiten Tag zeigten sieben Start-ups, wie sie die Chemie auf unterschiedliche Weisen zukunftsfähiger machen sollen. Hier in der Reihenfolge ihres Auftritts:
1. Der Softwareentwickler juna.ai aus Berlin setzt auf Künstliche Intelligenz, um in Echtzeit in komplexen Industrieprozessen entscheiden zu können. Dazu bietet er eine KI-Plattform an, die hilft, industrielle Prozesse zu planen, zu steuern und zu optimieren, um Output, Nachhaltigkeit als Gewinne zu maximieren.
2. Ebenfalls in Berlin ist die Wolfram Chemie ansässig. Das Dienstleistungsunternehmen bietet Forschungs-, Entwicklungs- und Beratungsdienstleistungen an, um Unternehmen dabei zu unterstützen, ihre Umweltauswirkungen zu minimieren und gleichzeitig Effizienz und Rentabilität zu maximieren. Es versteht sich als Katalysator für mehr Nachhaltigkeit.
3. Die Logistik verbessern, will Loady aus Mannheim. Das Unternehmen betreibt den ersten standardisierten Daten-Hub für Lade- und Entladeanforderungen mit Fokus auf die Chemielogistik. Durch digital nutzbare Logistikdaten unterstützt es reibungslose Transportprozesse für verpackte und flüssige Waren. Logistikanforderungen zu mehr als 20 000 Produkten und 500 Standorten in Europa, Nordamerika und Lateinamerika sind bereits in Loady verfügbar.
4. Neue Adsorbentien basierend auf funktionalisierten geordneten mesoporösen Kieselsäuren (Silica) hat Porelio aus Berlin im Angebot. Mit ihnen lassen sich industrielle Trennverfahren deutlich verbessern, beispielsweise zur Entfernung per- und polyfluorierter Chemikalien (Pfas) aus industriellen Abwässern oder zur Rückgewinnung von Edelmetallen und kritischen Metallen aus industriellen Prozessströmen.
5. Das Münchener Start-up Radical Dot entwickelt eine neuartige Recyclingtechnologie. Mit ihr lässt sich aus nicht recyceltem Kunststoffabfall per Flüssigphasenoxidation mit Luft direkt Essigsäure sowie einige Dicarbonsäuren, -ester und -diole mit vier bis sechs Kohlenstoffatomen herstellen. Dieser Ansatz erlaubt eine lokale, kostenwettbewerbsfähige Kohlenstoff-Rohstoffversorgung für die chemische Industrie.
6. Das Berliner Start-up Kyrok nutzt Künstliche Intelligenz, um unternehmensinterne Prozesse wie die Produktionsplanung oder den Einkauf zu verbessern. Ein Vorteils ist, dass manuelle Arbeit eingespart wird und dadurch den Fachkräftemangel besser bewältigt werden kann, ein anderer, dass die Schlagkraft der Supply Chain-Abteilung erhöht wird und sich dadurch Wettbewerbsvorteile ergeben.
7. Auch Sybilion, ebenfalls aus Berlin, verwendet Künstliche Intelligenz: Dessen KI-Plattform hilft Unternehmen, besser zu verstehen, wie externe Markt- und Wirtschaftsdaten – etwa zu Rohstoffpreisen, Handel, Wetter oder Logistik – die Preise und Märkte und damit die Kosten ihres Einkaufs als auch die Einnahmeseite beeinflussen.
Die Anwesenden auf der Chemie2026-Konferenz wurden dann gebeten abzustimmen, welches das interessanteste Start-up ist. Gewonnen hat bei diesem Vote die Firma Porelio aus Berlin.





