Karte zeigt Dynamik beim Ausbau der tiefen Geothermie
Die Tiefengeothermie in Deutschland gewinnt weiter an Bedeutung. Mit der aktuellen Ausgabe seiner Landkarte „Tiefe Geothermieprojekte in Deutschland“ legt der Bundesverband Geothermie eine umfassende Übersicht über bestehende Anlagen sowie Projekte im Bau und in Planung vor.
Geothermie: die Bohranlage von oben.
Foto: HAS Innova Rig
Die jährlich aktualisierte Karte zur tiefen Geothermie gilt als wichtige Referenz für Branche, Politik und Investoren. Darüber hinaus verbindet der Verband die Veröffentlichung mit einem Appell an die Bundesregierung, die regulatorischen und finanziellen Weichen für einen beschleunigten Ausbau dauerhaft zu stellen.
Derzeit sind bundesweit 45 tiefengeothermische Anlagen in Betrieb – so viele wie nie zuvor. Zu Beginn des Vorjahres lag die Zahl noch bei 42. Von den aktuell betriebenen Anlagen dienen 43 primär der Wärmebereitstellung, meist eingebunden in kommunale oder regionale Fernwärmenetze. Zwölf Anlagen speisen zusätzlich Strom in die Netze ein, überwiegend in Kraft-Wärme-Kopplung. Die Bohrungen reichen in der Regel mehrere Tausend Meter in die Tiefe, um heißes Thermalwasser aus geeigneten Reservoiren zu erschließen. Über Wärmeaustauscher wird die Energie nutzbar gemacht und in bestehende oder neu aufgebaute Wärmenetze integriert.
Auch bei den Neubauprojekten setzt sich der positive Trend für die tiefe Geothermie fort. Aktuell befinden sich 18 Anlagen im Bau, zwei mehr als im Vorjahr. Besonders dynamisch entwickelt sich der Projektpipeline-Bereich: 178 Vorhaben sind derzeit in Planung. Das sind 23 mehr als im Jahr zuvor. Bereits 2024 hatte sich die Zahl der erteilten Aufsuchungserlaubnisse im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt, von 82 auf 155. Diese Genehmigungen sind ein wichtiger Indikator für das wachsende Investitionsinteresse und die zunehmende Projektentwicklung in den Bundesländern.
Struktureller Wandel im Wärmesektor erkennbar
Für den Bundesverband Geothermie e. V. ist diese Entwicklung Ausdruck eines strukturellen Wandels im Wärmesektor. Kommunen und Energieversorger suchen verstärkt nach langfristig verfügbaren, preisstabilen und klimaneutralen Wärmequellen. Die Tiefengeothermie bietet hier einen entscheidenden Vorteil: Sie ist grundlastfähig, witterungsunabhängig und regional verfügbar. Anders als bei fossilen Energieträgern entfallen bei der tiefen Geothermie Importabhängigkeiten und geopolitische Risiken. Gleichzeitig können bestehende Fernwärmestrukturen weiter genutzt und ausgebaut werden.
Mit „Förderkredit Tiefengeothermie“ Investitionshürden senken
Flankiert wird die Branchendynamik durch neue politische Instrumente. Mit dem Geothermiebeschleunigungsgesetz (GeoBG) sollen Planungs- und Genehmigungsverfahren gestrafft und rechtliche Unsicherheiten reduziert werden. Ergänzend wurde gemeinsam mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und Munich Re der „Förderkredit Tiefengeothermie“ entwickelt, der insbesondere das geologische Fündigkeitsrisiko adressiert. Dieses Risiko, also die Unsicherheit, ob ein Reservoir die erwartete Temperatur und Ergiebigkeit aufweist, gilt als eine der größten Investitionshürden in der frühen Projektphase.

Der Bundesverband Geothermie sieht in den Maßnahmen einen wichtigen Schritt. Sie müssten jedoch durch langfristige energiepolitische Zielsetzungen ergänzt werden. „Viele heimische Unternehmen stehen in den Startlöchern und wollen Projekte realisieren, die Arbeitsplätze schaffen, zur Versorgungssicherheit beitragen und unsere Umwelt erhalten. Jetzt ist es wichtig, klare Signale zu senden, dass die Wärme- und Kältewende ungebremst weitergehen soll“, sagt Gregor Dilger, Geschäftsführer des Bundesverbands Geothermie.
Der Verband plädiert dafür, ambitionierte Ausbauziele für erneuerbare Energien auch im Wärmesektor verbindlich zu verankern. Vorgaben zur Nutzung erneuerbarer Energien – beispielsweise in Form von Quoten im Rahmen des Gebäudeenergiegesetzes – hätten sich als wirksame Steuerungsinstrumente erwiesen. „Wir brauchen verlässliche Förderprogramme und ein zugkräftiges Ordnungsrecht. Beim Gebäudemodernisierungsgesetz muss die Bundesregierung so schnell wie möglich für Klarheit sorgen, wie sie das aktuelle Gebäudeenergiegesetz überarbeiten will und dabei gleichzeitig europarechtliche Verpflichtungen einhalten kann“, so Dilger weiter. Investitionen in Milliardenhöhe könnten nur ausgelöst werden, wenn Planungssicherheit über mehrere Legislaturperioden hinweg bestehe.
Technisch und wirtschaftlich sieht der Bundesverband Geothermie erhebliches Potenzial. Die installierte Wärmeleistung der bestehenden Anlagen summiert sich aktuell auf 442 MW. Im Vergleich zum gesamten deutschen Wärmebedarf ist dies bislang ein kleiner Anteil, doch die Perspektiven sind deutlich größer. „Perspektivisch könnten tiefengeothermische Anlagen allein mindestens ein Viertel des Wärme- und Kältebedarfs in Deutschland decken“, betont Dilger.
Steigerung der Wärmeerzeugung durch Geothermie schafft Arbeitsplätze
Nach Einschätzung des Verbands ist eine Steigerung der jährlichen Wärmeerzeugung von derzeit 1,8 TWh auf 10 TWh mittelfristig erreichbar. Die damit verbundenen Effekte reichen über den Klimaschutz hinaus. Laut BVG könnten rund 24 000 zusätzliche Arbeitsplätze entlang der Wertschöpfungskette entstehen – von Planung und Bohrtechnik über Anlagenbau bis hin zum Betrieb der Netzinfrastruktur. Gleichzeitig ließen sich bis zu 34 Mio. t CO2 vermeiden und Importkosten für fossile Brennstoffe von bis zu 9 Mrd. € einsparen.
Neben den quantitativen Ausbauzielen verweist der Verband auch auf qualitative Aspekte. Die Integration der Tiefengeothermie in kommunale Wärmeplanungen, die Kopplung mit Großwärmepumpen oder saisonalen Speichern sowie die Kombination mit anderen erneuerbaren Quellen eröffnen zusätzliche Flexibilitätsoptionen. Damit kann die Technologie nach Einschätzung des Verbandes eine tragende Rolle in einem zunehmend dekarbonisierten, sektorgekoppelten Energiesystem übernehmen.
Die aktuelle Projektlandkarte dokumentiert somit nicht nur einen Zwischenstand, sondern bildet die Grundlage für strategische Entscheidungen in Politik und Wirtschaft. Sie zeigt, welche Regionen bereits Erfahrungen gesammelt haben, wo neue Projekte entstehen und wie sich die Technologie bundesweit verteilt. Für Investoren, Kommunen und Versorger soll sie die Transparenz über Marktvolumen und Entwicklungsperspektiven erhöhen.
Ob die skizzierte Dynamik anhält, hängt nach Einschätzung des Bundesverbands Geothermie maßgeblich von der politischen Verlässlichkeit ab. Der Verband aktualisiert die Karte jährlich. Darüber hinaus stellt er auch eine digitale Karte zur Verfügung, die regelmäßig aktualisiert wird.




