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Kunststoffe 25.03.2026, 13:28 Uhr

Kunststoff bleibt zentraler Werkstoff für die Automobilindustrie

PIAE: weltgrößter Kongress für Kunststoffe in der Automobilindustrie erstmals an neuem Ort mit überarbeitetem Konzept - im Fokus standen Themen wie Qualität und Nachhaltigkeit

Audi RS Q e-tron, ausgestellt auf PIAE 2026 in Baden-Baden

Die auf dem Kongress ausgestellten Fahrzeuge machten neue Konzepte direkt anfassbar und erlebbar (im Bild: Audi RS Q e-tron). Bild: VDI Wissensforum

Foto: VDI Wissensforum

Welche aktuellen Herausforderungen und Trends beschäftigen die Kunststoffbranche? Dies diskutierten die rund 550 Teilnehmenden des Kongresses PIAE (Plastics in Automotive Engineering) am 18. und 19. März in Baden-Baden. PIAE ist den Angaben zufolge der weltweit größte Kongress für kunststofftechnische Anwendungen im Automobil und wird vom VDI Wissensforum veranstaltet.

Thomas Drescher, Kongressleiter PIAE, Volkswagen AG
Kongressleiter Dipl.-Ing. Thomas Drescher, Volkswagen AG. Bild: VDI Wissensforum

„Kunststoff bleibt ein zentraler Werkstoff der Zukunft.“
Kongressleiter Thomas Drescher, Volkswagen AG

Kongressleiter Dipl.-Ing. Thomas Drescher, Volkswagen AG, beschrieb im Rahmen des PIAE-Pressegesprächs das Spannungsfeld aus funktionalen, ästhetischen und recyclingrelevanten Anforderungen, insbesondere mit Blick auf die Regulatorik im Bereich End-of-Life Vehicles Regulation (ELVR): „Kunststoff bleibt ein zentraler Werkstoff der Zukunft. Entscheidend ist jedoch, ihn hochwertig, markengerecht und recyclingfähig einzusetzen. Design for Recycling und Premium-Anmutung sind kein Widerspruch, sondern müssen gemeinsam gedacht werden, um ELVR-Ziele zu erreichen, ohne die Wahrnehmung und Wertigkeit des Fahrzeugs zu kompromittieren.“

Umfrage: Wertigkeit und Qualität werden kritisch beurteilt

Wie nehmen Kundinnen und Kunden aktuell die Wertigkeit und Qualität von Kunststoffbauteilen im Fahrzeug wahr? Alexander Bloch, Automobil-Journalist („auto motor und sport“) und VDI-Markenbotschafter, stellte in seiner Eröffnungskeynote die Ergebnisse einer Umfrage vor, die er zuvor auf seinen Social-Media-Kanälen durchgeführt hatte. Das Meinungsbild der 3.000 Teilnehmenden wirft ein kritisches Licht auf die Materialgüte: Beachtliche 74 % der Befragten nehmen die Interieurqualität als schlechter oder sogar viel schlechter im Vergleich zu früher wahr. Insbesondere Hartkunststoff (53 %) und Klavierlackflächen (31 %) werden als „billig“ bezeichnet. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass für eine positive Anmutung der Fokus wieder verstärkt auf Haptik und langlebiger Materialauswahl liegen sollte. Nachhaltige Kunststoffe spielen für über die Hälfte der Teilnehmenden (51 %) eine sehr wichtige oder wichtige Rolle. Die Quintessenz von Alexander Bloch:

„Kunststoff muss nicht schlecht sein – es kommt nur darauf an, was man daraus macht.“
Alexander Bloch, Automobil-Journalist

In seiner Keynote „Lost in Transformation“ analysierte Prof. Dr. Stefan Bratzel, Gründer des Center of Automotive Management, aktuelle Markt- und Produktionstrends sowie die damit verbundenen Auswirkungen auf Werkstoffe und Techniken. Nach seinen Worten wandelt sich das Fahrzeug in den kommenden Jahren zum immersiven „Third Space“, in dem KI-basierte Systeme durch Gesichts- und Emotionserkennung individuelle Bedürfnisse antizipieren und völlig neue digitale Erlösquellen erschließen.

Prof. Dr. Stefan Bratzel, Gründer des Center of Automotive Management
Prof. Dr. Stefan Bratzel, Gründer des Center of Automotive Management. Bild: VDI Wissensforum

Bratzel fordert von der Branche eine „Kultur der Resilienz“ sowie agile Organisationsstrukturen, um in dieser hoch volatilen Ära bestehen zu können. Erfolg wird demnach primär durch strategische Kooperationen und technologische Diversifizierung in Bereichen wie Software und Batterietechnik definiert. Der Vortrag schloss mit der Mahnung, „dass in diesem Transformationsprozess nicht die vermeintlich Stärksten überleben, sondern die, die am anpassungsfähigsten auf den rasanten Wandel reagieren.“

BKV-Studie: Diskrepanz zwischen EU-Zielen und Rohstoffverfügbarkeit

Eine aktuelle, im Vorfeld der PIAE veröffentlichte BKV-Studie verdeutlicht die Diskrepanz zwischen den EU-Recyclingzielen und der Rohstoffverfügbarkeit in Europa. Besonders beim Schlüsselwerkstoff Polypropylen (PP) droht eine Versorgungslücke, weil die Automobilindustrie allein rund 45 % der gesamten Marktmenge beanspruchen müsste, um die gesetzlichen Vorgaben einzuhalten. Vertreter von Plastics Europe Deutschland, dem Verband der Kunststofferzeuger, machten deutlich, dass die Versorgungslücke nur geschlossen werden kann, wenn die Infrastruktur für hochwertiges Recycling deutlich schneller wächst als bisher.
Dipl.-Ing. Tobias Epple, Borealis, bezog sich im Pressegespräch ebenfalls auf die ambitionierten Vorgaben der EU-Verordnung, die darauf abzielt, in zukünftigen Neuwagen einen hohen Anteil an Post-Consumer-Rezyklaten (PCR) zu erreichen, teilweise aus geschlossenen Kreisläufen: „Die inspirierenden Fachbeiträge und Exponate auf der PIAE bilden den idealen Rahmen zur Stärkung und Entwicklung von Netzwerken über die gesamte Wertschöpfungskette und fördern so die Findung innovativer Kunststofflösungen für den Serieneinsatz in der Automobilindustrie.“

Neue Anwendungs- und Fertigungskonzepte im Fokus

Außer diesen aktuellen regulatorischen Themen konzentrierten sich viele der Fachvorträge auf neue Anwendungs- und Fertigungskonzepte für Kunststoffe im Automobilbau, heißt es weiter. Dabei deckte das Themenspektrum die gesamte Wertschöpfungskette und den Weg vom Prototyp bis zur Serie ab. Ein Herzstück und zentraler Treffpunkt war auch in diesem Jahr die Fachausstellung mit 55 teilnehmenden Unternehmen und Organisationen.

Die 13 ausgestellten Fahrzeuge machten neue Konzepte direkt anfassbar und erlebbar. Zudem präsentierten die TecPart-Innovationspreisträger ihre prämierten Bauteile und gaben praxisnahe Einblicke in aktuelle Entwicklungen. Vielfältigen Raum nahm zudem der gegenseitige Erfahrungsaustausch und das Netzwerken ein, unter anderem bei der Networking Party im Kurhaus Baden-Baden.
Die parallel zur PIAE stattfindende Konferenz „Hochvoltbatterien in E-Fahrzeugen“ bot die Gelegenheit, den fachlichen Horizont zu erweitern und Werkstoff- sowie Batteriekompetenz ganzheitlich zu betrachten.

Der Kongress fand in diesem Jahr mit überarbeiteten Veranstaltungsformaten erstmals in Baden-Baden statt. Die Teilnehmenden aus Wissenschaft und Forschung, von OEMs und der Zulieferindustrie zeigten sich, wie das VDI Wissensforum ausführt, nicht nur vom örtlichen Wechsel, sondern auch von der Weiterentwicklung der Veranstaltungsformate begeistert.

Mit 67 handverlesenen Vorträgen von 105 Referierenden habe der Kongress einen gleichermaßen umfassenden wie topaktuellen Überblick über kunststofftechnische Anwendungen im Automobilbau geboten. Mit Themen wie Leichtbau, Recyclingfähigkeit und neuen, teils KI-gestützten Fertigungsprozessen sind grundlegende Veränderungen verbunden, so das VDI Wissensforum. Der internationale Fachkongress sei diesem Wandel mit vertiefenden Spotlight-Sessions, etwa zu PU-Beschichtungen, Stoffkreisläufen, Rohstoffsicherheit sowie Regulatorik, gerecht geworden.

Die nächstjährige PIAE findet am 17. und 18. März 2027 in Baden-Baden statt. Anmeldung zur Teilnahme und Programm unter www.vdi-wissensforum.de/piae/.

(Quelle: VDI Wissensforum)