Maßgeschneideter KI-Agent für die industrielle Automatisierungstechnik
Auf Kundenanforderungen zugeschnittener KI-Agent soll Engineering Aufgaben komplett von Anfang bis zum Ende übernehmen.
Der „Eigen Engineering Agent“ ist laut Siemens direkt in reale technische Systeme eingebettet und entwickelt so ein umfassendes Verständnis für den Projektkontext und die Rahmenbedingungen. Bild: Siemens
Foto: Siemens AG
Siemens hat auf der Hannover-Messe den „Eigen Engineering Agent“ vorgestellt – eine speziell für die Automatisierungstechnik entwickelte KI, die ab sofort verfügbar ist. Die Lösung steht laut Siemens für eine neue Klasse industrieller KI-Produkte. Anstatt nur Vorschläge zu generieren, führt der Agent mithilfe von mehrstufigem Denken und Selbstkorrektur Aufgaben eigenständig aus, so das Unternehmen.
KI-Agent ist direkt in reale technische Systeme eingebettet
Im Gegensatz zu generischen KI-Tools ist der „Eigen Engineering Agent“ den Angaben zufolge direkt in reale technische Systeme eingebettet und entwickelt so ein umfassendes Verständnis für den Projektkontext und die Rahmenbedingungen. Auf dieser Basis sei er in der Lage, Aufgaben im Bereich der Automatisierungstechnik wie speicherprogrammierbare Steuerung (SPS), Visualisierung von Mensch-Maschine-Schnittstellen (Human Machine Interface, HMI) und Gerätekonfiguration auszuführen und gleichzeitig alle relevanten Industriestandards hinsichtlich Korrektheit, Sicherheit und Zuverlässigkeit einzuhalten.
KI-Workflow soll zwei bis fünf Mal schneller sein, als ein manueller Workflow
Der Mangel an qualifizierten Engineering-Fachkräften und der steigende Druck, Produkte schneller auf den Markt zu bringen, stellen Hersteller vor große Herausforderungen. An dieser Stelle setzt der „Eigen Engineering Agent“ an: Im Vergleich zu manuellen Workflows ermöglicht er eine zwei- bis fünfmal schnellere Ausführung, ohne die Genauigkeit oder Zuverlässigkeit zu beeinträchtigen. Darüber hinaus steigert die Lösung die Gesamtqualität bis zu 80% und erhöht die Engineering-Effizienz bis zu 50%.
Dieses Produkt signalisiert einen grundlegenden Wandel: weg von KI, die lediglich Vorschläge macht, hin zu KI, die tatsächlich Arbeit erledigt.
Vasi Philomin, Leiter Data & Artificial Intelligence, Siemens
„Da die Nachfrage die verfügbaren Kapazitäten übersteigt, wird die Automatisierungstechnik zunehmend zum Engpass“, erklärt Vasi Philomin, Executive Vice President und Leiter des Bereichs Data & Artificial Intelligence bei Siemens. „Die Hersteller stehen unter großem Druck. Sie müssen zunehmend komplexe Systeme immer schneller liefern, während der anhaltende Fachkräftemangel die Situation zusätzlich verschärft. Der ‚Eigen Engineering Agent‘ steht für eine Automatisierungslogik, die den individuellen Anforderungen jedes Kunden entspricht, sodass die Ingenieure auch komplexere Projekte zügiger umsetzen können. Dieses Produkt signalisiert einen grundlegenden Wandel: weg von KI, die lediglich Vorschläge macht, hin zu KI, die tatsächlich Arbeit erledigt. In industriellen Umgebungen entscheidet genau dieser Unterschied darüber, welchen Wert KI schaffen kann.“
Projektspezifisches Kontextverständnis aufgrund der Einbindung in das TIA-Portal
Obwohl die Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz vielversprechend sind, liefern Standard-KI-Tools bisher nur generische Vorschläge, die das Entwicklungsteam anschließend manuell auf seine konkreten Projekte übertragen muss. Dieser Prozess führt zu Fehlern und dauert oft genauso lange, wie die Aufgabe von Grund auf selbst zu erledigen. Um Risiken zu minimieren, benötigen Automatisierungsingenieure daher Werkzeuge, die ihren Projektkontext verstehen und den spezifischen Standards ihres Unternehmens entsprechen.
Wegen der nahtlosen Anbindung an das TIA Portal („Totally Integrated Automation Engineering-Plattform“ von Siemens) erhält der „Eigen Engineering Agent“ ein umfassendes Kontextverständnis jedes zugewiesenen Projekts. Er greift auf die Datenstrukturen, Bausteine, Parameter und Komponentenbeziehungen des Projekts zu und kann dadurch sofort nutzbare Ergebnisse liefern, die genau auf das abgestimmt sind, was Ingenieure tatsächlich entwickeln – selbst bei bestehenden oder undokumentierten Systemen.
Schnellere Einbindung neuer Teammitglieder
Dieses Kontextverständnis verändert auch den Onboarding-Prozess grundlegend. Ein großer Hersteller von Produktionsanlagen für die Automobilindustrie stellte fest, dass neue Ingenieure mehrere Wochen benötigten, um die Projektstruktur und die Zusammenhänge der Komponenten zu verstehen, bevor sie produktiv mitarbeiten konnten. Der „Eigen Engineering Agent“ ermöglichte neuen Teammitgliedern eine direkte Interaktion mit dem Projekt. Anfragen wie „Zeige mir alle Blöcke, die Station 3 steuern“ lieferten sofort eine präzise Antwort. So konnte die Einarbeitungszeit von mehreren Wochen auf wenige Tage verkürzt werden.
Bevor Ergebnisse den Ingenieuren präsentiert werden, validiert der „Eigen Engineering Agent“ sämtliche Aufgaben, führt Siemens aus. Dazu unterteilt er komplexe Aufgaben in einzelne Schritte, führt diese nacheinander aus und bewertet die eigene Leistung anhand der jeweiligen Projektanforderungen. Diesen Vorgang wiederholt er so lange, bis die Ergebnisse prüfbereit sind. Genau darin liegt laut Siemens der Unterschied zwischen allgemeinen KI-Vorschlägen und Automatisierungslogik, die auf die jeweilige Kundenumgebung zugeschnitten ist.
„Die Anbindung des ‚Eigen Engineering Agent‘ an unser TIA Portal ist ein weiterer Schritt auf dem Web zu unserer Vision, die Automatisierung sozusagen zu automatisieren.“
Rüdiger Brehm, Siemens Digital Industries
„Die Anbindung des ‚Eigen Engineering Agent‘ an unser TIA Portal ist ein weiterer Schritt auf dem Web zu unserer Vision, die Automatisierung sozusagen zu automatisieren. Durch zielgerichtete, agentenbasierte Engineering-Workflows eliminieren wir repetitive Tätigkeiten für Automatisierungsingenieure und steigern gleichzeitig ihre Produktivität erheblich. Für unsere Kunden markiert das einen wichtigen Wandel: weg von der manuellen Ausführung einzelner Aufgaben hin zur Orchestrierung von Ergebnissen über den gesamten Engineering-Workflow hinweg“, sagt Rainer Brehm, Chief Technology Officer und Chief Operating Officer für Automation bei Siemens Digital Industries.
Während der Namensbestandteil „Eigen“ im Deutschen für Eigenständigkeit steht, ist der Begriff Ingenieuren international vor allem aus Konzepten wie den „Eigenwerten“ bekannt, die für eine Konstante stehen, selbst wenn sich in der unmittelbaren Umgebung alles verändert. Angesichts des rasanten Wandels in der KI-Landschaft und der zunehmenden Bedeutung physischer KI verkörpert der „Eigen Engineering Agent“ genau diese Konstante: eine verlässliche Intelligenzbasis, die tief in der industriellen Tradition von Siemens verwurzelt ist und reale Aufgaben übernehmen kann.
Pilotierung mit mehr als 100 Unternehmen in 19 Ländern
Siemens hat den Eigen Engineering Agent mit über 100 Unternehmen in 19 Ländern pilotiert. Das US-amerikanische Unternehmen Prism Systems setzte den „Eigen Engineering Agent“ ein, um Structured Control Language (SCL)-Code zu erstellen, anzupassen und zu importieren – und verkürzte den Prozess damit auf wenige Sekunden. „Tools wie ChatGPT haben uns die immense Leistungsfähigkeit von KI vor Augen geführt und viele Ingenieure erkannten schnell, welches Potenzial sie bergen“, sagt John Elias, Präsident von Prism Systems. „Die Herausforderung besteht darin, diese Fähigkeit in reale industrielle Arbeitsabläufe zu integrieren. Die neuesten Tools von Siemens tragen dazu bei, diese Lücke zu schließen. Sie ermöglichen es uns, Entwicklungs- und Automatisierungsprozesse mithilfe von KI gezielt zu unterstützen.“
Hersteller von Fertigungslinien für die Elektromobilität verkürzt Markteinführungszeit
Das chinesische Unternehmen CASMT, das Fertigungslinien für hochwertige Anlagen im Bereich Elektromobilität entwickelt, konnte seine Markteinführungszeit deutlich verkürzen, indem es Gerätekonfiguration, Codegenerierung und HMI-Visualisierung automatisierte. „Dass diese KI-Assistenz speziell für die industrielle Automatisierung entwickelt wurde, liegt klar auf der Hand“, erklärt Dr. Kevin Firouzian, Head of Global Strategy & Partnerships bei CASMT. „Für unsere Produktlinie elektromechanischer Bremssysteme (EMB) verwandelte der „Eigen Engineering Agent“ eine komplexe, multidisziplinäre Herausforderung in einen dialogorientierten Workflow. Das vereinfachte die Einrichtung, reduzierte den Eskalationsbedarf und beschleunigte neben der Bereitstellung auch die Fehlerbeseitigung.“
Schnellere Entwicklung von Software für die Automatisierung
Andritz Metals ist ein weltweit führender Anbieter von Technologien, Anlagen und digitalen Lösungen für die Metallverarbeitung und -umformung. Das österreichische Unternehmen hat das Produkt zur Codegenerierung und Dokumentation sowie für eine schnellere und gezieltere Fehlerbehebung innerhalb von TIA Portal eingesetzt und somit die Entwicklung von Software für die industrielle Automatisierung und Steuerung beschleunigt. „Wir bei Andritz sind davon überzeugt, dass KI die Industrietechnik grundlegend verändern wird“, sagt Michael Luu, Head of Engineering Processes & Electric bei Andritz Metals. „Künstliche Intelligenz birgt ein enormes Potenzial für die Produktivität, Kosteneffizienz und allgemeine Wettbewerbsfähigkeit. Wir sind stolz darauf, diese Zukunft gemeinsam mit Siemens durch Innovationen wie den ‚Eigen Engineering Agent‘ mitzugestalten.“
(Quelle: Siemens)




