Umdenken nötig: Was das SHK-Handwerk gegen den Nachwuchsmangel tun könnte
Der Zentralverband des deutschen Handwerks freute sich zuletzt über steigende Ausbildungszahlen, doch die demografische Entwicklung bleibt eine große Herausforderung. Welche Lösungsansätze hilfreich sein könnten und von welchen Denkmodellen man sich dafür verabschieden muss.
Das SHK-Handwerk ist bei Nachwuchskräften weniger beliebt als andere Handwerksdisziplinen.
Foto: Smarterpix / dpcrestock
Arbeitsmarktexperten schätzen, dass im Handwerk in den nächsten Jahren jährlich etwa 100.000 bis 150.000 „Babyboomer“ in den Ruhestand ausscheiden werden. Fachkräfte, die fehlen. Umso wichtiger wird es, die entstehenden Lücken möglichst schnell durch engagierte Nachwuchskräfte aufzufüllen. Doch besonders das SHK-Handwerk tut sich hier schwer.
Weniger attraktiv beim Nachwuchs? SHK-Handwerk fällt gegenüber anderen Gewerken ab
Insgesamt 40.770 Ausbildende streben seit dem Jahr 2025 den Abschluss als Anlagenmechaniker/in für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik an. Das sind zwar 0,8 % mehr als 2024 (40.454 SHK-Azubis), aber es ist noch reichlich „Luft nach oben“. Immerhin konnten die Kollegen aus dem berufsverwandten E-Handwerk im vergleichbaren Zeitraum die Anzahl ihrer Auszubildenden (Elektroniker/in Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik) um 1,8 % auf 41.339 erhöhen. Noch besser sieht es im Schornsteinfegerhandwerk aus. Der „Schwarzen Zunft“ ist es gelungen die Anzahl ihrer Lehrlinge in 2025 um 7,4 % zu steigern. Auch Zimmerleute (plus 2,8 %) und Dachdecker (plus 4 %) stehen aktuell wesentlich besser da als das SHK-Fachhandwerk.
Verband wirbt für Vorzüge des Aubildungsberufs
Birgit Jünger verantwortet im Zentralverband Sanitär, Heizung & Klima (ZVSHK) das Referat Marketing. Sie hat unter anderem die Kampagne „Zeit zu starten“ mit initiiert. Wörtlich: „Mit der bundeseinheitlichen Nachwuchswerbung ‚Zeit zu starten‘ legen wir die kommunikative Basis, auf der SHK-Innungsbetriebe bei ihrem Recruiting aufbauen können. Im Idealfall haben junge Menschen schon mal etwas von den vier abwechslungsreichen und zukunftsrelevanten Berufen gehört und der SHK-Unternehmer kann daran anknüpfen. So packen wir die Fachkräftesicherung gemeinsam an.“
Koordiniert wird die Kampagne vom Bundesverband ZVSHK, während die Landesverbände sie mit regionalen Maßnahmen, Kooperationen und gemeinsamen Kommunikationsanlässen mitgestalten. Auch Innungen und SHK-Betrieben bietet sie Möglichkeiten, sich aktiv einzubringen – von Social Media bis zu lokalen Veranstaltungen. Neu hinzu kommt aktuell die Kampagne #echtSHK.
Handwerkerinnen stark unterrepräsentiert
Dennoch tut sich das SHK-Handwerk mit der Rekrutierung von vor allem weiblichen Auszubildenden schwer. Nur 953 der insgesamt 40.770 Ausbildungsverhältnisse wurden bis Ende 2025 mit jungen Frauen besetzt. Ein Anteil von gerade mal 2,3 %. Noch einmal zum Vergleich: nicht nur das Schornsteinfeger-Handwerk kann mit etwa 17 % (361 von 2.101 Azubis) einen wesentlich höheren Frauenanteil in der Berufsausbildung aufweisen; auch Dachdecker (4,7 %) und Zimmerer (6,9 %) stehen hier deutlich besser dar.
Fakt ist: Frauen sind in technischen Berufen längst keine Ausnahme mehr – vielmehr sind sie eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Wer den Fachkräftebedarf in der heutigen Zeit decken will, muss Geschlechterklischees in der Berufswahl hinter sich lassen. Hinzu kommt, dass angesichts der technischen Entwicklungen im SHK-Handwerk zukünftig mehr Kopfarbeit als Muskelkraft gefragt sein wird. Innovative Smart Home-Technologie und klimaschonende Heizkonzepte wollen verstanden, bedient, gemessen sowie erläutert werden.
Viele Argumente für weibliche Nachwuchskräfte
Moderne Hebehilfen und Exoskelette machen es zudem möglich, auch schwere Wärmeerzeuger rückenschonend zu bewegen. Darüber hinaus geht es nicht immer nur um Technik, sondern auch um den guten Geschmack. In diesem Zusammenhang gilt es die weibliche Kompetenz in Sachen Stil und Designberatung zu nutzen – ein Aspekt, der speziell im Sanitärbereich genutzt werden sollte. Anspruchsvolle Bäder entstehen schließlich durch das Arrangement funktionaler Ablagen, schöner Armaturen sowie stimmungsvoller Lichtkonzepte in Kombination mit pflegeleichten Oberflächen.
Zudem sind es häufig Frauen, die hier entscheiden und damit letztlich das Budget verantworten. Sie akzeptieren die weibliche Kompetenz in handwerklichen Berufen gern und erfreuen sich an einer Beratung auf Augenhöhe. Des Weiteren ist davon auszugehen, dass der Organisationsgrad im Installations-Betrieb zukünftig eher steigen wird. Frauen, die in diesem Zusammenhang praktische Erfahrungen von der Baustelle mitbringen sind dahingehend besonders wertvoll.
Bereicherung durch Inklusion
Viele Handwerksbetriebe bieten heute bereits die Möglichkeiten zur Beschäftigung von Menschen mit Handicap. Häufig ist das gelebte Praxis, ohne dass diese Betriebe das unter dem Fachbegriff der Inklusion fassen würden. Gerade in Klein- und Familienbetrieben sind die Voraussetzungen für inklusives Arbeiten sehr gut. Trotzdem könnten es mehr sein: In Deutschland leben rund 7,9 Millionen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung (Grad der Behinderung mindestens 50 %). Davon sind etwa 1,12 Millionen im allgemeinen Arbeitsmarkt tätig. Der Rest ist wegen der Erwerbsminderung nicht beschäftigt, im Ruhestand oder in einer Ausbildung für Behinderte beziehungsweise aus anderen Gründen nicht beruflich aktiv. Rund 175.000 sind arbeitslos gemeldet und würden dem Arbeitsmarkt grundsätzlich zur Verfügung stehen (Quelle: Bundesagentur für Arbeit).
Katja Lilu Melder ist Bundesvorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk. Darüber hinaus beschäftigt die Meisterin im eigenen Betrieb mehrere Gehörlose sowie zwei Mitarbeiter mit Autismus. Sie hat dazu folgende Meinung: „Wenn wir ehrlich sind, können wir es uns im Handwerk gar nicht mehr leisten, auf Potenziale zu verzichten. Inklusion bedeutet nicht, Kompromisse einzugehen – sondern Chancen zu nutzen. Betriebe, die Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen eine Möglichkeit geben, gewinnen häufig besonders motivierte, loyale und engagierte Mitarbeitende. Gleichzeitig entstehen vielfältigere Teams, neue Perspektiven und oft ein stärkerer Zusammenhalt im Unternehmen. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich: Inklusion funktioniert nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis. Natürlich braucht es manchmal kleine Anpassungen – aber der Gewinn für den Betrieb ist meist deutlich größer als der Aufwand. Wer Vielfalt zulässt, stärkt nicht nur sein Team, sondern macht sein Unternehmen auch attraktiver für Nachwuchs, Kunden und Fachkräfte. Inklusion ist deshalb für mich kein sozialer Bonus, sondern ein echter wirtschaftlicher Erfolgsfaktor für das Handwerk.“
Studium versus Handwerk: Umdenken ist angesagt
Im Wintersemester 2025/26 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes insgesamt 2,87 Millionen Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Das entspricht einem leichten Anstieg von 0,4 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der sogenannte Bildungsirrtum manifestiert sich damit zusehends. Immerhin gibt es etwa achtmal soviel Studierende wie Auszubildende im deutschen Handwerk.
Unabhängig vom angestrebten Schulabschluss müssen junge Menschen gleichwertig über akademische und berufliche Bildung informiert werden, damit die Berufsorientierung den Interessen und Talenten wirklich gerecht wird. Nur wenn für Jugendliche (be)greifbar wird, dass sie ihre Karriere auf dem beruflichen Bildungspfad genauso selbstbestimmt, frei und individuell gestalten können wie mit einem Studium, werden sie sich auch für eine handwerkliche Ausbildung entscheiden.
Diese Gleichwertigkeit muss für junge Menschen aber auch nach der Entscheidung für eine Ausbildung spürbar bleiben: Genauso wie Studierende brauchen auch Auszubildende bezahlbare Wohnraumangebote. Wichtige Programme wie „Junges Wohnen“ müssen daher die Ausbildungsförderung noch deutlich besser einschließen. Vor allem Länder und Kommunen sind gefordert, Auszubildende stärker in den Blick zu nehmen und zusätzliche Angebote für das Azubi-Wohnen zu schaffen. Darüber hinaus muss es auch eine Gleichbehandlung im ÖPNV geben. Während Studierende häufig ein verbilligtes Semesterticket nutzen können (beispielsweise in Freiburg für 96 Euro im Halbjahr), dürfen Auszubildende ihre Reisen zur Berufsschule oder der Überbetrieblichen Ausbildungsstätte komplett ohne Vergünstigung selbst finanzieren.
Duales Studium: Das Beste aus Theorie und Praxis
Vielleicht müssen sich auch die Verantwortlichen in den Handwerksverbänden und Innungen verstärkt fragen, ob sie jungen Menschen ausreichend attraktive Bildungswege im handwerklichen Bereich aufzeigen. Gibt es genügend spannende Studienangebote im Handwerk? Oder lassen wir diesen Bereich hauptsächlich von universitären Strukturen prägen, die mit der praktischen Umsetzung nur wenig Berührung haben?
Seit vielen Jahren gibt es positive beispielsweise dafür ein den Zugang zwischen Handwerk und Studium zu verbessern – und zwar in beide Richtungen. Denn es gibt durchaus positive Beispiele, wie es gelingen kann, Theorie und Praxis sinnvoll zu verbinden. Ein gelungenes Modell ist der duale Bachelorstudiengang Energie- und Gebäudetechnik an der TH Köln. Dieses Studium kombiniert ein wissenschaftliches Hochschulstudium mit einer vollwertigen Ausbildung zum/zur Anlagenmechaniker*in für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (SHK). Innerhalb von neun Semestern erlangen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowohl den akademischen Grad als auch den Gesellenbrief – eine starke Kombination, die dem Handwerk wirklich zugutekommt.




