Bund unterschätzt Wirtschaftsspionage 03.02.2014, 13:48 Uhr

VDI-Chef Appel: „Mindestens 100 Milliarden Euro Schaden pro Jahr“

Auf rund 100 Milliarden Euro jährlich schätzt VDI-Chef Ralph Appel den Schaden durch Wirtschaftsspionage in Deutschland. Und damit doppelt so hoch wie das Bundesinnenministerium. Der Grund: Viele Betroffene bemerken die Angriffe nicht oder schweigen aus Scham. Appel warnt zudem vor den Konsequenzen des Fachkräftemangels. 

VDI-Chef Ralph Appel geht beim Thema Wirtschaftsspionage von einer enormen Dunkelziffer aus. Zu den Konsequenzen zähle der Verlust von Technologieführerschaft und Arbeitsplätzen. 

VDI-Chef Ralph Appel geht beim Thema Wirtschaftsspionage von einer enormen Dunkelziffer aus. Zu den Konsequenzen zähle der Verlust von Technologieführerschaft und Arbeitsplätzen. 

Foto: VDI

Der Schaden durch Wirtschaftsspionage ist doppelt so hoch wie vom Bundesinnenministerium angenommen. Dieser Überzeugung ist Ralph Appel, neuer Chef des größten technisch- wissenschaftlichen Vereins Europas, dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI). „Der Bundesinnenminister schätzt den jährlichen Schaden auf 50 Milliarden Euro. Ich halte diese Zahl für viel zu niedrig. Ich gehe davon aus, dass der Schaden, der deutschen Unternehmen durch Wirtschaftsspionage entsteht, mindestens 100 Milliarden Euro pro Jahr beträgt“, sagte Appel im Gespräch mit der Rheinischen Post. „Wir haben es mit einer enormen Dunkelziffer zu tun. Nur ein kleiner Teil der Unternehmen, die von der Konkurrenz ausgespäht werden, bemerkt den Schaden überhaupt. Und selbst davon machen nicht alle Opfer ihren Schaden bekannt, weil sie einen Imageschaden gegenüber Kunden und Wettbewerbern befürchten.“ 

Spione dringen über das Internet in Betriebsgeheimnisse ein

Dass Wirtschaftsspionage zu einem immer bedrohlicheren Thema wird, darin sind sich Appel und Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich einig. „Es gibt keinen Grund zur Entwarnung, im Gegenteil: Die Unternehmen müssen wissen, dass Wirtschaftsspionage rasant zunimmt. Konkurrenten können über das Internet mittlerweile oft sehr tief in Betriebsgeheimnisse eindringen“, warnt Friedrich. „Für einen erfolgreichen Schutz unserer Wirtschaft müssen wir das Bewusstsein für die noch immer unterschätzte Gefahr deutlich erhöhen.“ Wirtschafts- und Industriespionage sei eine leise, aber mächtige Bedrohung. „Die Auswirkungen zeigen sich zeitlich verzögert durch den Verlust der Technologieführerschaft. Das bedeutet immer auch Verlust von Arbeitsplätzen.“ 

DIHK will Mittelständler sensibilisieren

Besonders mittelständische Unternehmen sind Angriffen von Spionen meist noch schutzlos ausgeliefert. „Großkonzerne sind sich des Risikos der Industriespionage in der Regel viel bewusster als kleinere Unternehmen und wappnen sich entsprechend. Diese Sensibilisierung müssen wir auch bei mittelständischen Unternehmen noch stärker erreichen“, sagt Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Sicherheit darf nicht nur als Kostenfaktor gesehen werden – die Schäden, die durch Spionage und Wirtschaftskriminalität entstehen, sind vielfach deutlich höher als die erforderlichen Investitionen in Sicherheit.

Appel warnt vor Bedrohung durch Fachkräftemangel

Appel warnt zudem vor dem Fachkräftemangel. „Die Zahl der offenen Stelle nimmt zu. Das ist ein Zeichen für den Anstieg der Konjunktur. In den Bereichen Energietechnik, Elektrotechnik und Maschinen- und Fahrzeugbau fehlen die meisten Ingenieure“, so Appel. Laut aktuellem Ingenieurmonitor gab es im Dezember 2013 rund 63.000 zu besetzende Stellen auf dem Ingenieurarbeitsmarkt. Dieser Engpass lässt sich kurzfristig noch durch den Wegfall der Wehrpflicht und den doppelten Abiturjahrgang ausgleichen. Appel: „Mittelfristig werden wir aber zu wenig Ingenieure haben, weil die deutsche Gesellschaft immer kleiner wird.“ Zusätzliches Problem sei hier auch die Akademisierung. „Sie führt dazu, dass immer mehr Leute Maschinen und Anlagen entwerfen, aber immer weniger in der Lage sind, diese Maschinen auch zu bauen.“ 

Ein Beitrag von:

  • Patrick Schroeder

    Patrick Schroeder arbeitet als freiberuflicher Journalist für Zeitschriften und Onlinemagazine wie die VDI Nachrichten und Ingenieur.de.

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