Ernährung 01.12.2000, 17:27 Uhr

Tiermehlverbot – Augenwischerei

Die BSE-Krise ist eine Geschichte von Lügen und Fehlentscheidungen der Politiker. Ob die jetzt diskutierten Maßnahmen ausreichend schützen, bleibt ungewiss.

Seit vergangenem Freitag ist in Deutschland nichts mehr, wie es einmal war. Das vermeintliche Gütesiegel „BSE-freie Zone“ passt hierzulande nicht mehr. Zwei tote Rinder strafen bisherige Beteuerungen von Politikern bezüglich der Sicherheit des deutschen Rindfleisches Lügen. Schadensbegrenzung und Widerherstellung des Vertrauens lautet daher jetzt das politische Motto. Dass dabei wirksame Wege zur Bekämpfung von BSE eingeschlagen werden, bezweifeln viele Kritiker.
Das fängt bereits beim Tiermehlverbot an. Selbst unter Experten herrscht zur Zeit Verwirrung darüber, was eigentlich ins Rinderfutter gemischt werden darf. Bisher gilt Kraftfutter sogar noch als tiermehlfrei, wenn es Tierfette, Knochen- und Blutmehl enthält. „Inwiefern sich das mit dem geplanten Tiermehlverbot ändern wird, bleibt abzuwarten“, sagt Prof. Ernst Pfeffer, Experte für Tierernährung der Universität Bonn.
Futtermittelhersteller und Bauernverbände plädieren nach wie vor dafür, einzelne tierische Bestandteile im Tierfutter zuzulassen. „Man darf das Kind jetzt nicht mit dem Bade ausschütten“, sagt Dr. Hubert Grote vom Deutschen Verband Tiernahrung. Das Hauptproblem der Branche ist, Ersatz für das Futter aus Schlachtabfällen und Tierkadavern zu finden. „Soja allein reicht nicht“, erklärt Grote, „die Tiere brauchen auch Phosphor und Kalzium, und billigen Ersatz gibt es bisher nicht.“ Warum also nicht weiter aufbereitete Schlachtabfälle in die Futtertröge von Schweinen und Geflügel schütten, fragt Grote. Immerhin würden sich ja die Verbraucher auch weiterhin von Fleisch ernähren. Nutztieren könnten also die im Schlachthof anfallenden Reste wohl kaum schaden, beschwichtigt er.
Neben der genauen Definition, welche Tierreste künftig im Futtertrog landen dürfen, bleibt auch zu klären, ob Tiermehl zukünftig als Düngemittel erlaubt bleibt. Experten des wissenschaftlichen Beirats Bodenschutz sehen darin eine Gefahr. So zeigten Experimente, dass der Erreger von Scrapie – verwandt mit BSE — bis zu drei Jahren unbeschadet im Boden überdauern kann und seine Infektiösität nicht einbüßt.
Ob sich der BSE-Erreger ähnlich wie der Scrapie-Erreger verhält, müsse deshalb dringend geklärt werden, fordern die Umweltexperten in einem Gutachten für den Deutschen Bundestag. Bis dahin besteht nach Auffassung der Kommission „ein erheblicher Grund zur Besorgnis“, da nicht auszuschließen sei, dass sich weidende Kühe mit der Seuche anstecken. Weideflächen, die unter Verdacht stehen, verseucht zu sein, müssten unter Quarantäne gestellt werden, bis ihre Ungefährlichkeit bewiesen ist, lautet die Empfehlung der Experten.
Tiermehl gilt nach wie vor als wahrscheinlichster Träger des BSE-Erregers. Ob der Stoff wirklich BSE übertragen kann, ist allerdings immer noch ein großes Rätsel. Bislang ist es nicht gelungen, in Versuchsherden auch nur ein einziges Rind durch Fleischmehl im Futtertrog zu infizieren.
Wie lange es von der BSE-Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit dauert, ist bislang ebenfalls noch nicht geklärt. Große Unsicherheit herrscht daher, was die Aussagekraft des BSE-Schnelltest betrifft. Der Test, mit dem vergangene Woche das BSE-infizierte Rind in Schleswig-Holstein aufgespürt wurde, schlägt in der Regel nur unmittelbar vor Ausbruch der Krankheit an. Wegen der langen Inkubationszeit der Seuche bedeutet daher ein negatives Ergebnis keine Entwarnung. Bis die BSE-Tests Erreger finden können, sind die meisten Rinder längst auf dem Tisch der Verbraucher gelandet, da der Großteil der Schlachttiere jünger ist als drei Jahre. ELKE BODDERAS

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