CITIZEN SCORE 09.10.2015, 07:50 Uhr

Staatliches Ranking: Wie China den bravsten Bürger sucht

Es ist eine gruselige Aussicht, wie China seine Bürger noch mehr knebeln will: Nur wer hohe Punktzahlen in seinem sozialen, persönlichen und politischen Verhalten erreicht, kann künftig noch einen Kredit bekommen oder ins Ausland reisen. Das Internet wird zum Schauplatz des Wettkampfes um den bravsten Bürger. Wenn es stimmt, was im Internet steht.

Schöne neue Welt in China: Die Alibaba-Manager Joe Tsau, Jack Ma und Jonathan Lu auf einem Tablet-Computer. Angeblich ist das Internet-Unternehmen dabei, mit der chinesischen Regierung ein Bürger-Ranking einzuführen. Wer sich wohl verhält und bloß nicht regimekritisch äußert, bekommt viele Punkte und damit Vorteile bei Krediten und Reisewünschen.

Schöne neue Welt in China: Die Alibaba-Manager Joe Tsau, Jack Ma und Jonathan Lu auf einem Tablet-Computer. Angeblich ist das Internet-Unternehmen dabei, mit der chinesischen Regierung ein Bürger-Ranking einzuführen. Wer sich wohl verhält und bloß nicht regimekritisch äußert, bekommt viele Punkte und damit Vorteile bei Krediten und Reisewünschen.

Foto: Sherwin/dpa

Hätte George Orwell schon die Möglichkeiten des Internets gekannt, dann hätten ihn sicher die Pläne der kommunistischen Regierung Chinas schockiert, die zur Zeit im Internet kursieren auf Portalen wie Computerworld und Boing. Wie man mithilfe des World Wide Web jeden einzelnen Menschen überwachen und steuern und ihm auch noch das Gefühl subjektiver Freiheit vermitteln kann, das führt die chinesische Regierung gerade eindrücklich vor.

Das Erschreckendste daran ist vielleicht, dass die Methode des „Citizen Score“ schon vor einem Jahr angekündigt wurde, aber seither kaum Beachtung in der westlichen Welt gefunden hat. Ist es einfach nur normal, dass das Regime jedes Verhalten seiner Bürger bewertet und eine Art Wettkampf darüber anzettelt, wer die höchste Punktzahl erreicht und dann vielleicht ein Auto mieten oder gar mal nach Singapur reisen darf?

Oder ist es ganz anders? Ist die Geschichte, die jetzt gerade wieder Kreise zieht, ein Internetmythos? Als Quelle wird immer wieder ein belgischer China-Experte von der Universität Oxford genannt. Irgendwelche offiziellen Stellen beispielsweise in Europa, die sich zu dem Thema äußern, sind nicht aufzutreiben. Und dieser Belgier? Man findet ihn nicht leicht, aber es gibt ihn in der Liste der Angestellten der Oxford University, diesen Rogier Creemers.

Bloß nicht Online-Spiele zocken und Regierung kritisieren

Also muss es wohl stimmen, was da behauptet wird. Dass China ein System eingeführt habe, in dem jeder Bürger registriert ist und auf einer Skala des Wohlverhaltens zwischen 350 und 950 Punkte erreichen kann. Hilfreich ist demnach, wenn man keine Online-Spiele spielt, die Regierung nicht kritisiert, aber die aus Sicht der Staatsführung richtigen Produkte kauft. Außerdem sollte man das Wort „Tienanmen“ nicht benutzen, also niemals behaupten, es hätte auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ in Peking jemals ein Massaker an friedlichen Bürgern gegeben.

Erfüllt man all diese Kriterien, dann lässt sich beispielsweise ein „Bürgerwert“ von 600 Punkten erreichen, der dazu berechtigt, einen Kredit in Höhe von umgerechnet rund 700 Euro zu erhalten.

Sie waren nach dem Börsengang völlig aus dem Häuschen, die Beschäftigten der chinesischen Handelsplattform Alibaba: Der Internet-Riese ist eng mit dem kommunistischen Regime des Landes verbandelt.

Sie waren nach dem Börsengang völlig aus dem Häuschen, die Beschäftigten der chinesischen Handelsplattform Alibaba: Der Internet-Riese ist eng mit dem kommunistischen Regime des Landes verbandelt.

Foto: Sherwin/dpa

Wer die Schwelle von 700 Punkten überschreitet, darf demnach sogar auf eine Erlaubnis zur Reise nach Singapur hoffen. Und bei 750 und mehr Punkten winkt schließlich ein Visum für den Trip beispielsweise nach Europa. Wer dagegen in den unteren Tabellenregionen herumdümpelt, der bekommt noch nicht einmal einen anständigen Job. Im Übrigen sind die Werte aller Bürger für jeden stets sichtbar.

Internet-Gigant Alibaba soll mitmischen

Bislang ist das System freiwillig, soll aber ab dem Jahr 2020 für alle chinesischen Bürger zur Pflicht werden. Verwaltet und organisiert wird das Ganze von den beiden großen Internetfirmen Alibaba und Weibo, die natürlich regimetreu sind. So jedenfalls lauten die übereinstimmenden Berichte, die von Deutschland aus schwer zu überprüfen sind. Renommierte klassische Medien haben bislang nicht über das Thema berichtet, Links in Online-Berichten führen in keinem Fall direkt zu entsprechenden chinesischen Seiten.

Dass Alibaba mit von der Partie sein soll, wundert nicht. Auf der CeBIT hatte Alibaba-Gründer Jack Ma gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Neuigkeit vorgestellt: das Einkaufen per Gesichtserkennung. Die Technik lässt sich bestimmt auch für das Citizen Score einsetzen.

Wäre zu hoffen, dass die Geschichte nur ein Internet-Fake ist. Aber wenn man bedenkt, wie das Land mit seinen Regime-Kritikern umgeht, ist zu befürchten, dass es wirklich bald den Bürger Score gibt – und die Chinesen sogar freudig mitmachen.

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