Datenschutz 07.07.2000, 17:25 Uhr

Software überwacht den privaten Internetverkehr

Wie anonym ist noch das Surfen im Netz? Seit Spionagesoftware erschwinglich geworden ist, werden Mitarbeiter zu Schnüfflern und Ehefrauen zu Privatdetektiven.

Damit hatte Fred Hunter nicht gerechnet. Wutentbrannt schleuderte seine Verlobte ihm seitenweise Computerausdrucke ins Gesicht. „Wie konntest Du mir das antun“, schrie sie. „Du hast mich hintergegangen, ich will Dich nicht mehr sehen!“ Dann stürmte sie aus der Wohnung und knallte die Tür hinter sich zu. Hunter hob die auf dem Boden verstreuten Papiere auf. „Ich konnte zuerst nicht glauben, was da stand“, erinnert er sich. „Das waren Protokolle von Webseiten, die ich mir im Internet angesehen hatte. Meine E-Mails standen da und alles, was ich in den Chatrooms so geschrieben hatte.“

Das Surfen im Netz wurde dem Makler aus Arizona zum Verhängnis. Im Internet flirtete er mit anderen Frauen, und seine Verlobte fand das heraus. Sie hatte auf seinem Computer heimlich eine Spionagesoftware installiert. Jedesmal, wenn Hunter ins Internet ging, schrieb die Software mit und speicherte Webadressen, E-Mails und Online-Konversationen auf eine versteckte Datei. So kam sie hinter seine Internet-Flirts. Enttäuscht sagte sie die geplante Hochzeit ab. Auch Fred Hunter war enttäuscht: „Sie hat mich betrogen, indem sie heimlich in meiner Privatsphäre rumgeschnüffelt hat.“

Freiwillig oder unfreiwillig: Wer das Internet zum Einkaufen und Kommunizieren benutzt, gibt einen Teil seiner Privatsphäre preis. Jedes Mal, wenn wir eine Webseite aufrufen, hinterlassen wir Spuren im Netz. Außerdem – und das ahnen die Wenigsten – speichern Web-Server Informationen über unser Surfverhalten auf den Festplatten unserer Computer. Diese so genannten Cookie-Dateien erfassen zum Beispiel, wie oft man sich welche Internetseiten anschaut. Mit diesem Wissen können Firmen dann gezielter werben. So wunderte sich eine junge New Yorkerin, als plötzlich Post von Afrika-Reiseveanstaltern ihren Briefkasten überschwemmte. „Einmalige Safaris“ und 40 000-Dollar-Reisen wie „Mit dem Privatjet über Afrika“ wurden ihr persönlich angeboten. Sie hatte kurz zuvor eine Internetseite über Nationalparks und Safaris in Kenia besucht und damit das Interesse der Reiseveranstalter geweckt.

Je öfter man das digitale Netz nutzt, desto detaillierter und genauer wird das Kundenprofil, das in den verschlüsselten Cookie-Dateien gespeichert wird. Die meisten Internetsurfer wissen nichts davon. Sie geben ihre Einwilligung zum Sammeln von Daten unbewusst, sobald sie sich bei einem Dienstleister anmelden. Die Regeln über Datenschutz stehen bei der Einwilligungserklärung nämlich ganz hinten im Kleingedruckten, und kaum jemand liest den umständlichen, langen Text zu Ende, bevor er auf das Feld „Ich akzeptiere“ klickt.
Da das Internet immer populärer wird, warnen US-Bürgerrechtler und Computerexperten vor dem Verlust der Privatsphäre im Netz. Nach dreijähriger Entwicklungszeit liegt jetzt mit P3P erstmals der Entwurf für einen neuen Sicherheitsstandard vor. Entwickelt wurde P3P von W3C, einem weltweiten Konsortium von 450 Medien- und Computerfirmen wie AT&T, IBM, Microsoft, AOL-Time Warner oder der BBC.

Wer die Software P3P installiert, muß angeben, welche Informationen er Web-Servern bekanntgeben will. Jedes Mal, wenn der Nutzer eine Webseite aufruft, die darüber hinaus Daten sammeln will, zeigt der Bildschirm eine Warnung an. Das funktioniert allerdings nur dann, wenn auch der Anbieter der Webseite beim P3P-Protokoll mitmacht. Doch gerade Internetanbieter, die viele Daten sammeln, dürften daran kein Interesse haben und sich P3P verweigern. Dann aber macht die Software für den Nutzer wiederum keinen Sinn. Computerexperten und Bürgerrechtler haben P3P daher heftig kritisiert: Der Standard sei kompliziert und kontraproduktiv. Das Ganze sei lediglich ein lahmer Versuch, Konsumenten und Politiker zu beruhigen und damit scharfe Datenschutzgesetze abzuwenden. Auch bei der EU stößt das Sicherheitsprogramm des Unternehmenskonsortiums auf wenig Gegenliebe. Schon während der Entwicklungszeit von P3P lehnte Brüssel den Standard als unzureichend ab.

So geht die Diskussion über den Datenschutz im Internet weiter. Die Frage nach der Rechtmäßigkeit von Spionagesoftware bleibt dabei noch weitgehend unberücksichtigt.
Durfte die Verlobte von Fred Hunter heimlich seinen Computer anzapfen? „Es ist nicht eindeutig, ob so etwas legal oder illegal ist“, antwortet US-Anwalt Mike Godwin, der auf digitales Recht spezialisiert ist. Jeder amerikanische Bundesstaat regelt das anders ein nationales Datenschutzgesetz für digitale Medien gibt es nicht. „Aber wenn jemand ohne mein Wissen auf meinen Computer Software installiert, würde ich ihn auf jeden Fall verklagen“, rät der Rechtsexperte.

Spionagesoftware gibt es schon seit Jahren. Doch bisher war sie teuer und kompliziert und wurde nur von Staatsanwälten zur geheimen Recherche oder von großen Firmen zur Überwachung ihrer Mitarbeiter genutzt. Heute kann sich jeder für 50 Dollar bis 100 Dollar Schnüffelprogramme wie Spector, Cybersnoop oder „007 – der heimliche Recorder“ kaufen.
Spector zum Beispiel speichert in der Standardformatierung alle 30 Sekunden das Monitorbild. Jede Webseite, jede E-Mail, jede Datei, die man öffnet und jeder digitale Bankvorgang wird registriert. Die Informationen landen in einer versteckten Datei, die selbst computerkundige Nutzer nicht auf der Festplatte entdecken können. Selbst verschlüsselte Texte können die Schnüffler lesen, denn mit Spector lassen sich auch Passwörter entziffern.

Ursprünglich war die Software für besorgte Eltern gedacht, damit sie ihre Kids beim Surfen im Internet überwachen können. Doch die meisten Spector-Käufer sind misstrauische Eheleute. Eine Frau aus Nashville zum Beispiel fand mittels Spector heraus, dass ihr Mann sich im Internet ständig Pornoseiten ansah und in Sex-Chat-rooms mit seinen außerehelichen Affären angab. Der Mann wusste nicht, dass sein PC überwacht wird. Er fand es erst heraus, als der Scheidungsanwalt seiner Frau ihm die peinlichen Computerausdrucke in die Hand gab. „Spector ist nichts anderes als ein Privatdetektiv“, verteidigt die Ehefrau aus Nashville ihr Vorgehen. „Das ist nur die moderne Form von etwas, was die Menschen seit Jahrhunderten tun.“
Die Firma Spectorsoft hat jetzt eine neue Software entwickelt, mit der man angezapfte Computer auch aus der Ferne überwachen kann. Die Software E-Blaster schickt gesammelte Daten per E-Mail an denjenigen, der die Spionagesoftware installiert hat. Und wieder merkt der Ausspionierte nichts.

Er habe E-Blaster nach unzähligen Anfragen von Kunden entwickelt, sagt Spectorsoft-Präsident Doug Fowler. Darunter seien Eltern gewesen, die vom Büro aus die Computeraktivitäten ihrer Kinder kontrollieren wollten. Viele Anfragen kommen von Männern und Frauen, die nicht mit ihrem Partner zusammenleben. Und ein Vater wollte E-Blaster auf den Computer seiner Tochter installieren, damit er sie auch im fernen Studienort noch überwachen kann.

Wenn Fred Hunter geahnt hätte, dass ihm seine Verlobte misstraut, wäre seine Beziehung vielleicht noch zu retten gewesen. Um E-Blaster zu enttarnen, gibt es nämlich einen einfachen Trick. Hätte Hunter auf seinem Computer die Tasten Strg-Alt-Shift-T gleichzeitig gedrückt, hätte er die Spionagesoftware entdeckt.

 

Schutz vor Datenschnüfflern

Wer anonym surfen will, besucht nach dem Start als erstes http://www.anonymizer.com. Dort erhält man (kostenpflichtig) eine Scheinidentität, die keine Rückschlüsse auf die Person zulässt. Nachteil: Surfen kann dadurch langsamer werden.

Cookies kann man unterdrücken, oder den Browser so einstellen, dass vor dem Anlegen einer solchen Datei eine Warnung auf dem Bildschirm erscheint. Die Einstellungen finden Sie bei Navigator 3.0 unter der Menüleiste OptionsNetwork PreferencesProtocols Navigator 4.0 unter BearbeitenEinstellungenErweitert. Beim Intenet Explorer 3.0 unter AnsichtInternetoptionenErweitert Internet Explorer 4.0 unter AnsichtInternetoptionenInhaltProfil. Verschiedene Firmen bieten Programme an, mit denen sich Cookies von der Festplatte verbannen lassen. Eine einfache Alternative dazu: Löschen Sie die Cookies!

Von Stephanie Wätjen

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