Ernährung 05.11.2004, 18:34 Uhr

Feuerfester Speisefisch

Kann man Speisefisch, der Flammschutzmittel enthält, noch grillen? Denn in Lachsproben aus der ganzen Welt wurden kürzlich polybromierte Diphenylether, PBDE, gefunden. Für einige dieser Flammschutzmittel aus der Familie der bromierten Diphenylether gibt es bereits Anwendungsverbote der EU, aber die gehen Umweltschützern nicht weit genug.

Eine amerikanische Forschergruppe veröffentlichte im August spektakuläre Ergebnisse zu PBDE-Untersuchungen in Lachsen. 700 Proben aus Supermärkten und von Fischhändlern rund um den Erdball analysierten Roland Hites und seine Kollegen von der Universität Indiana. Europäische Produkte waren mit durchschnittlich 3 Nanogramm PBDE pro Gramm Frischgewicht höher belastet als amerikanische oder chilenische.
Zuchtlachse enthielten insgesamt deutlich mehr PBDE als Wildlachse, mit einer Ausnahme: In kanadischem Chinhood Wildlachs wurden Spitzenwerte bis zu 4 Nanogramm gefunden. Die Wissenschaftler empfehlen eine deutliche Kennzeichnung, wie und wo die Fische aufgezogen wurden. Denn Lachse in Zuchtfarmen werden mit Fischöl und Fischmehl gemästet, die mit Bromverbindungen belastet sind.
Die Verbindungen, die den Lachs kontaminierten, gehören zu einer neuen Generation der Umweltgifte, die mittlerweile schon in Eisbären gefunden werden. Sie sind hormonell wirksam und stehen im Verdacht, Krebs auszulösen. Die Diphenylether können unterschiedlich durchbromiert sein und werden als Penta-, Okta- oder Dekaverbindungen vor allem zum Flammschutz eingesetzt. Rund 70 000 t im Jahr werden weltweit etwa in Polstergarnituren, Autositze, Matratzen, Textilien, Computergehäuse oder Dämmplatten eingearbeitet. An die Umwelt können die Substanzen bei der Herstellung, der Verarbeitung oder aus Abfällen flammgeschützter Gegenstände gelangen. In der Nutzungsphase gasen sie aus und belasten nachweislich die Innenräume.
Auf die tatsächlichen Eintragspfade etwa in die Antarktis können sich die Experten noch keinen endgültigen Reim machen. Man geht davon aus, dass sie sich auf ähnlichem Weg verteilen wie die alten Gifte, PCB und Dioxine. PBDE können an Staub haftend lange Strecken in der Luft zurücklegen. An Schwebeteilchen klebend, bewegen sie sich durchs Wasser und setzen sich im Sediment ab.
Hier beginnt die Nahrungskette der Meeresbewohner. Sie fressen sich über einen längeren Zeitraum eine immer höhere Dosis an. Je fetter der Fisch, desto mehr Flammhemmer reichern sich im Fettgewebe an. Nicht nur in Fisch, sondern überhaupt in biologischem Material, Muttermilch eingeschlossen, nehmen bromierte Flammschutzmittel zu.
Das ergaben amerikanische Untersuchungen. Die Konzentration der Gifte verdoppelt sich in Nordamerika alle drei bis fünf Jahre. Das ist so erstaunlich nicht. Schließlich gehen hier rund 97 % der weltweit hergestellten Penta-BDE hin. Die strengen amerikanischen Brandschutzbestimmungen erfordern die Ausrüstung fast aller Alltagsgegenstände mit Flammhemmern, um die Entflammbarkeit herabzusetzen.
Nicht nur in Amerika, auch in Europa stehen die bromierten Verbindungen bei Untersuchungsreihen von Umweltproben ganz oben. Zwar gehen Experten davon aus, dass Europa im Vergleich zur USA weniger von diesen Giften abbekommt und die Belastungen in Mitteleuropa in der letzten Zeit zurückgehen oder mindestens stabil bleiben.
In Deutschland gibt es dennoch keine systematischen Daten aus biologischen Proben. Mit zahlreichen Studien soll jetzt die Datenbasis verbessert werden. „Schließlich sind fetthaltige Lebensmittel, wie Fisch, eine wesentliche Quelle für bromierte Verbindungen, die auf unseren Tellern landen“, meint Peter Lepom, Leiter des Wasseranalytiklabors beim Umweltbundesamt.
Feuerfeste Fische gibt es beispielsweise in Nord- und Ostsee, wie neueste Messungen der Berliner Umweltbehörde ergaben. Im August hat die EU ein Verwendungsverbot für Penta- und Okta-BDE verhängt. Enttäuschung macht sich bei den Umweltverbänden breit, da das Verbot die Deka-Verbindung ausschließt. Deka ist mit 94 % der am häufigsten eingesetzte Diphenylether in Europa, dem neben Persistenz mittlerweile auch neurotoxische Wirkungen nachgesagt werden. „Das ist, als ob man die Haustür abschließt und die Hintertür weit offen lässt“, beschwert sich Nadja Ziebarth von der Aktionskonferenz Nordsee.
Dennoch „schläft“ die EU nicht, meinen Beobachter. Für das Dekabrom hat die europäische Kommission eine Risikobewertung abgeschlossen und plant zwar vorerst keine Maßnahmen, indes prüft sie anhand von Beobachtungsprogrammen, ob die Substanz nicht doch irgendwo unvermutet auftaucht. Das sperrige Molekül mit seinem niedrigen Dampfdruck ist schwer löslich und im Prinzip bleibt es da liegen, wo es in die Umwelt gelangt ist, meinen Fachleute. Beispielsweise wurde es in der näheren Umgebung von Textilveredelungen, Möbelindustrie oder an Produktionsstandorten der Brandverzögerer nachgewiesen.
In äußerst geringen Mengen wurde die vollständige Verbindung bis jetzt nur in Wanderfalkeneiern und wenigen Fischen entdeckt. Allerdings liefern neuere Untersuchungen zum Abbauverhalten Hinweise, dass die langkettigen Moleküle von bestimmten Fischarten, zum Beispiel Karpfen, geknackt werden. Oder durch Umwelteinflüsse, wie UV-Strahlung, zerstückelt werden. Dabei entstehen niedrigbromierte, stärker toxische PBDE.
Ganz große Kritiker wiederum zweifeln die Qualität der Messdaten an, denn die meisten Labors seien gar nicht in der Lage, den Stoff analytisch zu erfassen. Bewiesen ist also nichts, nur nachgewiesen werden die Gifte jetzt schon im Blut von Kindern, das machte der WWF in seiner aktuellen Studie bekannt. KATHLEEN SPILOK

Von Kathleen Spilok
Von Kathleen Spilok

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Technischer Vertrieb & Beratung

Viessmann Group-Firmenlogo
Viessmann Group Vertriebsingenieur (m/w/d) im Bereich Energie- oder Versorgungstechnik / TGA / Energiewirtschaft Mörfelden-Walldorf
Aras Software GmbH-Firmenlogo
Aras Software GmbH Customer Success Manager (m/w/d) Gröbenzell
TÜV NORD CERT GmbH-Firmenlogo
TÜV NORD CERT GmbH Freiberufliche Auditoren*Auditorinnen (m/w/d) deutschlandweit
BAUER KOMPRESSOREN GmbH-Firmenlogo
BAUER KOMPRESSOREN GmbH Leiter Vertrieb Atemluftkompressoren (m/w/d) München
SPITZKE SE-Firmenlogo
SPITZKE SE Kalkulator (m/w/d) Bahninfrastruktur Buchloe
ifm electronic gmbh Vertrieb Deutschland-Firmenlogo
ifm electronic gmbh Vertrieb Deutschland Vertriebsmitarbeiter / Sales Engineer Sensorik und Steuerungstechnik (m/w/d) Region Bayern
VPA Prüf- und Zertifizierungs GmbH-Firmenlogo
VPA Prüf- und Zertifizierungs GmbH Prüfstellenleitung / Laborleitung (w/m/d) Remscheid
Vaillant Deutschland GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Vaillant Deutschland GmbH & Co. KG Technischer Vertriebsingenieur (m/w/d) Innendienst Großraum Bielefeld
JÖST GmbH + Co. KG-Firmenlogo
JÖST GmbH + Co. KG Vertriebsingenieur (m/w/d) Chemie und Nahrung Dülmen (bei Münster)
JÖST GmbH + Co. KG-Firmenlogo
JÖST GmbH + Co. KG Vertriebsingenieur (m/w/d) Sichter- und Siebtechnik Dülmen (bei Münster)

Alle Technischer Vertrieb & Beratung Jobs

Top 5 Verbrauche…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.