Ernährung 30.05.2003, 18:25 Uhr

Der Wahnsinn mit den Tests

„Eher wird man vom Stein erschlagen, als dass man sich mit BSE ansteckt“, sagen Forscher. Dennoch werden für 135 Mio. € jährlich Rinder getestet. Viele der Tests sind überflüssig.

Von Horror keine Spur. Nicht wie im November 2000, als plötzlich das erste positive Rind in Deutschland da war, Diagnose BSE. Allein in Großbritannien, so die Prognose der Forscher, hätten sich schon 80 000 Menschen mit BSE infiziert. Sie alle müssten qualvoll sterben.
Statt dessen: Gute Nachrichten von der Rinderwahnsinnfront. Die beste lautet, dass die Zahl der Opfer der neuartigen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit in Großbritannien sinkt. Noch im Jahr 2000 registrierte man 28 Tote, ein Jahr später 20 und 2002 noch 17. In Deutschland ist niemand gestorben. Die Epidemie ist ausgeblieben, die Reihen der Vegetarier haben sich gelichtet. Durch BSE fühlt sich kaum noch jemand gefährdet, haben die Meinungsforscher vom Allensbach-Institut ermittelt.
Unterdessen wird die Forschung in Deutschland nach wie vor massiv gefördert. Die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) hat fast 15 Mio. # in die BSE-Forschung gepumpt, mehr als das Doppelte haben Bund und Länder bewilligt.
Immer mehr Forscher bezweifeln den Nutzen der Tests. Hierzulande werden pro Tag 10 000 Rinder routinemäßig auf BSE getestet. „An einem Tag“, kritisiert der Mainzer Professor für Mikrobiologie Sucharit Bhakdi, „werden 300 000 # für die Tests ausgegeben.“ Das sind 135 Mio. jährlich – für Bhakdi „nichts anderes als Verschwendung.“
Das Geld solle man laut Bhakdi lieber für andere Zwecke ausgeben. „Schließlich ist es wahrscheinlicher, von einem Stein erschlagen zu werden als BSE zu bekommen.“ Tatsache ist: Von den 6 Mio. untersuchten deutschen Rindern ist der Test bisher bei 243 Tieren positiv ausgefallen, das entspricht einer Quote von 0,04 ‰.
Wie groß die Bedrohung durch BSE tatsächlich ist, versuchen derzeit auch Wissenschaftler der Universität München zu klären. Bis Ende des Jahres wollen sie eine BSE-Risikoanalyse vorlegen. „Es muss sicher sein, dass die Vielzahl der Tests dem Verbraucher nicht eine Sicherheit vorgaukelt, die es so nicht gibt“, sagt der Tierhygieniker Prof. Andreas Stolle, einer der beteiligten Forscher.
Die nach den ersten BSE-Fällen eingeführten Schnelltests liefern keine 100 %ige Sicherheit. Mit den Tests lassen sich die Prionen nur im Gehirn geschlachteter Rinder nachweisen, deren BSE-Infektion bereits fortgeschritten ist. „Es macht keinen Sinn, Tiere unter 24 Monaten auf BSE zu testen, da die bisher verfügbaren „post mortem“ Tests zu diesem Zeitpunkt nicht sensitiv genug sind, um den BSE-Erreger zu finden“, urteilt Dr. Martin Groschup, Leiter des Instituts für neue und neuartige Viruskrankheiten der Tiere (BFAV).
BSE-Tests müssen seit 2001 in Deutschland bei allen geschlachteten Rindern mit einem Alter über 24 Monate durchgeführt werden. Stolle hält die Tests sogar erst ab einem Alter von 30 Monaten für sinnvoll: „Bisher konnten durch die herkömmlichen Tests erst zwei infizierte Tiere entdeckt werden, die jünger als 30 Monate waren. Viele Millionen Euro werden dadurch verschlungen, die man besser woanders anlegen sollte.“
Absolute Sicherheit für den Verbraucher könnte ohnehin nur ein Lebendtest an den Tieren liefern. Forscher kündigen bereits seit zwei Jahren einen solchen Lebendtest an. Dieser Test soll die Infektion schon zu einem frühen Zeitpunkt beim äußerlich gesunden Tier aufspüren. Bisher ist noch keiner auf dem Markt.
„Unser Lebendtest ist im Prinzip fertig“, sagt Prof. Bertram Brenig vom Tierärztlichen Institut der Universität Göttingen. Mit ihrem Test wollen Brenig und seine Mitarbeiter nicht direkt die Prionen im Blut nachweisen, sondern bestimmte Bausteine des Erbguts, so genannte Ribonukleinsäuren (RNA). „Die RNA bildet die Zelle wahrscheinlich als Abwehrreaktion auf die Infektion“, vermutet Brenig.
Schwierig ist es jedoch, den Test zu evaluieren. Es fehlte bisher an Blutproben von Rindern, deren BSE Krankheit schon frühzeitig bekannt war. Abhilfe soll ein breit angelegter Infektionsversuch an Kälbern auf der Ostseeinsel Riems bei Greifswald schaffen. Im Januar stand dort ein todbringendes Gericht auf dem Speiseplan der Kälber: Hirn von britischen BSE-Rindern. Nun kann festgestellt werden, ob und ab wann Brenigs Test anspricht und die Infektion der Tiere anzeigt.
Brenig ist nicht der Einzige, der auf die RNA-Nachweismethode setzt. Der Pharma-Hersteller Hoffmann-La Roche forscht an einem ähnlichen Verfahren. Andere Firmen arbeiten an Methoden, eine BSE-Infektion direkt anhand der Prionen zu erkennen. Ähnlich wie bei den heutigen BSE-Schnelltests werden dabei die krankmachenden Prionen mit Antikörpern markiert und lassen sich so aufspüren.
Anfang Mai meldeten auch Wissenschaftler der Uni Leipzig Erfolge mit einem weiteren Verfahren. Zusammen mit der Labor Diagnostik GmbH Leipzig (LDL) haben die Forscher Prionen in der Augenflüssigkeit von Rindern nachgewiesen.
Doch wie lange muss überhaupt noch getestet werden? Offensichtlich klingt die Krankheit ab. So wurden 2001 nur 125 infizierte Tiere hierzulande entdeckt, 2002 gab es nur noch 106 positive Funde. Und britische Forscher haben kürzlich im Fachmagazin Nature gemeldet, dass sie infizierte, todgeweihte Mäuse durch die Gabe von Antikörpern vor der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit retten konnten. Dies lasse auch auf eine Immuntherapie beim Menschen hoffen.
KRISTIN LÜBCKE/eb

Ein Beitrag von:

  • Kristin Lübcke

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