Ernährung 19.01.2001, 17:28 Uhr

Der Wahnsinn im Labor

Die Zahl der BSE-Fälle wächst von Woche zu Woche – bis Mittwoch wurden in Deutschland 14 Rinder mit BSE entdeckt. Genau so schnell wächst der Druck in den Untersuchungsämtern der Länder, die sich derzeit auf den Probenansturm vorbereiten.

Detlef Horn kann „transmissible spongiforme Enzephalopathie“ ohne Stolpern aussprechen. Kein Wunder, der Leiter des Staatlichen Veterinäruntersuchungsamts in Krefeld hat tagtäglich mit TSE zu tun. TSE subsumiert die Krankheiten, die Fachwelt und Öffentlichkeit derzeit die meisten Rätsel aufgeben: Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim Menschen, BSE beim Rind, Traberkrankheit bei Schafen und Ziegen.
„Bei TSE ist vieles ungewöhnlich“, sagt Horn. Zum Beispiel die Erreger: Sie widerstehen Desinfektionsmitteln, UV- und radioaktiver Strahlung. Heute gilt als gesichert, dass nicht Bakterien oder Viren, sondern infektiöse Eiweißpartikel, so genannte Prionen, TSE auslösen.
Ungewöhnlich ist auch, dass Prionen sich von einem normalerweise im Gehirn vorkommenden Protein kaum unterscheiden. Dieses Protein, PrP(C), befindet sich auf der Oberfläche von Neuronen und scheint für die normale Funktion des Gehirns notwendig zu sein: Tiere ohne PrP(C)-Protein erkranken schwer – allerdings niemals an TSE.
„Wissenschaftler gehen davon aus“, erläutert Horn und sucht in dicken Aktenordnern nach der richtigen Zeichnung, „dass gesundes Protein sich beim Zusammentreffen mit TSE-Erregern aus seiner eigentlichen Struktur herauslöst und umfaltet“. Unbekannt ist bisher, was die Degeneration zu infektiösem Prion – PrP(sc) genannt – auslöst, warum in einer großen Herde fast immer nur ein Tier erkrankt und wie hoch die Artbarriere ist, wie leicht also beispielsweise der Mensch sich durch Verzehr von BSE-infizierten Produkten anstecken kann.
Eigentlich hat Horn für seine Besucher heute nicht viel Zeit. Seit Jahresbeginn wächst in seinem Labor von Tag zu Tag die Anzahl der Proben, die Schlachthöfe und Tierkörperbeseitigungsanstalten anliefern. Derzeit werden in Krefeld rund 500 Rinderhirne pro Woche untersucht, bis Ende des Monats soll die Kapazität verdoppelt werden. Da in Deutschland bereits seit Jahresbeginn alle Schlachtrinder älter als 30 Monate auf BSE untersucht werden müssen, rüsten sich die Untersuchungsämter der Bundesländer derzeit für den Ansturm. „Pro Jahr müssen wir allein in NRW künftig rund 220 000 Proben testen“, hat Horn kalkuliert. In der Praxis könnte das bedeuten: Drei-Schicht-Betrieb und Wochenenddienst – auch das ein Novum für die Beamten.
Im Labor, ein Stockwerk höher, schneidet die Laborantin mit scharfem Skalpell ein winziges Stückchen Gewebe aus einem Stammhirn. In dieser „Obex-Region“ konzentrieren sich bei infizierten Rindern die Erreger. Die Probe wird im Plastikgläschen zu gelblichem Schaum verquirlt und ist jetzt vorbereitet für den eigentlichen Test.
In Deutschland sind bislang zwei BSE-Schnelltests zugelassen, die nach sechs bis acht Stunden Ergebnisse liefern. Die Entwickler der Tests standen vor einem wesentlichen Problem: Das Immunsystem reagiert nach einer TSE-Infektion nicht, da PrP(sc) sich vom gesunden Protein nur in der räumlichen Gestalt, nicht aber in der Zusammensetzung der Proteine unterscheidet. Eine Analyse auf körpereigene Antikörper funktioniert also nicht. Im Labor erzeugte Antikörper erkennen aber beide Varianten des Prions, was bedeutet, dass vor der Analyse gesundes und infektiöses Protein sauber voneinander getrennt werden müssen. Die Lösung: Während PrP(C) sich leicht enzymatisch zersetzen lässt, widersteht PrP(sc) weitgehend dem Angriff durch Proteinasen. Auf diese Weise lassen sich die beiden Proteine leicht trennen.
Die eigentliche Analyse ist wenig spektakulär und folgt einer in der Immunologie seit langem bekannten Methodik. Nach der Auftrennung von PrP(C) und PrP(sc) im elektrischen Feld wird das infektiöse Prion ähnlich einem Löschblattabdruck auf eine Kunststoffmembran übertragen und mit zwei enzymatisch markierten oder fluoreszierenden Antikörpern gekoppelt. Die Auswertung erfolgt über das Lichtsignal des Enzyms oder über die Messung der Fluoreszenz.
„Noch hatten wir in NRW keinen positiven Befund“, sagt Horn und klopft mit den Knöcheln drei Mal gegen seinen Hinterkopf. Ob es dabei bleibt, ist offen. Das Manko der Schnelltests: Sie eignen sich nur für die Diagnose bei toten Tieren. Und sie funktionieren erst nach der sprunghaften Vermehrung der Erreger und auch nur dann, wenn sich eine gewisse Menge PrP(sc) im Gehirn oder Rückenmark abgelagert hat – frühe Untersuchungen von Jungtieren sind also nicht möglich.
Derzeit bewertet das EU-Institut für Referenzmateralien und Messungen im belgischen Geel fünf weitere Tests, wobei die Forscher besonderes Gewicht auf die mögliche Unterscheidung der verschiedenen TSE-Erkrankungen legen. „Prinzipiell lässt sich die Empfindlichkeit der Methoden durchaus steigern“, betont Dr. Bruno Oesch, Mitbegründer der Schweizer Prionics AG, die den in NRW eingesetzten Test herstellt, „dann aber würden die Tests unbezahlbar.“ Prionics entwickelte einen neuen Nachweis, der weniger Schritte benötigt und leichter automatisierbar ist. PerkinElmer Life Sciences und das finnische Biotech-Unternehmen Wallace Oy gehen einen anderen Weg: Sie trennen gesunde und infektiöse Prionen nicht mehr durch Proteinase, sondern extrahieren mit Guanidinhydrochlorid. Vorteil: Der Test ermittelt das Verhältnis von PrP(C) und PrP(sc) unabhängig von der ursprünglichen Prionenkonzentration.
Klar ist: Die Testprogramme kosten viele Millionen. Die Gewinner sind sowohl die Testhersteller als auch private Labors, da immer mehr Schlachthöfe auch Rinder untersuchen lassen, die jünger sind als 30 Monate. „Gewinner“, sagt Horn überzeugt, „sind aber auch die Verbraucher.“ Denn dank der BSE-Krise habe die Politik endlich begonnen, deren Ängste ernst zu nehmen. CHRISTA FRIEDL

Von Christa Friedl
Von Christa Friedl

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Technischer Vertrieb & Beratung

Viessmann Group-Firmenlogo
Viessmann Group Vertriebsingenieur (m/w/d) im Bereich Energie- oder Versorgungstechnik / TGA / Energiewirtschaft Mörfelden-Walldorf
Aras Software GmbH-Firmenlogo
Aras Software GmbH Customer Success Manager (m/w/d) Gröbenzell
TÜV NORD CERT GmbH-Firmenlogo
TÜV NORD CERT GmbH Freiberufliche Auditoren*Auditorinnen (m/w/d) deutschlandweit
BAUER KOMPRESSOREN GmbH-Firmenlogo
BAUER KOMPRESSOREN GmbH Leiter Vertrieb Atemluftkompressoren (m/w/d) München
SPITZKE SE-Firmenlogo
SPITZKE SE Kalkulator (m/w/d) Bahninfrastruktur Buchloe
ifm electronic gmbh Vertrieb Deutschland-Firmenlogo
ifm electronic gmbh Vertrieb Deutschland Vertriebsmitarbeiter / Sales Engineer Sensorik und Steuerungstechnik (m/w/d) Region Bayern
VPA Prüf- und Zertifizierungs GmbH-Firmenlogo
VPA Prüf- und Zertifizierungs GmbH Prüfstellenleitung / Laborleitung (w/m/d) Remscheid
Vaillant Deutschland GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Vaillant Deutschland GmbH & Co. KG Technischer Vertriebsingenieur (m/w/d) Innendienst Großraum Bielefeld
JÖST GmbH + Co. KG-Firmenlogo
JÖST GmbH + Co. KG Vertriebsingenieur (m/w/d) Chemie und Nahrung Dülmen (bei Münster)
JÖST GmbH + Co. KG-Firmenlogo
JÖST GmbH + Co. KG Vertriebsingenieur (m/w/d) Sichter- und Siebtechnik Dülmen (bei Münster)

Alle Technischer Vertrieb & Beratung Jobs

Top 5 Verbrauche…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.