Facebook-Übernahme schadet 27.02.2014, 11:16 Uhr

WhatsApp laufen die Nutzer in Scharen davon

Nach der angekündigten Übernahme durch Facebook sind viele der 450 Millionen Nutzer des Kurznachrichtendienstes WhatsApp auf der Suche nach alternativen Anbietern. Der Wechselboom verstärkte sich noch mit dem WhatsApp-Ausfall am vergangenen Wochenende. Favoriten der meisten WhatsApp-Nutzer sind die konkurrierenden Dienste Threema und Telegram.

Der Schweizer Messenger-Dienst Threema profitiert massiv von der angekündigten Übernahme von WhatsApp durch Facebook. Millionen User sollen schon gewechselt  sein.

Der Schweizer Messenger-Dienst Threema profitiert massiv von der angekündigten Übernahme von WhatsApp durch Facebook. Millionen User sollen schon gewechselt  sein.

Foto: dpa/Oliver Berg

Vergangene Woche hatte Facebook, das größte soziale Netzwerk der Welt, die Übernahme des beliebtesten Instant Messengers WhatsApp für insgesamt 19 Milliarden US-Dollar angekündigt (fast 14 Milliarden Euro). Facebook zahlt 4 Milliarden US-Dollar in bar und 12 Milliarden in Aktien. In den kommenden vier Jahren sollen weitere 3 Milliarden Dollar in Form von Aktien an den WhatsApp-Gründer Jan Koum und seine Mitarbeiter fließen. Allerdings muss noch die amerikanische Kartellbehörde der Übernahme zustimmen.

WhatsApp-Erfolg trotz massiver Sicherheitsprobleme

WhatsApp hatte zu diesem Zeitpunkt 450 Millionen Benutzer, 30 Millionen davon in Deutschland. Das erschien vielen durchaus verwunderlich, denn WhatsApp hatte bis dato nahezu durchgehend Sicherheitsprobleme.

Datenschützer warnten immer wieder vor dem SMS-Ersatzdienst. So klaffte monatelang eine Sicherheitslücke in der Software, durch die Hacker fremde Accounts hätten kapern können. Sogar der Bezahldienst Paypal und Google-Konten konnten über WhatsApp ausspioniert werden. Außerdem gibt es viele Hinweise, dass WhatsApp auch bei der Verschlüsselung der Nachrichten geschlampt hat.

Alle Experten waren entsetzt, das Sicherheitsblog “Fileperms” schrieb im September 2012: „WhatsApp ist kaputt, wirklich kaputt“. Auch für schlechte Kommunikation und mangelnde Informationspolitik gegenüber den Nutzern wurde das Unternehmen oft gerügt. All das konnte aber den Erfolg des Kommunikationsdienstes nicht bremsen. Erst die Übernahme durch Facebook brachte hier eine deutliche Wende.

Der Hamburger Datenschützer Johannes Caspar befürchtete nach der milliardenschweren WhatsApp-Übernahme durch Facebook neue Risiken für die Nutzer. Weil der immens hohe Preis von umgerechnet 14 Milliarden Euro wieder hereinkommen muss „kann man davon ausgehen, dass eine Kapitalisierung über die personenbezogenen Daten der Nutzer erfolgen muss“, warnte Caspar letzte Woche. Sein für Telemedien zuständiger Referatsleiter Ulrich Kühn äußerte sich auch skeptisch: „Ich finde es schon bemerkenswert, dass der datenschutzrechtlich Einäugige den datenschutzrechtlich Blinden über die Straße ziehen soll.“

Threema gewinnt Millionen Nutzer hinzu

Die WhatsApp-Benutzer stimmen nach der angekündigten Facebook-Übernahme inzwischen aktiv und massiv „mit den Füßen“ ab. Nur einen Tag nach der Ankündigung schoss der alternative Messenger Threema  ganz nach oben in den Downloadcharts.

Darin spiegelt sich die Sorge, was ein Datenpirat wie Facebook jetzt mit den privaten Nutzerdaten von WhatsApp macht. Zwar hat WhatsApp inzwischen eine Verschlüsselung, aber die ist nicht durchgehend von Ende zu Ende und damit ihren Namen nicht Wert. Sie arbeitet ähnlich wie DE-Mail mit gewolltem Bruch der Verschlüsselung zum Ausspionieren – und dafür soll man nach einem Jahr auch noch bezahlen.

Wechsel zu altbewährten Diensten

Ein Teil der WhatsApp-User nutzt jetzt die altbekannten Chat-Alternativen von Microsofts Skype bis zu Google Hangouts (früher: Google Talk), um den Kontakt mit Freunden und Bekannten zu halten. Auch Snapchat wird jetzt besonders von sehr jungen Usern stärker genutzt.

Neben Texten können Bilder und Videos verschickt werden, wobei alle gesendeten Inhalte nach wenigen Sekunden wieder gelöscht werden. Der Trick mit den Selbstzerstörungsbotschaften zieht bei den Kids, gaukelt dabei aber eine trügerische Datensicherheit vor, die nicht wirklich gegeben ist.

Der Facebook-Messenger kommt wohl eher nicht als WhatsApp-Alternative in Frage, denn viele WhatsApp-Fans nutzten diese App ja gerade wegen ihrer Unabhängigkeit als Alternative zum Facebook-Messenger.

Threema als sehr sichere Alternative

Das Gros der Wechsler geht aber zu neueren Diensten. Der alternative Messenger Threema  aus der Schweiz hat die Nase in den Downloadcharts ganz vorn. Bei Threema tauschen Freunde ihre Schlüssel bei einem persönlichen Treffen ganz einfach über QR-Codes aus. Danach werden die Nachrichten direkt für diesen Empfänger verschlüsselt.

Das heißt: Der Threema-Server selbst bekommt den Klartext einer Nachricht zwischen zwei Kommunikationspartnern nie zu sehen. Eine solche Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist Grundvoraussetzung für wirklich private Chats – Spionage ausgeschlossen.

Beeindruckende Zahlen von Telegram

Die Messenger-App Telegram profitiert genau wie Mitbewerber Threema von der WhatsApp-Übernahme. Er meldet beeindruckende Nutzerzuwächse: Mehr als 1,8 Millionen Menschen sollen sich am letzten Samstag neu bei der WhatsApp-Alternative angemeldet haben und zeitweilig kämen in jeder Sekunde 100 neue Mitglieder dazu, schrieben die Telegram-Entwickler.

Am letzten Sonntag kamen sogar fast 5 Millionen neue Anmeldungen hinzu. In den Charts der App Stores schoss die App nach oben. Das Team um Nikolai und Pavel Durov ist bemüht, die Serverkapazitäten von Telegram entsprechend zu skalieren.

Das hatte allerdings auch damit zu tun, dass am letzten Samstag ein Serverproblem den Dienst von WhatsApp viele Stunden lang komplett lahmlegte – ausgerechnet am Wochenende, wenn die Nutzer sich über ihren Messenger verabreden und ihre Freizeitaktivitäten koordinieren wie früher per teurer SMS.

Von Klaus Ahrens

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