ABGASSKANDAL 03.03.2016, 10:22 Uhr

VW: Winterkorn wusste früh Bescheid – aber nicht so richtig?

Entgegen bisherigen Behauptungen hat der frühere VW-Chef Martin Winterkorn schon eineinhalb Jahre vor Bekanntwerden des VW-Skandals von Problemen mit den Abgaswerten von Diesel-Pkw gewusst. Weil es aber bei den möglichen Kosten zunächst nur um niedrige Millionenbeträge ging, hat er die Information vielleicht nicht richtig wahrgenommen …

Der frühere VW-Konzernchef Martin Winterkorn auf der Hauptversammlung 2015: Offenbar wusste Winterkorn schon seit Mai 2014 von den Dieselmanipulationen. Oder hat er seine Vorstandspost nicht richtig gelesen?

Der frühere VW-Konzernchef Martin Winterkorn auf der Hauptversammlung 2015: Offenbar wusste Winterkorn schon seit Mai 2014 von den Dieselmanipulationen. Oder hat er seine Vorstandspost nicht richtig gelesen?

Foto: Volkswagen

VW wehrt sich gegen Klagen von Aktionären. Die wollen vor Gericht feststellen lassen, dass sie zu spät über den Dieselskandal informiert wurden. Und weil dieser Skandal natürlich relevant für den Aktienkurs war, sei dies ein rechtswidriges Verhalten. Der Autobauer indes sieht das naturgemäß anders und legt nun eine sehr ausführliche Erklärung vor, in der er erstmals einräumt, dass Konzernchef Martin Winterkorn schon im Mai 2014 von den Problemen gewusst habe. Zugleich aber relativiert VW diese Information massiv und erweckt den Eindruck, dass der Vorstand keinen Tag früher hätte handeln können als er es tat.

„Im Zusammenhang mit der Diesel-Thematik ergab sich eine Kursrelevanz erst am 18. September 2015, als die Verletzung US-amerikanischer Umweltschutzrichtlinien bekannt gemacht wurde. Bis dahin gab es keinerlei Anzeichen für börsenkursrelevante Informationen…“, heißt es in der Erklärung.

Karosseriebau für den Passat im VW-Werk Zwickau: Der Rückruf der von Manipulationen betroffenen Passat-Modelle soll in den nächsten Tagen beginnen.

Karosseriebau für den Passat im VW-Werk Zwickau: Der Rückruf der von Manipulationen betroffenen Passat-Modelle soll in den nächsten Tagen beginnen.

Foto: Volkswagen

Zu Deutsch: Aus einer kleinen Sache wurde ganz plötzlich die große Nummer. Bis zu jenem 18. September „war von einer überschaubaren Fahrzeug-Anzahl (etwa 500.000) und Bußgeldern in einem zweistelligen oder unteren dreistelligen Millionenbereich auszugehen, wie in der Vergangenheit in den USA in vergleichbaren Fällen im Zusammenhang mit Personenkraftfahrzeugen verhängt“, schreibt VW weiter. Offenbar Peanuts, mit denen man den Vorstand damals nicht groß belästigt hat.

Hat Winterkorn die Notiz in der „Wochenendpost“ übersehen?

Dem entspricht jedenfalls die Nebensächlichkeit, mit der Winterkorn informiert worden sein soll. VW berichtet jetzt von einer „Notiz“ zu der einschlägigen Abgasstudie des International Council on Clean Transportation (ICCT), die dem Vorstandsvorsitzenden am 23. Mai 2014 in „seine umfangreiche Wochenendpost“ gelegt worden sei. Ob er diesen Vermerk überhaupt gelesen habe, sei nicht dokumentiert.

Eine weitere Notiz habe es am 14. November 2014 gegeben, also fast ein halbes Jahr später. Darin sei gar nur von einem „Kostenrahmen von ca. EUR 20 Mio. für die Dieselthematik in Nordamerika“ die Rede gewesen. Die Angelegenheit sei eben „als ein Produktthema unter vielen“ behandelt worden, und das genau bis zu jenem 18. September 2015, als die Bombe platzte.

VW Amarok mit einer Messanlage, die während der Fahrt alle Emissionswerte erfasst: Auch nach dem Überspielen der Schummelsoftware bleiben die Motoren leistungsfähig, allerdings steigt der Verbrauch. Das haben erste Tests der Zeitschrift auto motor und sport ergeben. 

VW Amarok mit einer Messanlage, die während der Fahrt alle Emissionswerte erfasst: Auch nach dem Überspielen der Schummelsoftware bleiben die Motoren leistungsfähig, allerdings steigt der Verbrauch. Das haben erste Tests der Zeitschrift auto motor und sport ergeben. 

Foto: Achim Hartmann/auto motor und sport

Einen Erfolg vor Gericht konnte Volkswagen jetzt zumindest schon einmal verbuchen: Der Hersteller muss seine Autos mit Schummelsoftware nicht als Waren mit erheblichen Mängeln komplett zurücknehmen. Das Landgericht Bochum entschied zumindest auf eine entsprechende Klage hin, dass der Mangel relativ einfach und billig zu beseitigen sei und eine Rücknahmepflicht deshalb nicht angemessen wäre.

Rückruf des Passat soll in Kürze beginnen

Während die juristische Aufklärung insgesamt sicher noch lange dauern wird, versucht VW, die technischen Probleme zu beheben. Bislang wurde aber in Deutschland nur die Rückrufaktion des Nischenmodells Amarok abgewickelt. Bei dem Pickup ging es gerade mal um 8000 Exemplare. Als nächstes ist eine ganz andere Hausnummer dran: der Passat. Doch der ab 29. Februar geplante Rückruf dieser Modelle wurde vom Kraftfahrt-Bundesamt verschoben, nachdem die Amarok-Tests der Zeitschrift auto motor und sport ergeben hatten, dass das Software-Update zu deutlich höherem Verbrauch bei gleichbleibenden Stickoxidwerten führt.

Der Autobauer hat jedenfalls noch kein grünes Licht vom Kraftfahrt-Bundesamt erhalten, das jede Umrüstmaßnahme genehmigen muss. Dieser Startschuss könnte aber in den kommenden Tagen erfolgen. Insgesamt muss VW in Deutschland rund 2,4 Millionen Autos in die Werkstätten rufen.

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