Informationstechnik 19.10.2012, 19:55 Uhr

Optimierung des Verkehrsflusses sticht Druckerentwicklung aus

Der US-Technologiekonzern Xerox will sein Image als Hersteller für Drucker und Kopierer ablegen. Längst machen über die Hälfte des Umsatzes Dienstleistungen aus – nicht nur im Druckgeschäft. Geschäftsprozessoptimierung und Outsourcing sind neue Geschäftsfelder, die mit dem Kauf des US-Unternehmens ACS schon 2010 dazukamen. Der Konzern richtet jetzt seine Forschung und Entwicklung am neuen Profil aus, denn neue Dienstleistungen werden anders entwickelt als Drucktechniken und Maschinen.

Für die Entwicklung neuer Dienste braucht Xerox Mathematiker, Softwareentwickler und Computerfachleute.

Für die Entwicklung neuer Dienste braucht Xerox Mathematiker, Softwareentwickler und Computerfachleute.

Foto: Werkfoto

 

„Wie bei Xerox geforscht wird, hat sich entscheidend geändert“, betont Monica Beltrametti, Leiterin des europäischen Forschungslabors Xerox Research Centre Europe (XRCE) im französischen Grenoble. „Das Forschungsgeschäft ist schneller geworden. Wir haben nicht mehr so viel Zeit, um Ergebnisse zu liefern“, weiß die Italienerin (s. nebenstehendes Interview). Sie kennt Forschung und Entwicklung (F&E) des Konzerns seit fast 20 Jahren aus dem Effeff.

Zu je etwa gleichen Teilen verteilt sich das heutige Forschungsbudget von rund 721 Mio. $ auf drei Bereiche. Im Bereich „Explorer“ würden langfristige wissenschaftliche Projekte angegangen.

Unter „Incubator“ stehen mittelfristige Forschungsprojekte, unter „Partner“ Kurzfristprojekte, die beide oft aus den Anforderungen von Kunden heraus entstehen. Der US-Konzern, bekannt geworden durch die Erfindung der Computermaus und des Kopierers, lädt dafür rund ums Jahr Dutzende von Kunden nach Grenoble ein. In „Dream Sessions“ will man erfahren, wie die Kunden in Zukunft am liebsten arbeiten würden.

Beltrametti, die Grundlagenforschung aus ihrer Tätigkeit als Astrophysikerin am Münchner Max-Planck-Institut für Astrophysik genau kennt, ist inzwischen im Xerox-Konzern im Bereich F&E einer der wichtigsten Köpfe. Die Softwareentwicklung war im Verbund der fünf Xerox-Forschungslabore schon immer der Forschungsschwerpunkt in der französischen Alpenmetropole. Schließlich gilt die Gegend als französisches Silicon Valley. Firmen wie STMicroelectronics, Schneider Electric, aber auch HP und Oracle sowie zwei technische Hochschulen bieten ein gutes Umfeld für wissenschaftliche Kooperationen.

Seit dem Zukauf des US-Unternehmens ACS im Jahr 2010 haben Grenoble und damit Beltrametti noch mehr Gewicht erhalten. Mit ACS hat sich die Belegschaft bei Xerox mehr als verdoppelt, von 53 600 im Jahr 2009 auf 139 700 im Jahr 2011. Damit hat sich auch das Gewicht in der Forschung verlagert. Spezialität von ACS sind Outsourcing und die Optimierung von Geschäftsprozessen: Business Process Optimization, kurz BPO, genannt. Xerox Services heißt das neue Geschäftsfeld, während Kopierer, Drucker und Drucktechnik unter Xerox Technology zusammengefasst sind.

Um neue Dienste zu entwickeln, braucht es Mathematiker, Softwareentwickler, Computerfachleute für den Bereich der Datenanalyse. Die gesamte Forschung für neue Dienste bei Xerox weltweit zu koordinieren, ist Beltra- mettis neue Aufgabe.

Mehr Budget und mehr Leute hat sie jedoch nicht. „Wir schulen aus dem Bereich Technology Forscher um“, sagt sie. Gleichzeitig sinkt das F&E-Budget bei Xerox seit Jahren – absolut gesehen wie in Anteilen vom Umsatz. Gab Xerox noch 2006 bei einem Umsatz von circa 15,9 Mrd. $ mit 922 Mio. $ rund 5,8 % des Umsatzes für F&E aus, so waren es 2011 nur noch 3,2 %, nämlich 721 Mio. $ bei einem Umsatz von rund 22,6 Mrd. $.

Das heißt aber auch, dass für den forschungsintensiven Sektor der Bereiche Drucktechnik und Geräteentwicklung wohl immer weniger übrig bleiben wird. Hier scheint Xerox auf einen zweiten F&E-Topf zu setzen, nämlich den des Joint Venture Fuji Xerox. Dies ist auf Drucktechnologien fokussiert und darüber läuft der Vertrieb des Xerox-Maschinenportfolios in Asien. Sein F&E-Budget lag 2011 bei 880 Mio. $, die Tendenz hier seit Jahren – leicht, aber stetig steigend.

Experten wie der britische Physiker Chris Dance, der den F&E-Bereich der Datenanalyse weltweit koordiniert, sind wichtige Köpfe im Team rund um Bel- trametti. Dance“ Arbeitsgruppe ist zum Beispiel im Bereich Verkehrsinfrastruktur tätig. Sie hat soeben erst in Los Angeles mit einem neuen Parkraumbewirtschaftungssystem für die Innenstadt von sich reden gemacht. 7000 Parksensoren und 150 Induktionsschleifen installierten die Xerox-Forscher in den Straßen der chronisch dem Verkehrsinfarkt nahen kalifornischen Metropole.

Dance vermeldet einen Erfolg: Überlastete Gebiete werden entlastet der Verkehr wird umgeleitet in Parkbereiche, die manchmal nur um die Ecke liegen und nicht ausgelastet sind. Ein Webtool gibt parkplatzgenau in Echtzeit einen Überblick über die aktuelle Situation im ruhenden Verkehr. Jetzt soll die Technologie in den ganzen USA ausgerollt und optimiert werden: Eine dynamische Preisfindung, die sich an der aktuellen Parkraumauslastung orientiert, soll das System weiter verbessern.

Die zweite verkehrsrelevante Technologie, hinter der man bisher nicht den Namen Xerox vermuten würde, ist eine Echtzeitanalyse der Auslastung des Öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV), dessen Pilotprojekt Beltramettis Team in Nancy umgesetzt hat. Die Erfassung läuft über elektronische RFID-Tickets. Hintergrund ist, dass ACS mit dem System „Atlas“ seit Jahren im Markt für Kartenverkaufssysteme (Ticketing) des ÖPNV tätig ist. Weitere Kunden für das neue Verkehrserfassungssystem stünden in den Startlöchern, so Dance.

Auch im Bildungsbereich steht ein Optimierungssystem vor dem US-weiten Rollout, erklärt Eric Hamby. Das Xerox Educational Assessment Management System, Xeams, ist gedacht vor allem für Grundschulen, um so Leistungsdefizite schneller erkennen und damit auch effizienter beheben zu können. Übertragbar auf deutsche Verhältnisse ist das System aber nicht, basiert die zugrunde liegende Software vor allem darauf, die zahlreichen Multiple-Choice-Tests US-amerikanischer Grundschule schnell und differenziert auszuwerten.

Es fällt auf, dass die neuen Lösungen vor allem Piloten in den USA haben. Vor dem Kauf durch Xerox machte ACS rund 90 % seines Umsatzes in den USA, der in Europa beschränkt sich in der Regel auf die Tochterunternehmen von US-Konzernen.

Das muss sich ändern, weiß man auch bei Xerox. Daher ist mit Tom Blodgett, seit Jüngstem verantwortlich für das Europageschäft des Bereichs Xerox Services – wohinter im Wesentlichen ACS steht, einer der beiden Vertreter der ACS-Gründerfamilie im Xerox-Vorstand. Dabei legt Tom Blodgett vor allem auf die Bereiche Bildung, Verkehr und Gesundheit wert. Die Expansion in andere vertikale Märkte ist nicht angedacht, wie sein Bruder Lynn, Chef des Gesamtbereiches Services bei Xerox, im Rahmen einer Analystenkonferenz Anfang Oktober in Grenoble deutlich machte.

Zukunftsmärkte wie den Energiemarkt will Xerox in den Bereichen Business Process Optimization und Outsourcing danach eher zögerlich angehen. Ja, im Parc-Labor in Palo Alto würden ansässige Spezialisten sich diesen Bereich ansehen, sagte Tom Blodgett auf Nachfrage, mit ersten vorzeigbaren Ergebnissen rechnet er aber erst in zwei bis fünf Jahren. Und dann erst einmal für die USA.

Dabei findet die nachhaltigste Energiewende voraussichtlich in Europa statt und wird vor allem eine Digitalisierung sämtlicher Prozesse im europäischen Energiebinnenmarkt nach sich ziehen. Auf Branchenmessen wie der Energy & Water in Essen suchte man ACS oder Xerox in diesem Frühjahr vergeblich, während sich die Wettbewerber wie IBM und Atos längst die Klinke bei den Energieversorgern in die Hand geben.

Statt neue Märkte zu erschließen, sollen die vorhandenen Säulen intensiver betreut werden, machte Lynn deutlich. Und vor allem der europäische Markt in diesen Bereichen erst einmal wirklich erschlossen werden. Die Kundenbesuche bei Monica Beltrametti sollten also zunehmen in nächster Zeit, ruhiger wird es dann – läuft alles nach Plan – für die Forscher in Grenoble nicht werden.

STEPHAN W. EDER

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