Richtlinien 14.10.2005, 18:40 Uhr

Normen stärken den Mittelstand für Wettbewerb auf Augenhöhe  

Normung erlaubt dem Mittelstand, sich auf Augenhöhe mit der Großindustrie zu bewegen. Diese These vertrat der Präsident des Deutschen Instituts für Normung, der Unternehmer Dietmar Harting, auf einer Veranstaltung zum Weltnormentag, am 14. Oktober, in Brüssel.

Wie wichtig diese Normen im Wettbewerb zu Standardisierungsabsprachen zwischen einzelnen Firmen – sind, belegte er in seiner Rede vor Industrievertretern und EU-Politikern. Nachfolgend Auszüge der Rede.

Die europäische Normung muss sich mit 3 zentralen Fragestellungen befassen, um Europa zu stärken und international Akzeptanz zu finden:

  1. Wie ist der Wettbewerbsrahmen der Normung zu setzen, insbesondere unter Einbeziehung der Existenz von Konsortialstandards, von Standardidierungsabsprachen zwischen Firmen?
  2. Wie wettbewerbsfähig ist die europäische Normung?
  3. Wie kann und wird die europäische Normung legitimiert?

Der Wettbewerbsrahmen

Wir wissen alle, dass Normung die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft erhöht.

Normen sind ein partielles Substitut für Konsortialstandards, für Standardisierungsabsprachen zwischen einzelnen Firmen. Beiden Formen der Vereinheitlichung existieren in Überschneidungsbereichen mit Konkurrenz, sie können sich auch ergänzen.

Unternehmen normen dann, wenn die risikobehaftete Aussicht auf einen erhöhten Gewinn bei einem Alleingang oder bei der Standardisierung im Konsortium zurücktritt hinter der Verbreiterung der technologischen Basis, wenn Normung die Marktdurchdringung beschleunigt.

Daraus folgt:

Der Wettbewerbsrahmen ist global und damit in der Europäischen Union so zu setzen, dass jede Vereinheitlichungsform ihre Vorteile ausspielen kann.

Das bedeutet aber auch, dass Normung, die – im Gegensatz zu anderen Formen der Vereinheitlichung öffentliche Güter bereitstellt, bei der Definition des Wettbewerbsrahmens im globalen Kontext der öffentlichen Unterstützung bedarf.

Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Normung

Die europäische Normung leistete einen entscheidenden Beitrag zur Verwirklichung des europäischen Binnenmarkts. Mit ihr wurde der Weg geschaffen für einen freien Warenverkehr in einer Gemeinschaft von 450 Mio. Konsumenten.

Der Erfolg der Normung bei Produkten und Verfahren wird nun auf wachstumsstarke Sektoren übertragen, beispielsweise dem Dienstleistungsbereich, um hier die Integrationswirkung zu intensivieren.

Die Normung spielt außerdem eine zunehmend bedeutende Rolle in der Neudefinition der Aufgabenteilung zwischen Wirtschaft und Staat.

Normen erweisen sich dann als geeignetes Instrument der Deregulierung, wenn hierdurch öffentliches Handeln Privaten überantwortet werden kann. Private erbringen die Aufgaben dann „normengerecht“.

Europa weiß diesen Weg der „better regulation“ erfolgreich zu nutzen, ca. 3000 der insgesamt 17 000 europäischen Normen unterstützen die europäische Gesetzgebung.

Werden internationale Normen wirklich international angewendet?

Internationale Normen, wie sie auch unter Beteiligung der USA bei ISO und IEC erarbeitet werden, veranlassen aber noch nicht jeden dazu, diese Normen auch zu übernehmen.

Diese Verhaltensweise kann aber unsere strategische, globale Sicht einer Wettbewerbswirtschaft auf Basis von Effizienz beschädigen.

Das verdeutlicht ein Blick auf die wachsenden Volkswirtschaften in Asien: Wie ist die dortige Verbreitung eigener, nationaler Standards einzuschätzen, die am Weltmarkt Anwendung finden – und nicht zuletzt das steigende Selbstbewusstsein eben dieser Nationen unterstreichen?

Untergräbt sie nicht die internationale Akzeptanz von Standards außerhalb der von uns favorisierten internationalen Organisationen?

Die zentrale Frage für uns Europäer lautet daher: Wie können wir die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Normung stärken?

Wie wird die europäische Normung legitimiert?

Einen Weg, die Normung in- und außerhalb Europas zu (ver-)stärken, kann in der Formulierung und Implementierung einer gemeinsamen Strategie der europäischen Normungsorganisationen liegen.

Daher ist die europäische Vision, die wir im Rechtssystem, beim Binnenmarkt und beim Euro hatten und durchsetzten, auch in der Normung fortzuführen.

Normen stärken die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstandes

Abschließend möchte ich noch die Frage „What industry really needs?“ über die genannten Aspekte hinaus beantworten.

Die Small and Medium Enterprises, die SME, und die Global Medium Enterprises, die GME, benötigen schnell verfügbare industrielle Normen, um auf europäischen und globalen Märkten erfolgreich präsent sein zu können. Für diese industriellen Normen muss gelten:

  • Sie bedürfen nicht des Konsens aller interessierten Kreise, sondern des Konsens der involvierten Industrie.
  • Für die Erstellung und Anwendung der industriellen Normen müssen gleiche Wettbewerbsregeln gelten, insbesondere im Umgang mit intellektuellen Eigentumsrechten wie Patenten.

Unsere Aufgabe besteht darin, unter Beachtung unserer Social Responsibility, das Feld der Normung zum Wohle aller Stakeholder und hier nenne ich die Global Medium Enterprises, die Großindustrie, den Umwelt-, Verbraucher- und Arbeitsschutz – zum Wohle der europäischen Integration und des Wachstums seiner Volkswirtschaften zu bestellen.

Bedeutung des Mittelstands am Beispiel Deutschlands

Normung erlaubt es dem Mittelstand, sich technologisch auf Augenhöhe mit der Großindustrie zu befinden.

Lassen Sie mich auf die Bedeutung des Mittelstands für eine Volkswirtschaft wie Deutschland eingehen. Hier werden mittelständische Unternehmen als Rückgrat der Gesellschaft bezeichnet

  • mittelständische Unternehmen stellen 99,7 % aller Unternehmen in Deutschland dar
  • sie tätigen über 40 % aller steuerpflichtigen Umsätze und nahezu 50 % aller Investitionen
  • sie bieten über 70 % aller Arbeitsplätze an
  • mittelständische Unternehmen schaffen über 80 % der Ausbildungsplätze.

Ich möchte hier ganz deutlich differenzieren, wenn vom Mittelstand die Rede ist: Unter dem Begriff der Small and Medium Enterprises, SME, findet ein Unternehmen wie ich es mit seiner globalen Ausrichtung führe und über 2000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen weltweit beschäftige keinen Platz mehr.

Aber wer berücksichtigt denn die Interessen der Global Medium Enterprises, der GME, die auf den Märkten der Welt präsent sind und sich im internationalen Wettbewerb tagtäglich erfolgreich behaupten?

Gerade die GME bilden das Rückgrat unserer Gesellschaft, da sie in ihr unternehmerisches Handeln auch immer ihre Herkunft einbeziehen.

Letztlich sind die GME auch im Innovationsprozess das Salz in der Suppe. Viele heute große Unternehmen waren früher einmal klein. Gewachsen sind sie durch neue und kreative Ideen, oftmals wird ihre Innovationsfähigkeit durch Normen entscheidend verbessert.

Die besondere Situation des Mittelstands liegt darin, dass er nicht in all den Bereichen forschen kann, die er anwendet. Er ist aber darauf angewiesen, neues Wissen zu absorbieren.

Normung führt infolge des referenzierten Status Quo zur Risikominderung und zur beschleunigten Diffusion von Wissen. Auf diese Weise erhöht sich das verfügbare technologische Wissen in den Unternehmen. Damit verhilft Normung, die kritische Masse notwendiger Nutzer zu überschreiten das ist der zuvor genannte Verbreitungsvorteil, der zentrale Attraktivitätspunkt der Normung.

Vor diesem Hintergrund müssen die unbestrittenen Verdienste der europäischen Normung weiter entwickelt werden. Damit einher geht die Möglichkeit, im In- oder im Ausland zu produzieren, die erforderliche Marktnähe mit Synergien in der Produktion anzureichern.

 

Ein Beitrag von:

  • Dietmar Harting

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