Trend zur Mobilarbeit 16.10.2014, 10:10 Uhr

Mitarbeiter von Bosch dürfen Arbeitsplatz frei wählen

Arbeitsplatz und Arbeitszeit frei wählen, das ermöglicht jetzt der deutsche Technikkonzern Bosch seinen Mitarbeitern. Sie sollen dadurch kreativer werden und gleichzeitig mehr Zeit für Familie haben. 

Bosch-Mitarbeiter dürfen zukünftig wählen, wann und wo sie arbeiten. Der Deutsche Gewerksschaftsbund warnt vor Negativfolgen des Angebots. 

Bosch-Mitarbeiter dürfen zukünftig wählen, wann und wo sie arbeiten. Der Deutsche Gewerksschaftsbund warnt vor Negativfolgen des Angebots. 

Foto: Parrot

Ein Angestellter von Bosch kann künftig sagen: Ich arbeite nächste Woche zuhause, und zwar von morgens um vier bis mittags um eins. Wenn dem keine wichtigen betrieblichen Gründe entgegenstehen, muss der Chef seinen Segen geben. Denn der Angestellte hat nach den neuen Betriebsvereinbarungen einen Anspruch auf die freie Wahl von Arbeitszeit und Arbeitsort.

„Dies steigert die Zufriedenheit der Mitarbeiter, liefert bessere Arbeitsergebnisse und stärkt die Kreativität“, meint Christoph Kübel, Geschäftsführer und Arbeitsdirektor der Robert Bosch GmbH. Das Unternehmen sei von den Vorteilen flexibler Arbeitszeitmodelle überzeugt. Es geht um nicht weniger als einen grundsätzlichen Wandel: von der Präsenzkultur hin zur Ergebnisorientierung.

Internet und Telefon dürfen privat genutzt werden

Das Unternehmen wolle mit diesem Ansatz die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern, sagt Kübel. Das heißt auch: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Der Mitarbeiter wird nicht jede Minute beobachtet, seine Leistung wird an den Resultaten gemessen.

Die Mitarbeiter dürfen Internet, Telefon und sogar ihre dienstliche Mailadresse künftig in den Pausen sogar privat nutzen. Was nach einem dicken Bonbon klingt, könnte aber auch eher das Eingeständnis bergen, dass diese Nutzung ohnehin nicht zu verhindern ist – oder nur mit einem unverhältnismäßig hohen Kontrollaufwand.

Mehr Stress statt mehr Freiheit?

Vor allem Gewerkschaften sehen das Homeoffice-Angebote durchaus kritisch. „Die Arbeit frisst im Zweifel mehr Zeit, denn Beruf und Privatleben lassen sich immer weniger trennen. Das Homeoffice ist eben nicht das bequeme Sofa oder ein lässiges Straßencafé, sondern oft doppelter Stress“, sagte Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Anfang des Jahres der Welt.

Die Vereinbarung soll Mitarbeitern mehr Familienzeit geben. Kritiker hingegen befürchten, dass das Homeoffice-Angebot in Mehrarbeit ausufert. 

Die Vereinbarung soll Mitarbeitern mehr Familienzeit geben. Kritiker hingegen befürchten, dass das Homeoffice-Angebot in Mehrarbeit ausufert. 

Foto: Bosch

Bosch dagegen betont, genau diese Trennung streng beachten zu wollen. Das bestätigt auch der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, der die Vereinbarung mit der Geschäftsführung ausgehandelt hat, Alfred Löckle: „Jeder Mitarbeiter legt deshalb zum Beispiel Pausenzeiten und Zeiträume fest, in denen er ungestört bleiben will.“ Leitfäden für Mitarbeiter und Führungskräfte sollen helfen, die Vorteile des mobilen Arbeitens zu nutzen, aber auch Vorbehalte abzubauen.

Microsoft schafft Präsenzpflicht ganz ab

Bislang galt bei Bosch grundsätzlich die Präsenzpflicht, und Abweichungen davon mussten einzeln genehmigt werden. Mit der neuen Vereinbarung folgt das Unternehmen, das in Deutschland rund 107.000 Menschen beschäftigt, einem Trend. So hat auch Microsoft Deutschland gerade die Präsenzpflicht komplett abgeschafft. Jeder kann arbeiten, wo er will. Damit will das Softwareunternehmen für hoch qualifizierte Fachkräfte attraktiver werden und zugleich Geld für Büroräume sparen. Die gleichen Freiheiten gewährt Virgin-Gründer Richard Branson – allerdings nur seinem engeren Führungsstab von etwa 170 Leuten. Branson legt sogar eine Urlaubsflatrate obendrauf. 

Schöne neue Flexibilität? Immer mehr Unternehmen reagieren mit solchen Modellen auf den wachsenden Fachkräftemangel, gerade bei Ingenieuren und in anderen technischen Berufen. Nur: Sie werden offenbar wenig genutzt. Die Welt veröffentlichte Anfang des Jahres eine Berechnung, die sie beim Statistischen Bundesamt in Auftrag gegeben hatte. Danach arbeiteten im Jahr 1996 noch 8,8 Prozent der Beschäftigten zumindest zeitweise im Homeoffice. In den Folgejahren stieg dieser Anteil bis auf 9,7 Prozent, im Jahr 2012 lag er aber nur noch bei 7,7 Prozent.

Die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeber führt den Trend darauf zurück, dass die Unternehmen eben immer mehr Modelle wie freie aushandelbare Teilzeit, Jobsharing oder Arbeitszeitkonten anböten. Deshalb gehe der Bedarf nach Telearbeit zurück. Bei Bosch könnte das ähnlich sein. Schließlich gibt es bei dem Unternehmen schon jetzt rund 100 flexible Arbeitszeitmodelle.

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