FLÜCHTLINGSPOLITIK 07.09.2015, 12:30 Uhr

Industrie will Asylbewerber als Fachkräfte einstellen

Viele Menschen, die aus den Krisengebieten in Asien und Afrika nach Europa kommen, sind gut ausgebildet und motiviert zu arbeiten. Das verhindert das geltende Recht. Unternehmen fordern eine Änderung, um offene Stellen besetzen zu können.

Fahrzeug-Produktion im Mercedes-Benz Werk in Sindelfingen: Daimler-Chef Dieter Zetsche will so schnell wie möglich auch Flüchtlinge im Unternehmen einsetzen. 

Fahrzeug-Produktion im Mercedes-Benz Werk in Sindelfingen: Daimler-Chef Dieter Zetsche will so schnell wie möglich auch Flüchtlinge im Unternehmen einsetzen. 

Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Deutsche Unternehmen werden in der Flüchtlingspolitik aktiv. Dieter Zetsche, Chef des Autoherstellers Daimler, eines der größten deutschen Industrieunternehmen, will den anhaltenden Mangel an Fachkräften durch Asylbewerber und geduldete Flüchtlinge beheben. „Ich könnte mir vorstellen, dass wir in den Aufnahmezentren die Flüchtlinge über Möglichkeiten und Voraussetzungen informieren, in Deutschland oder bei Daimler Arbeit zu finden“, sagte Zetsche der Bild am Sonntag.

Damit könnte ein Hindernis bei der Integration überwunden werden. Bisher stellen Unternehmen bevorzugt Deutsche und Ausländer aus der Europäischen Union ein, die automatisch eine Arbeitserlaubnis bekommen.

Arbeitserlaubnis nach einem Monat gefordert

Um Zetsches Vorhaben zu verwirklichen müsste allerdings auch die Politik ran. Flüchtlinge dürfen in den ersten drei Monaten nach ihrer Registrierung nicht arbeiten. Der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, sagte dazu, es gehe bei einer Änderung der Rechtsgrundlagen darum, die „richtige Balance“ zu finden. „Oft werden die ersten Monate benötigt, um ein Mindestmaß an Sprachkenntnissen sicherzustellen“, fügte er hinzu.

Daimler-Chef Dieter Zetsche gewinnt der Flüchtlingswelle Positives für Deutschland ab. Die Zufluchtsuchenden könnten ähnlich wie früher die Gastarbeiter helfen, unseren Wohlstand zu erhalten beziehungsweise zu vermehren.

Daimler-Chef Dieter Zetsche gewinnt der Flüchtlingswelle Positives für Deutschland ab. Die Zufluchtsuchenden könnten ähnlich wie früher die Gastarbeiter helfen, unseren Wohlstand zu erhalten beziehungsweise zu vermehren.

Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Daimler-Vorstandsmitglied Christine Hohmann-Dennhardt hatte schon vorher in einem Zeitungsinterview angeregt, Asylbewerbern bereits nach einem Monat eine Arbeitserlaubnis zu erteilen. Im Frühsommer hatte die deutsche Wirtschaft Ähnliches gefordert. „Es ist im Interesse aller alles zu tun, damit sich diese Menschen zügig in den Arbeitsmarkt integrieren können“, sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer der Deutschen Presseagentur.

Viele Flüchtlinge, vor allem aus Syrien, sind gut ausgebildet und sprechen Englisch. So makaber es auch klingt: Ohne Zweifel haben vor allem die, die früher einen guten Job hatten, genügend Geld, um Schlepper zu bezahlen, die sie nach Europa bringen.

Mehr als 500.000 offene Stellen

„Flüchtlinge können uns – ähnlich wie vor Jahrzehnten die Gastarbeiter – helfen, unseren Wohlstand zu erhalten beziehungsweise zu vermehren“, so Zetsche. „Deutschland kann die freien Arbeitsplätze doch gar nicht mehr allein mit Deutschen besetzen.“ Für mehr als 500.000 Stellen finden sich derzeit keine geeigneten Bewerber.

Daran trägt neben der seit langem niedrigen Geburtenrate auch die Möglichkeit zur Frühverrentung mit 63 Jahren eine Mitschuld. Ein paar Hundertausend Menschen, die im Normalfall noch mindestens zwei weitere Jahre gearbeitet hätten, fehlen damit in den Unternehmen.

Von Wolfgang Kempkens Tags:

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