Ernährung 12.03.2004, 18:29 Uhr

Fischfabrik mit gutem Umweltgewissen

VDI nachrichten, Sassnitz, 12. 3. 04 -Was liegt näher, als den Fisch direkt dort zu verarbeiten, wo er gefangen wird? Zum Beispiel in Sassnitz auf der Ostseeinsel Rügen. Dort startete vor kurzem die größte europäische Fischfabrik ihren Betrieb. Deren umweltfreundliche Kälteanlage arbeitet ausschließlich mit natürlichen Kältemitteln und war dadurch sogar deutlich kostengünstiger als eine konventionelle.

Keine Sekunde dauert es, aus einem Hering zwei Fischfilets zu machen. Alternativ sind auch Häppchen möglich. In diesem Tempo verarbeitet die Fischfabrik in Sassnitz den Hering gleich tonnenweise nahezu vollautomatisch. Menschen nehmen hier nur noch überwachende und begleitende Aufgaben wahr, wenn die Sortieranlagen den Fisch nach Rückenbreite einteilen oder die so genannten Mühlen den Hering zerlegen. Die drei Produktionslinien sind auf 500 t täglich im Dreischichtbetrieb ausgelegt.
Im Oktober 2003 startete der Betrieb nach gut zwei Jahren Bauzeit, in der eigens ein 12 h großes Areal im Fährhafen Sassnitz-Mukran aufgespült wurde. Direkt nebenan machen die Fangschiffe am Kai fest, um Heringe, Sprotten oder Flunder zu übergeben. Einem riesigem Sauger gleich, lässt das fabrikeigene Vakuumpumpsystem 60 t bis 70 t Fisch in der Stunde vom Schiff direkt in die Fabrik flutschen. Das angegliederte Kühlhaus bietet frostigen Platz für bis zu 22 000 t Fisch bei -28 °C. „Damit betreiben wir hier die größte und modernste Fischfabrik Europas“, erklärt Anton van der Plas, Managing Director von Euro-Baltic Fischverarbeitungs-GmbH, einem Tochterunternehmen der niederländischen Parlevliet & Van der Plas B.V.
Einen zweiten Rekord stellt das Fischbearbeitungszentrum, kurz FBZ Sassnitz, mit seiner umweltfreundlichen Kälteanlage auf. Die Kühlleistung ist auf circa 5 000 kW in der jetzigen Ausbaustufe ausgelegt und wird mit den natürlichen Kältemitteln Ammoniak und Kohlendioxid erzeugt. Die Planung und Installation stammen von der Axima Refrigeration GmbH Lindau aus dem französischen Suez-Konzern. Im Kälteerzeugungskreis für Temperaturen zwischen -45 °C und -4 °C kommt Ammoniak zum Einsatz. Aus Sicherheitsgründen übernimmt Kohlendioxid als verdampfender Kälteträger den Kältetransport zu den Verbrauchern. Dort betragen die Temperaturen je nach Kältekreis -42 °C und -8 °C. Im Vergleich zu Sole entstehen dabei im Rohrsystem zwar höhere Drücke bis zu 40 bar, die Kälteleistung liegt jedoch höher, da der Wärmeübergangskoffezient von Kohlendioxid höher ausfällt. Dadurch lassen sich die Rohrdimensionen senken, wie ein Beispiel von Axima zeigt: Bei einer zu transportierenden Kälteleistung von 500 kW bei -8 °C würde die Soleleitung mit Propylenglykol und einer Temperaturspreizung von 6 K eine Nennweite von DN 150 haben. Mit Kohlendioxid als verdampfendem Kälteträger seien lediglich DN 40 nötig. „Das ergibt einen Kostenvorteil von über 100 € pro laufenden Meter“, rechnet Dr.-Ing. Martin Niederkrüger vor, Geschäftsführer von Axima Refrigeration. Bei rund 7 km installierter Rohrleitung ergeben sich große Einsparpotenziale gemessen an den etwa 6,6 Mio. € Baukosten der Kälteanlage, welche die Hafenbetriebs- und Entwicklungsgesellschaft mbH Sassnitz und Euro-Baltic als Bauherren realisieren konnten. Als weiteren Vorteil nennt Martin Niederkrüger den Investitionsschutz, den natürliche Kältemittel bieten (siehe Interview).
Das FBZ besteht aus den zwei Gebäudekomplexen – Bearbeitungshalle und Kühlhaus. In der rund 14 000 m2 großen Produktionsstätte werden die frisch gefangenen Fische, vornehmlich Heringe, sortiert, filetiert und gefrostet sowie in Marinade eingelegt. Nach dem Frosten gelangt der Fisch in die Kühlhalle, einem 115 m langen und 62 m breiten Gebäude, das vollautomatisch funktioniert. Selbst das Umrühren der Marinade, das für den so genannten Reifungsprozess nötig ist, erfolgt per Computer gesteuert und von Maschinenhand geführt.
Die Kälteanlage im Produktionsgebäude versorgt auch das Kühlhaus und zwar mit ganz unterschiedlichen Temperaturen von -28 °C, 0 °C oder +18 °C. Das Warmglykol aus der Wärmerückgewinnung der Kältemaschinen wird für den Unterfrierschutz des Tiefkühllagers, das Abtauen der Luftkühler sowie zum Entfeuchten der Luft genutzt.
Per Lkw gelangt der Hering schließlich zur Feinkostindustrie in Deutschland und Europa oder gar per Schiff nach Asien und Afrika. „Die neue Fischfabrik verleiht der einst traditionellen Fischerei am Standort neuen Schwung“, erklärt Dipl.-Ing. Wolfgang Mostek von der Hafenbetriebs- und Entwicklungsgesellschaft. Nach der Ansiedlung einer Produktionsstätte für Marinaden und der Umrüstung des Fährhafens in Sassnitz, gepaart mit den nahen Fischgründen, ist nun die gesamte Wertschöpfungskette der Heringsproduktion an einem Ort vereint.
Die Zurückhaltung der Ansässigen gegenüber dem ausländischen Investor, die der Betreiber Parlevliet & Van der Plas anfangs spürte, scheint verflogen zu sein. Kein Wunder bei insgesamt 79 Mio. € Erstellungskosten und 150 neuen Arbeitsplätzen, die mittelfristig in der Fischfabrik entstehen sollen. Weiterhin würden sich Stellen im Hafen, bei den Werften und Zulieferern sichern bzw. erweitern lassen. Ein für das eher strukturarme Mecklenburg-Vorpommern gleich im doppelten Sinn ein wohlschmeckendes Häppchen.
CORINNA LINKE

Von Corinna Linke
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