Industrie 29.07.2005, 18:39 Uhr

BASF setzt auf autarke Energieversorgung  

VDI nachrichten, Ludwigshafen, 29. 7. 05 – Mit der Investition von rund 240 Mio. € in ein hochmodernes Kraftwerk am Standort Ludwigshafen macht sich der Chemiekonzern BASF weit gehend unabhängig von der externen Energieversorgung. Eine eigene Betreibergesellschaft fährt die von Siemens gebaute Anlage.

Das obligate „Rote-Knopf-Drücken“ hat Seltenheitswert – zumindest wenn es um Anlagen zur Strom- oder Dampferzeugung geht. Um so mehr freuten sich der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz Kurt Beck und Staatssekretär Georg Wilhelm Adamowitsch aus dem Bundes-Wirtschaftsministerium gemeinsam mit den Vorständen von BASF und Siemens über den Startschuss für die derzeit wohl modernste Gas- und Dampfturbinenanlage (GuD-Kraftwerk) der Welt.

Der Siemens-Bereich Power Generation (PG) errichtete das Kraftwerk in Ludwigshafen, das aus zwei Gasturbinen, einer Gegendruckdampfturbine, drei Generatoren, der kompletten Maschinentechnik mit zwei Abhitzedampferzeugern sowie der Elektrotechnik und der Leittechnik besteht. In nur einem halben Jahr war das Großprojekt von den Behörden genehmigt, und Siemens benötigte nur etwa eineinhalb Jahre für den Bau.

Das Kraftwerk läuft seit April im Probe- und seit Mai im Regelbetrieb „und bis jetzt gab es keinerlei Pannen oder Komplikationen“, berichtete Dr. Wolfgang Gerhardt, zuständig bei der BASF für Energie und Entsorgung. Das sei angesichts von 300 km Rohre und 50 000 Schweißnähten in den beiden Kesseln schon erstaunlich. Und auch die Kooperation mit Siemens wurde in den höchsten Tönen gelobt. Dennoch entschloss man sich bei der BASF, das neue Kraftwerk mit einer eigenen Gesellschaft, der BASF Power GmbH, und 25 Mitarbeitern selbst zu fahren. Das war vor acht Jahren anders: Damals errichtete RWE auf dem Firmengelände ein GuD-Kraftwerk und betreibt es noch heute nach dem Contracting-Prinzip.

Die jüngste Anlage nutzt die eingesetzte Energie zu 90 % und versorgt das Stammwerk des Konzerns mit Strom bei 440 MW Leistung und 650 t Dampf pro Stunde. Der Drang, sich von externen Stromanbietern unabhängig zu machen, ist wohl verständlich, denn der Energiehunger der BASF ist beträchtlich und macht bis zu 60 % der Produktionskosten aus: So wurden letztes Jahr 6,3 Mrd. kWh Strom und 19,1 Mrd. t Dampf benötigt. „Statt wie bisher nur 15 % erzeugen wir nun 65 % unseres Stroms in eigenen Anlagen“, bilanziert Ernst Schwanhold, Leiter des BASF-Kompetenzzentrums Umwelt, Energie und Sicherheit.

Rechnet man den Strom des RWE-Kraftwerks auf dem Firmengelände hinzu, sind es keine 10 % mehr, die noch von außen bezogen werden müssen. Beim Dampf werden 42 % über die eigenen Kraftwerke erzeugt und 58 % aus exothermen chemischen Prozessen am Standort Ludwigshafen. Hier arbeitet das Unternehmen bereits völlig autark. „Ein wichtiges Stück Standortsicherheit auf mindestens 30 Jahre“ – so lautet die übereinstimmende Einschätzung des GuD-Projektes. „Wir haben nun die günstigste Energieversorgung, die in Deutschland möglich ist“, freut sich Ernst Schwanhold.

Mit einem Brennstoffnutzungsgrad von rund 90 % und einem elektrischen Wirkungsgrad von 43 % liefern die Gas- und Dampfturbinen 3,5-mal so viel Strom pro Tonne Dampf wie konventionelle Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen ohne Gasturbinen. Gegenüber einem Kohlekraftwerk, wie es die BASF nun stillgelegt hat, reduziert sich der CO2-Ausstoß um knapp 40 %. Im Jahr 2006 dürften das absolut gerechnet 500 000 t Kohlendioxyd pro Jahr sein.

Herzstück der Anlage sind zwei erdgasbefeuerte Gasturbinen mit je 180 MW elektrischer und 525 MW thermischer Leistung vom Typ SGT5-3000E. Sie gelten als „Arbeitspferde“ mit besonders hoher Zuverlässigkeit. 30 000 Stunden sollen sie bis zur ersten Hauptinspektion laufen. Deren Abgase produzieren in einem Abhitzekessel Dampf für eine nachgeschaltete Dampfturbine mit einem weiteren Generator hier liegt die elektrische Turbinenleistung bei 80 MW. Der restliche Dampf gelangt dann über die Prozessdampfnetze in die Produktionsbetriebe des Unternehmens.

Die Gaseintritttemperaturen bei der Gasturbine liegen zwischen 1150 °C und 1180 °C. Die Beherrschung dieser hohen Temperaturen im Dauerbetrieb erfordert ausgefeilte Schutz- und Kühleinrichtungen für die metallischen Werkstoffe der Heißgasteile. Daher ist die Brennkammer mit keramischem Werkstoff ausgekleidet, der den Hitzeschildkacheln der Nasa-Space-Shuttles ähnelt. Die Turbinenschaufeln sind mit einer keramischen Beschichtung und mit speziellen Bohrungen versehen, durch die Kühlluft austritt, die sich als schützender Film auf die Oberfläche legt. So wird die Oberflächentemperaturen auf rund 800 °C begrenzt.

Insgesamt unterhält die BASF in Ludwigshafen drei Kraftwerke neben den beiden GuD-Kraftwerken liefert auch das 40 Jahre alte Kraftwerk Nord mit 200 MW elektrischer Leistung und 300 t Dampf pro Stunde einen wichtigen Anteil an der Strom- und Dampfversorgung. Das Kraftwerk Nord nutzt neben Erdgas vor allem flüssige und gasförmige Sekundärbrennstoffe. Doch hier wird die Grundlast mit Inbetriebnahme der neuen GuD-Anlage auf 120 MW heruntergefahren. MARTIN BOECKH

Von Martin Boeckh

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