Klimapolitik 23.04.2018, 14:21 Uhr

Chance oder Risiko – Ingenieure wollen neue Debatte über CCS

Für Ingenieure ist die Carbon Capture & Storage (CCS) genannte Technologie eine Möglichkeit, Kohlendioxid (CO2), das bei industriellen Produktionsprozessen entsteht, nicht in die Atmosphäre auszustoßen. In der Gesellschaft stößt die unterirdische Speicherung von CO2 in Deutschland auf Ablehnung. Hans-Joachim Kümpel, ehemaliger Direktor der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), fordert eine neue Debatte zum Thema.

Luftansicht der Pilotanlage von Vattenfall

Die Pilotanlage von Vattenfall.

Foto: Vattenfall

Durch das Pariser Klimaabkommen und dem darin vereinbarten Emissionsminderungsziel – die Treibhausgasemissionen bis 2050 um bis zu 95 % zu senken – gilt es, neue Strategien zur Treibhausgasneutralität zu entwickeln und zu prüfen. Technische Lösungen müssen ausreichend geplant und erprobt sein, bevor sie Marktreife erlangen können. Für Planung, Entwicklung und Infrastruktur sind Investitionen nötig. Und um nachhaltig zu sein, muss ein technischer Weg ökologisch, ökonomisch und letztendlich auch sozial verträglich sein.

Porträtbild von Hans-Joachim Kümpel

Hans-Joachim Kümpel, Projektleiter an der Deutschen Akademie der Technischen Wissenschaften (acatech).

Foto: BGR

Im Rahmen der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) will der Geophysiker Hans-Joachim Kümpel eine neue gesellschaftliche Debatte über Chancen und Risiken der CCS- Technologie anregen. Für Kümpel ist CCS ein möglicher technischer Weg zur Treibhausgasneutralität, verdeutlichte er vergangenen Donnerstag im Rahmen einer Ringvorlesung zum Thema Klimaschutztechnologien an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Aus Kümpels Sicht gilt es, die Debatte über CCS neu aufzurollen.

Geologische Speicherung von Erdgas bereits erprobt

CCS ist ein Verfahren mit dem CO2, das bei industriellen Produktionsprozessen entstanden ist, abgeschieden und nicht weiter in die Atmosphäre freigesetzt wird, indem das CO2 in unterirdische Reservoirs aus Sandstein gepumpt und dort dauerhaft gelagert wird.

Kümpel wies darauf hin, dass das technische Know-how in Deutschland bereits vorhanden sei und die geologische Speicherung von Erdgas bereits mit Methan betrieben werde. Deutschland beziehe kontinuierlich Erdgaslieferungen aus Norwegen, den Niederlanden und Russland. Der Verbrauch sei aber im Winter höher als im Sommer. Um den Überschuss zwischenzuspeichern, werde das Erdgas in unterirdischen Porenspeichern aus Sandstein gelagert. Das sei das Gleiche wie CCS, nur eben mit Methan anstatt mit CO2. Bei der Erforschung der unterirdischen CO2-Speicherung verwies Kümpel auf das Pilotprojekt Ketzin bei Berlin, wo bereits seit 2004 an der Technologie geforscht wird (wir berichteten).

Transport über internationale Pipelines

Bei der Frage nach dem Transport zu den Lagerstätten kam Kümpel sehr schnell zu einer Pipeline-Infrastruktur, deren Bau sich angesichts der Dimensionen von Millionen von Tonnen – jährlich und über viele Jahre hinweg – ökonomisch lohnenswert sei. Eine Pipeline werde einmal gelegt, sei über lange Zeit nutzbar, überwachbar und belaste nicht den Verkehr auf Schiene und Straße.

Für ökonomisch sinnvoll hält Kümpel es auch, wenn sich gleich mehrere große CO2-Emittenten an einer solchen Infrastruktur beteiligen würden – auch staatenübergreifend. „Wenn sich mehrere große Emittenten zusammentun und eine gemeinsame Infrastruktur nutzen, ist das wesentlich erfolgversprechender und kostengünstiger, als wenn jeder für seine eigene Infrastruktur aufkommt“, sagte Kümpel. Weshalb sich nicht zuletzt auch die Politik angesprochen fühlen müsse, um entsprechende Bedingungen zu schaffen.

Staatenübergreifend denkt Kümpel für den Standort Deutschland vor allem an Norwegen. Dort habe man eine sehr erfolgreiche Öl- und Erdgasindustrie, ebenfalls mit dem entsprechenden Know-how und der Erkenntnis, dass etwas getan werden muss, um den CO2-Anstieg in der Atmosphäre zu stoppen. Auch die Niederlande habe sich mit seiner Koalitionsbildung dazu bereit erklärt, eine CCS-Infrastruktur zu unterstützen – vorwiegend im Offshore-Bereich. Zudem sei CO2 in den Niederlanden durchaus als Rohstoff von Bedeutung. Unser Nachbarstaat habe sehr viele Gewächshäuser, in denen CO2 als Methode zur Ertragssteigerung bei Nutzpflanzen eingesetzt werde. Es komme nun darauf an, dass ein Anfang gemacht werde und nicht erst darauf gewartet werde, dass einer den ersten Schritt mache. „Wir haben ein Umsetzungsproblem, kein Erkenntnisproblem“, fügte Kümpel hinzu. Und damit ist für Kümpel die Frage nach der ökonomischen Verträglichkeit eine Frage danach, was es kostet nicht zu handeln und was es kostet zu handeln.

CCS in Deutschland nur im Industriesektor bedeutend

Bei seinem Vortrag betonte Kümpel, dass die CCS-Technologie lediglich für den Industriesektor von Bedeutung sei. Dort dann auch nur für „anderweitig nicht verwendbare CO2-Restemissionen“, wie Kümpel sagte. Und grundsätzlich solle die Vermeidung von CO2 Vorrang haben. Für den Energiesektor käme CCS mittlerweile nicht mehr infrage: „Das Thema ist vom Tisch.“ Der Energiesektor habe bereits die erneuerbaren Energien als Ausweichtechnologie, wenn dort auch mit großen Herausforderungen, wie Kümpel einräumte. Die Industrie hingegen stünde der Herausforderung noch gegenüber, die emissionsstarken Prozesse durch emissionsarme zu ersetzen. Solange sei die geologische Speicherung von emittiertem CO2 als Brückentechnologie für nicht vermeidbare CO2-Emissionen zu betrachten und eher etwas wie ein „kleiner Baustein“, wie Kümpel sagte. Aber bisher sei die CCS-Technologie in Deutschland nicht für den Einsatz zugelassen. Das CCS-Gesetz in Deutschland sei sehr prohibitiv und verhindere jegliche geologische Speicherung von CO2. Nicht zuletzt, weil es den einzelnen Bundesländern durch eine Länderklausel ein Vetorecht gegen CCS einräume.

Kümpel appellierte daran, dass Deutschland bei der Dekarbonisierung seine Verantwortung als Industrienation und einem der weltweit größten CO2-Emittenten wahrnehmen und diese Verantwortung als besonderen Ansporn sehen müsse, eine Vorreiterrolle einzunehmen: „Wenn wir das als Industrienation nicht schaffen, dann ist das ein ganz schlechtes Beispiel für Länder, die viel schlechtere Voraussetzungen haben als wir“, sagte Kümpel.

CCS mit dem Label der Risikotechnologie

Kümpel berichtete, dass CCS in den letzten Jahren bei der Bevölkerung auf große Ablehnung gestoßen sei. Das Vertrauen in Sicherheitsmaßnahmen fehle und neben Umweltschäden wird ein Imageverlust der betroffenen Regionen befürchtet. Mit dazu beigetragen hätten auch diverse Negativkampagnen, an denen unter anderem Organisationen wie Greenpeace Deutschland beteiligt waren. Mittlerweile rudere der norwegische Ableger der Umweltschutzorganisation bereits wieder zurück und räume Chancen durch den Einsatz von CCS ein. Mit diesem Blick auf Norwegen erklärte Kümpel, dass man dort kulturell offener gegenüber neuen Technologien eingestellt sei. Kümpels Fazit für Deutschland: „Wir wollen, dass eine neue Debatte über CCS geführt wird, unter Einbindung der breiten Öffentlichkeit.“ Denn ohne die Unterstützung aus der Gesellschaft lasse sich die CCS-Technologie nicht einsetzen, wie Kümpel sagte.

 

 

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen einer Kooperation zwischen den VDI nachrichten und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die sich in einer Ringvorlesung dem Thema „Technik und Umweltethik“ widmet. Darin erschienen folgende Beiträge:

Technik kann Klimawandel nicht stoppen

Agroforsten und Humusaufbau für Klimaschutz langfristig unverzichtbar

Industrie. Mit mehr Effizienz zu mehr Klimaschutz

Reboundeffekt stoppt geringere Emissionen von Treibhausgasen

„Die Zukunft wird überraschend anders sein“

Power to Gas – Schlüsseltechnologie für die Energiewende

Ingenieure müssen mit sozialer Verantwortung globale Herausforderungen angehen

 

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