Abstiegsangst 16.04.2010, 19:46 Uhr

Wachstum entscheidet über das Schicksal der Mittelschicht

Die Mittelschicht in Deutschland ist kleiner geworden, die Sorge um den Status wächst. Steuererleichterungen sollen den Beziehern mittlerer Einkommen helfen. Doch das Beispiel der USA zeigt: Niedrige Steuersätze haben die Ungleichheit noch vergrößert.

Die Politik umwirbt die Mittelschicht. Mit niedrigeren Steuern will vor allem die FDP die neu entdeckten Leistungsträger entlasten.

Auch wenn die Mittelschicht nicht reich ist, sind Steuersenkungen für sie inzwischen ein Thema. Von den Entlastungen der vergangenen Jahre haben sie weniger profitiert als Reiche. Da sie relativ mehr für Konsum ausgeben, schlägt die Erhöhung der Umsatz- und Verbrauchsteuern stärker zu Buche als bei Wohlhabenden. Die so genannten „Massensteuern“ (Tabelle) tragen inzwischen fast zu drei Vierteln zum gesamten Steueraufkommen bei. Zuzahlungen für die Krankenversicherung sind gestiegen, für das Alter muss mehr privat vorgesorgt werden.

Und die Mittelschicht gerät unter Druck. Seit Beginn der Wirtschaftskrise sind nach Angaben des Ökonomen Arne Heise von der Universität Hamburg schon rund 140 000 Arbeitsplätze abgebaut worden, Kurzarbeit ist nach wie vor hoch. Der Crash an den Finanzmärkten hat den Wert von Geldanlagen sinken lassen.

Diese wachsenden Risiken spiegeln sich auch im Bewusstsein: In der Mittelschicht herrscht Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Auch wenn die tatsächlichen Lebens- und Arbeitsumstände diese Befürchtung nicht immer rechtfertigen, schlägt die schlechte Grundstimmung in den unteren sozialen Gruppen auf die höheren durch, beobachtet der Soziologe Holger Lengfeld von der Fern-Uni Hagen. Unbegründet ist diese Angst aber nicht. Zwischen 2000 und 2007 ist die Zahl der Mittelschicht-Angehörigen um 5 Mio. gesunken. Die meisten sind sozial abgestiegen, sagt Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Im Unterschied zum alten Mittelstand, der sich aus Selbstständigen (Kaufleuten, Handwerkern, Händlern, z. T. auch Bauern) rekrutierte, setzen sich die Mittelschichten heute vor allem aus abhängig Beschäftigten zusammen: Angestellten, (Fach-)arbeitern und Beamten, erläutert Christoph Deutschmann, Wirtschaftssoziologe an der Universität Tübingen.

Mittelschichten sind das Ergebnis von zwei Entwicklungen: der Entstehung von Großunternehmen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, die den Beruf der Angestellten hervorgebracht hat, sowie dem wachsenden Dienstleistungssektor. Mittelschichten werden von den Ökonomen des DIW über das Einkommen definiert. So zählen dazu Singles mit einem Nettoeinkommen zwischen 1100 € und 2300 € im Monat. Bei Paaren mit zwei Kindern liegen die Grenzen bei 2310 € und 4830 €. Insgesamt umfasst die Mittelschicht in Deutschland rund 54 Mio. Frauen und Männer.

In den USA hat der Druck auf die Mittelschichten mit dem Regierungsantritt von Ronald Reagan vor 30 Jahren zugenommen. Niedrige Steuersätze haben dort die Ungleichheit nicht verkleinert, sondern vergrößert, wie der Ökonom Paul Krugman herausgefunden hat.

Mit Steuersenkungen hatte US-Präsident Ronald Reagan die Besserverdiener begünstigt. Dennoch sind selbst die Einkommen der hoch qualifizierten Angestellten seit Reagans Amtsantritt vor 30 Jahren nur moderat gestiegen. Die großen Gewinner dieser Politik finden sich, so Krugman, unter dem obersten 1 % der Einkommenspyramide. Heute sei die Ungleichheit bei den Einkommen in den USA so hoch wir vor dem New Deal Anfang der 30er-Jahre.

Damit seien die USA heute weit entfernt von der Gesellschaft der 50er- und 60er-Jahre. Damals haben die progressive Besteuerung hoher Einkommen – im Kalten Krieg Mitte der 50er-Jahre stieg der Spitzensteuersatz auf 91 % –, kollektive Arbeitsverträge sowie strikte Einwanderungsbestimmungen die Entstehung und die Festigung einer Mittelschicht-Gesellschaft gefördert.

In den 50er-Jahren waren die Reichen in den USA erheblich ärmer als in den 20er-Jahren. Nicht nur relativ – durch geringere Einkommenszuwächse – , auch absolut ging deren Kaufkraft zurück. Zugleich wurde die Lohnspreizung zwischen einzelnen Arbeitnehmergruppen geringer.

Krugmans Fazit: Mittelschichtgesellschaften entwickeln sich nicht im Gleichklang mit der Reifung einer Volkswirtschaft, sie müssen politisch gestaltet werden.

Ähnlich verlief die Entwicklung auch in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein kräftiges Wirtschaftswachstum in der Wiederaufbauphase, dazu staatliche Ausgaben für Bildung, die Ausweitung des öffentlichen Sektors und der Ausbau des Sozialstaates haben eine breite und stabile Mittelschicht entstehen lassen. Die Reallöhne stiegen in den ersten 20 Jahren der Bundesrepublik je Arbeitnehmer brutto im Jahresdurchschnitt um fast 6 %, so der frühere DGB-Tarifexperte Hartmut Görgens.

In Deutschland orientiert sich die Mittelschicht, die selbst nicht reich ist, gerne an der Oberschicht. Warum ist das so?

Der Ökonom Arne Heise sieht darin einen Erfolg der Eliten, die es geschafft hätten, Themen zu besetzen und ihre Interessen als die der ganzen Gesellschaft auszugeben. Für den Wirtschaftssoziologen Christoph Deutschmann ist es Ausdruck der Aufsteigermentalität in der Mittelschicht: „Man identifiziert sich mit einer Gruppe, in die man aufsteigen will, zu der man aber noch nicht gehört. Dabei tue man so, als sei man schon dort.“

Moderne kapitalistische Gesellschaften, so Deutschmann, lebten von dieser Aufstiegshoffnung, sie sei ein Grund für gesellschaftliche Dynamik. Und dieser Wille ist in der Mittelschicht offenbar noch vorhanden – im Gegensatz zur Unterschicht, wo viele Menschen kaum noch an die Chance eines sozialen Aufstiegs glaubten.

In diesem Gefühl des Abgehängtseins sieht Deutschmann ein großes Problem. Denn fehlende Aufstiegschancen würden Wachstum behindern, und Wachstum gilt als Voraussetzung für die Sicherung des Wohlstandes und den Abbau des Staatsdefizits.

Letztlich entscheide Wachstum auch über das Schicksal der Mittelschicht, sagt der Ökonom Arne Heise. Die hohen Zuwachsraten in der Bundesrepublik in den 50er- und 60er-Jahren waren der Grund für das Wachstum der Mittelschichten. „Da konnten alle Verteilungsinteressen bedient werden.“

Die Rückkehr zu den damaligen hohen Einkommensteuertarifen (der Eingangssteuersatz lag rund 8 %-Punkte, der Spitzensteuersatz rund 10 %-Punkte über dem heutigen Niveau) sei aber kein Ausweg, sagt Heise. Dennoch schließt er sich nicht den Forderungen nach Steuersenkungen an. Heise: „Hohes Wachstum und hohe Steuersätze schließen sich nicht aus.“ Wenn die Erhöhung der Steuern vor allem hoher Einkommen zur Stärkung der Binnennachfrage – insbesondere bei den öffentlichen Investitionen der klammen Kommunen und Gemeinden – beiträgt, kann dies durchaus das Wirtschaftswachstum nachhaltig fördern.“ HARTMUT STEIGER

Von Hartmut Steiger
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