Sachverständigenrat 27.04.2012, 11:57 Uhr

Umwelt- und Klimapolitik: Lücken beim LKW-Verkehr

Deutschland müsse Lücken in seiner Umwelt- und Klimapolitik schließen und global mehr Verantwortung übernehmen, fordert der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) auf einer Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing, auf der er Überlegungen zum nächsten Umweltgutachten diskutierte.

„Um unseren Wohlstand und unsere Wohlfahrt zu sichern, wird es immer wichtiger, Ressourcen effizient zu nutzen“, betonte Martin Faulstich auf der Tagung „Ökologische Grenzen ernst nehmen“ in der Evangelischen Akademie Tutzing.

Für den SRU-Vorsitzenden und Lehrstuhlinhaber für Rohstoff- und Energietechnologie an der TU München heißt das, die Industriegesellschaft muss nachhaltig werden. Sinnvoll sei etwa, langfristig Kohlenwasserstoffe für die Grundstoffindustrie regenerativ und strombasiert herzustellen.

Planetare Belastungsgrenzen machen Umwelt- und Klimaschutz dringend notwendig

„Planetare Belastungsgrenzen müssen dabei natürlich ernst genommen werden“, so Faulstich. Beispiel Klimaschutz und Verkehr: Die Weltgemeinschaft will die Klimaerwärmung auf zwei Grad bezogen auf die mittlere Temperatur zu Beginn der Industrialisierung begrenzen.

Das Industrieland Deutschland zeigt mit Atomausstieg und Energiewende den Weg zu einer Stromgesellschaft auf, den viele Staaten interessiert verfolgen. Der SRU erkennt diese Vorreiterfunktion an, weist aber gleichzeitig auf Schwächen der deutschen Politik hin.

„Sie kümmert sich nicht um den Klimakiller Güterverkehr“, kritisiert Ratsmitglied Olav Hohmeyer von der Uni Flensburg. Im Gegensatz zu fast allen anderen Sektoren stiegen die CO2-Emissionen aus dem Güterverkehr von 1990 bis 2010 deutlich um ca. 25 %. Allein Lkw, Züge und Schiffe emittierten 2010 fast 70 Mio. t CO2. Im Jahr 2050 könnten es ohne Kurskorrektur 120 Mio. t sein.

Das hält Hohmeyer für katastrophal und betont, es ginge auch anders. Durch Vermeidung unnötiger Transporte, bessere Auslastung, effizientere Motoren und eine teilweise Verlagerung auf die Schiene könnte bis 2050 ein Großteil dieser Emissionen eingespart werden. Dennoch könnte es noch ähnlich viel Lkw-Verkehr geben wie heute.

„Entscheidend wird sein, welche Energiequellen die Lkw nutzen“, meint Hohmeyer. Sie können mit Elektrizität, Biokraftstoffen oder mit synthetischen Kraftstoffen fahren, die mithilfe grünen Stroms hergestellt werden. Maßgeblich sei der Wirkungsgrad: Der von Biosprit liegt bei 7 % bis 10 %, der von Synthesekraftstoff bei knapp 40 %, der von in Batterien gespeicherter Elektrizität bei 65 % und der von direkt eingesetzter Elektrizität bei 80 %. Kleine Lkw sollen daher kurze Strecken batteriebetrieben fahren.

Umweltfreundlicher LKW-Verkehr mit dem Trolley-Truck-Konzept

Für den Fernverkehr schlägt der Rat das Trolley-Truck-Konzept vor. „Dafür muss die rechte Spur der Autobahnen mit Oberleitungen elektrifiziert werden“, erklärt Hohmeyer. Die Lkw könnten dann diese Spur auch besser auslasten. Siemens testet diesen Ansatz bereits auf einer Teststrecke in Brandenburg.

Dieses Konzept würde sich grundsätzlich in die bestehende Infrastruktur eingliedern lassen, sagt Bert Leerkamp, Verkehrs- und Logistikfachmann der Bergischen Universität Wuppertal. Es sei aber schwer umzusetzen. „Die meisten Akteure im Güterverkehr haben noch nicht erkannt, wie groß die Herausforderung ist, und nehmen die Klimaschutzaufgabe nicht ernst.“ Sie würden auf die Kosten verweisen.

„Doch das Konzept ist finanzierbar“, entgegnet Hohmeyer. Er rechnet für die Elektrifizierung inklusive Bau der Oberleitungen mit Kosten von etwa 2 Mio. €/km. Das ergibt für die 5700 km der Autobahnen A1 bis A9 rund 11,5 Mrd. € – über 12 Jahre sind das 1 Mrd. € jährlich.

Ein Teil der Kosten könnte durch Einnahmen aus der Mautgebühr getragen werden. Auch für Spediteure wären die Ausgaben tragbar, so Hohmeyer. Die Ausgaben für die Umrüstung würden sich bereits in den ersten zwei Jahren rechnen. Sinnvoll seien Hybridfahrzeuge, die auch ohne Oberleitung fahren können. „Es könnte Störungen in der Stromversorgung geben und es wird nicht nur elektrifizierte Strecken geben.“ Er empfiehlt dieselelektrische Antriebe.

Auch für biologische Vielfalt und sauberes Trinkwasser fehlten konkrete Schutzziele, sagt der SRU-Vorsitzender Faulstich. Die Herstellung von Fleisch, Baumwolle oder Biotreibstoff treibe den Wasserverbrauch in die Höhe. Und der Mensch habe bereits 70 % des Graslands, 50 % der Savannen, 45 % der Wälder in gemäßigten Zonen und 27 % der tropischen Wälder in Äcker und Weiden verwandelt. Tendenz steigend.

Die Herstellung von immer mehr Biomasse für verschiedenste Zwecke benötigt immer mehr Fläche. So würden mehr und mehr Lebensräume sowie Tier- und Pflanzenarten verschwinden, fürchtet Manfred Niekisch, Ratsmitglied und Direktor des Frankfurter Zoos. „Die biologische Vielfalt ist aber Garant für Ernährungssicherheit und Lebensqualität.“

Sachverständigenrat: Globale Verantwortung der deutschen Politik

Die deutsche Politik sollte hier ihrer globalen Verantwortung gerecht werden, meint der Umweltrat. Zwei Beispiele: Deutschland könnte den enormen Wasserverbrauch für Lebensmittelimporte aus wasserknappen Regionen beschränken, schlägt Holger Hoff vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung vor. Und Niekisch hält eine Verteuerung des Fleischkonsums durch steuerliche Maßnahmen für diskutabel. Denn wird weniger Fleisch gegessen, werden weniger Felder für Futtermittel benötigt. „Knapp zwei Drittel der Fläche, die jeder Deutsche im Schnitt für seine Ernährung benötigt, wird für tierische Nahrungsmittel gebraucht.“

Diese und andere Aspekte der deutschen Umwelt- und Klimapolitik wird der SRU Anfang Juni in seinem neuen Umweltgutachten im Detail vorstellen.

  • Ralph H. Ahrens

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