Energie 05.02.2013, 16:18 Uhr

Trotz AKW-Abschaltung: Deutschland exportiert weiterhin Strom

Die Befürchtungen, Deutschland würde wegen der Abschaltung von acht Atomkraftwerken im Jahr 2011 vermehrt Strom aus dem Ausland importieren, ist falsch. Das belegt eine Studie, die das Freiburger Ökoinstitut jetzt im Auftrag von Greenpeace erstellt hat. Im Gegenteil: Im letzten Jahr hat Deutschland so viel Strom exportiert, wie nie zuvor.

Seit 2011 abgeschaltet: das Atomkraftwerk Biblis in Südhessen. Obwohl acht alte AKWs vom Netz genommen wurden, wird in Deutschland weiterhin so viel Strom produziert, dass die Bundesrepublik Strom exportiert.

Seit 2011 abgeschaltet: das Atomkraftwerk Biblis in Südhessen. Obwohl acht alte AKWs vom Netz genommen wurden, wird in Deutschland weiterhin so viel Strom produziert, dass die Bundesrepublik Strom exportiert.

Foto: RWE

„Keiner kann mehr mit der falschen Behauptung Stimmung machen, ausländische Atomenergie habe die deutsche ersetzt“, frohlockt Niklas Schinerl, Energieexperte von Greenpeace Deutschland. Gemünzt ist dieser Satz auf Politiker wie zum Beispiel den FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle, der am 5. Juni 2012 in der FAZ noch prophezeit hatte: „Wir sollten uns nicht damit abfinden, dass wir jetzt vermehrt Kernenergie importieren.“

Implizit steckte in derartigen Äußerungen die Frage, ob es moralisch vertretbar sei, im Inland auf Kernenergie und die damit verbundenen Risiken zu verzichten, wenn in der Folge in anderen Ländern Kernkraftwerke laufen müssen. Denn durch die Abschaltung der Atomkraftwerke ist der erzeugte Strom aus der Kernenergie von 140,6 Terawattstunden im Jahr 2010 auf 108,0 Terawattstunden im Jahr 2011 zurückgegangen. Deshalb seien Stromimporte unumgänglich, hieß es.

Doch die neue Studie des Freiburger Ökoinstituts belegt, dass trotz der Abschaltung von acht Atomkraftwerken Deutschland munter weiter überschüssigen Strom ins Ausland exportiert. Besonders erhellend ist die Verteilung der Import/Export-Salden Deutschlands. Hier zeigt sich im betrachteten Zeitraum von Januar 2003 bis März 2012 ein klar erkennbares saisonales Muster: Deutschland exportiert regelmäßig Strom im Winter und importiert Strom im Sommer.

Das ist ein deutlicher Beleg dafür, dass die in Deutschland produzierte Strommenge vollkommen ausreichend ist. Denn gerade im Winter, wenn die Nachfrage nach Strom am höchsten ist, exportiert der deutsche Strommarkt Energie in das Ausland. Offenbar stehen also selbst in der nachfragestärksten Jahreszeit genügend inländische Kapazitäten zur Verfügung, um die Nachfrage zu befriedigen, ja, es ist sogar noch möglich, Strom zu exportieren. Die regelmäßigen Stromimporte in den Sommermonaten deuten darauf hin, dass im Sommer ausländische Kraftwerkskapazitäten kostengünstiger zur Verfügung stehen. Deshalb die Stromimporte im Sommer, denn ein Mangel an Energie ist ja selbst im Winter nicht erkennbar.

Diese Import-Export-Salden belegen, dass der entscheidende Faktor für Importe und Exporte der aktuelle Preis an den Strombörse ist und nicht etwa ein angeblich drohender Versorgungsengpass. „Die Kraftwerke mit den niedrigsten Produktionskosten kommen zuerst zum Zuge“, erklärt Charlotte Loreck, Energieexpertin am Öko-Institut und Autorin der Studie. „An diesem Mechanismus hat auch die Stilllegung von acht AKW nichts geändert.“

Die Studie des Ökoinstituts räumt auch auf mit dem Märchen, dass der Strommarkt in Deutschland den massiven Ausbau der Photovoltaik nicht verkraftet. Denn erstaunlicherweise hatte die Photovoltaik im Sommer 2012 einen starken Einfluss auf die Exportbilanz Deutschlands. Deutschland exportiert nicht mehr klassischen Grundlaststrom in der Nacht, sondern exportiert auch tagsüber Strom. Selbst bei großem solarem Stromertrag fahren die Betreiber ihre fossilen Kraftwerke nicht herunter, sondern exportieren diesen Strom ins Ausland. Das bedeutet, dass die ökonomische Optimierung auf dem europäischen Strommarkt dazu führt, dass die Integration der Photovoltaik eben zum Teil einfach in den europäischen Nachbarstaaten geschieht. Für deutsche Energieversorger ist es also billiger, morgens und abends Strom zu importieren, als fossile Kraftwerke für wenige Stunden in Betrieb zu nehmen.

Es sind die schwerfälligen deutschen Kohlekraftwerke, die für diesen Stromüberschuss sorgen. Denn die Betreiber lassen die fossilen Dreckschleudern aus betriebswirtschaftlichen  Gründen weiterlaufen. Den Weg in eine saubere Energiewende zeichnet Niklas Schinerl von Greenpeace vor: „Die EU muss über den EU-Emissionshandel den CO2-Preis anheben, die Bundesregierung muss den Kohleausstieg per Gesetz verordnen. Dann werden flexible Gaskraftwerke die Kohleblöcke ersetzen – und Gas bildet die Brücke zu 100 Prozent Erneuerbare Energie.“

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