Risikokommunikation 11.05.2012, 11:57 Uhr

Schieflage in der Risikowahrnehmung

Überall auf der Welt lässt sich ein wachsendes Interesse an Ideen zur Regulierung von technologischen Risiken vernehmen. Es müsse aber sauber zwischen Gefahr und Risiko unterschieden werden, fordert der international renommierte Risikoforscher Dr. Ragnar E. Löfstedt vom King“s Centre for Risk Management, King’s College London, und erläutert den Einfluss des in der EU gültigen Vorsorgeprinzips.

Die Lebensmittelskandale des letzten Jahres deuten auf eine Schieflage in der Risikowahrnehmung der Bevölkerung hin. Bisher ist nachweislich kein Bundesbürger durch mit Dioxin verseuchte Eier gestorben, wohingegen das Ehec-Virus bedauerlicherweise zu einer Vielzahl von Todesfällen geführt hat. Dennoch nehmen beide Entwicklungen einen vergleichbaren Stellenwert in der Wahrnehmung der Deutschen ein, wie Untersuchungen des Bundesinstituts für Risikobewertung ergaben.

Dabei ist – unabhängig von der tatsächlichen gesundheitlichen Bedrohung – die Besorgnis gegenüber künstlich geschaffenen Gefahren, wie beispielsweise Pestizidrückstände im Essen, oftmals viel größer als gegenüber Gefahren, die natürlichen Ursprungs zu sein scheinen, wie Salmonellen und Kolibakterien und andere Formen von lebensmittelbedingten Krankheiten. Wie kommt es hierzu?

Öffentlich geäußerte Bedenken zu einer möglichen Bedrohung durch Chemikalien werden häufig im Zuge des medialen Interesses überdehnt. Es gibt keine anerkannten Interessengruppen, die sich auf den Kampf gegen Kolibakterien spezialisiert haben, anders als dies beispielsweise für umstrittene Chemikalien der Fall ist. Ein Paradebeispiel ist die in zahlreichen Gegenständen des täglichen Gebrauchs vorkommende Chemikalie Bisphenol A, die unter dem Verdacht steht, den Hormonhaushalt zu beeinflussen und Krebs zu verursachen. Sie erfreut sich seit Jahren einer obsessiven Berichterstattung und ist Gegenstand zahlreicher Kampagnen von Nichtregierungsorganisationen.

Zuletzt machte eine Studie von Chem Trust Schlagzeilen. Die Autoren untersuchten einen möglichen kausalen Zusammenhang zwischen der Belastung mit bestimmten Chemikalien – darunter auch Bisphenol A – und dem Risiko, an Adipositas und Diabetes zu erkranken.

Als vorbeugende Maßnahme empfehlen die Autoren der Studie die Verminderung der Belastung mit den untersuchten Chemikalien. Zwar bleibt ernsthaft zu bezweifeln, ob eine Berichterstattung über die Studie als solche zum geringeren Gebrauch von Chemikalien führen wird, doch darf generell mit einem Anstieg der öffentlichen Besorgnis gegenüber künstlich geschaffenen Chemikalien gerechnet werden.

In heutiger Zeit sollten die Berichterstattung in den Medien und die öffentliche Wahrnehmung nicht als Schlüsselfaktoren dafür dienen, ob eine Chemikalie vom Markt genommen wird. In dem von mir verfassten Artikel „Risk versus Hazard – How to Regulate in the 21st Century” richte ich mein Hauptaugenmerk auf die Frage, ob bestimmte Chemikalien in Europa aufgrund ihres potenziellen Vermögens, Schaden zu verursachen, verboten werden sollten, oder ob Behörden stattdessen die tatsächliche Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts und Möglichkeiten zu dessen Verhinderung zugrunde legen sollten.

Ich plädiere für eine risikobasierte Politik, doch sollte man sich über mögliche „Vermittlungsschwierigkeiten“ im Klaren sein. Gefahrenklassifikationen sind gegenüber Medien, Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit leichter zu kommunizieren als Risikobewertungen, gerade weil „Gefahr“ ein wesentlich weniger kompliziertes Konzept umfasst, welches nicht zwangsläufig von Diskussionen über wissenschaftliche Ungewissheiten abhängt.

Zudem verfügen viele Interessengruppen, die einen auf Gefährdungseigenschaften basierenden Ansatz bevorzugen, über gute PR-Abteilungen, wie man anhand der Chem-Trust-Studie beobachten konnte, die geschickt die internationale mediale Aufmerksamkeit erlangen und ein breites Kommunikationsumfeld schnell kontrollieren konnten.

Solch hohes Maß an globaler Medienpräsenz – ähnlich würde Steve Jobs wahrscheinlich ein neues Apple-Gerät einführen – stellt angesichts von oftmals überrumpelten Regulierungsbehörden und Gesetzgebern die jeweiligen Entscheider unweigerlich in Frage. Regulierungsbehörden und Gesetzgeber sind dann nur schwerlich in der Lage, das Kommunikationsumfeld zu beeinflussen – sie sind vielmehr dazu gezwungen, die Fragen der Journalisten danach zu beantworten, warum man nicht durch Regelungen und Vorschriften vermeintliche Risiken abmildert.

Diese Form von reaktiver und eher defensiver Kommunikation führt darüber hinaus zu einer Beeinträchtigung des öffentlichen Vertrauens in Regulierungsprozesse. Es bleibt festzuhalten, dass Befürworter einer risikobasierten Politik alle Hände voll zu tun haben.

Mögliche Gegenmaßnahmen könnten folgendermaßen aussehen:

-Wenn europäische Regulierungsbehörden zunehmend mit der Profilierung von Umwelt- und Gesundheitsvorschriften zur Risikobewertung Erfolg haben, sind Öffentlichkeit und Entscheidungsträger mehr denn je veranlasst zu verstehen, was Risikobewertung bedeutet. Erreichbar wäre dies mit der Einführung des dualen Konzeptes von „Gefahr“ und „Risiko“ und Risikobewertung als Prozess.

-Die Medien müssen als verantwortungsbewusste Vermittler auftreten und weniger empfänglich sein für auf unzulänglichen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Meldungen, die bewusst den Eindruck einer „Schreckensnachricht“ erzeugen sollen. Behoben werden könnten diese Kommunikationsdefizite mit der Entwicklung von Leitlinien zur Berichterstattung, um Journalisten für Kommunikationsfallen zu sensibilisieren. Entsprechende Vorgaben hat die BBC bereits 2003 entwickelt. Ein anderer Vorschlag wäre, verstärkt bestehende Foren der Wissenschaftsmedien zu nutzen, um den kritischen Dialog über die allgemeine Schwierigkeit von Risikobewertungen zwischen Wissenschaftlern und Journalisten zu fördern.

-Zudem besteht Bedarf daran, die wissenschaftliche Kompetenz des EU-Parlaments zu erhöhen. Dafür sollte ein neutraler wissenschaftlicher Beirat eingerichtet werden, der Stellungnahmen und Vorschläge zu Richtlinien und Vorschriften der Kommission abgeben würde.

-Die Mitteilung der EU-Kommission zum Vorsorgeprinzip (2000) muss entsprechend interpretiert und implementiert werden. Eine zentrale Auflage war es, dass jeglicher Berufung auf das Vorsorgeprinzip eine Risikobewertung vorangegangen sein muss. Zahlreiche Studien lassen jedoch darauf schließen, dass jene Empfehlung ignoriert wird.

Alles in allem steht fest, dass es für Europa eine Menge zu tun gibt, wenn man sich in Richtung einer stärker risikobasierten Politik bewegen möchte. Gerade die Ebene der Medien erfordert hier größte Aufmerksamkeit. Doch in den meisten europäischen Ländern verringern die großen Print- und Rundfunkmedien derzeit die Anzahl der Wissenschaftskorrespondenten ohne klare Risikoleitfäden wird dies zu einer ungerechtfertigten Ausweitung des ein oder anderen Chemieskandals führen.

  • Ragnar Löfstedt

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