Wirtschaft 25.03.2011, 19:52 Uhr

„Rund um die Hochschulen der Wallonie gedeihen Hightech-Branchen“

Ähnlich wie das Ruhrgebiet bemüht sich auch die Wallonie seit Jahren darum, ihre Wirtschaft zu erneuern. Wie weit ist der Strukturwandel inzwischen vorangekommen? Fragen an Paul De Grauwe, renommierter Wirtschaftsforscher an der Universität Leuven.

VDI nachrichten: Herr De Grauwe, Steinkohlebergbau, Metall-, Textil- und Glasindustrie – die Wallonie gilt als Wiege der industriellen Revolution. Die Region florierte bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dann brach die Entwicklung ab. Was ist passiert?

De Grauwe: Der Wallonie ist widerfahren, was vielen Regionen Europas passiert ist, die bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts an der Spitze der wirtschaftlichen Entwicklung standen. Die Schwerindustrie brach ein, Kohle und Stahl wurden kaum mehr gebraucht. Diese Erfahrung haben unsere deutschen Nachbarn mit dem Ruhrgebiet gemacht. In der Wallonie hat man die Zeichen der Zeit lange nicht verstanden. Über viele Jahrzehnte ist nichts geschehen.

Warum hat man nicht reagiert?

Man hat nicht wahrgenommen, dass sich nach der Ölkrise ein wirtschaftlicher Wandel vollzogen hat. Für die aufkommende Dotcom-Industrie, den wachsenden Dienstleistungssektor und den zunehmenden globalen Handel war das einst unterentwickelte Flandern mit seinem Hafen in Antwerpen besser gerüstet. Diese Region im Norden des Landes hat neue Investoren angezogen, die Wirtschaft wuchs. In der Wallonie hat man es versäumt, sich auf die neuen Entwicklungen einzustellen.

Aus welchem Grund?

Das lag vor allem daran, dass sich das soziale Umfeld nicht modernisierte. Die einst mächtigen Gewerkschaften mit ihren stark ausgeprägten antagonistischen Reflexen gegenüber dem Kapital agierten weiter, als ob nichts geschehen wäre. Sie wirkten als Bremser, schreckten Investoren ab. Bis heute liegen die Streiktage in der Wallonie über denen anderer Regionen Belgiens. Auch die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, wie sie in Deutschland oder auch den skandinavischen Staaten stattfand, war und ist in der Wallonie kaum durchsetzbar.

Das Gebiet zwischen Brüssel und Arlon ist also bis heute chronisch notleidend?

Das kann man so nicht sagen, denn es gibt Lichtblicke. In Charleroi und Lüttich fehlt es bis heute an Dynamik, aber südlich von Brüssel gibt es vielversprechende neue Entwicklungen.

Rund um die Hochschulzentren gedeihen Hightech-Branchen. In sechs Wissenschaftsparks arbeiten dort junge Firmen in direkter Vernetzung mit der Forschung. Und im Süden der Wallonie bauen derzeit zwei Dutzend Unternehmen ein auf umweltfreundliche Chemie ausgerichtetes Cluster.

Vor sechs Jahren legte die Regionalregierung eine Art Marshall-Plan auf, der die Wettbewerbsfähigkeit stärken, Unternehmensgründungen fördern, Forschung und Innovation voranbringen sollte. War der Plan erfolgreich?

Die Initiative hat jedenfalls dazu geführt, dass Exzellenz-Zentren entstanden. Heute haben wir ein Informatik- und Telekommunikationszentrum um Namur, Raumfahrtindustrie um Lüttich, im Raum Arlon konzentriert man sich auf Umwelttechnologie und in Gembloux sitzen Experten für Nahrungsmittel-Spitzentechnologien.

Es haben sich auch Cluster herausgebildet, zum Beispiel in Wavre und Louvain-La-Neuve. Da gibt es eine hoch dynamische Forschungslandschaft, deren Früchte vielfach in kleinen Betrieben gleich zu Produkten entwickelt und vermarktet werden.

Der wallonische Wirtschafts- und Arbeitsminister Jean-Claude Marcour spricht gerne vom neuen Willen zur Wettbewerbsfähigkeit. Ist der schon da?

Da hat sich hier und da schon etwas geändert,denken Sie nur an die Beratungsbüros, die man jüngst speziell für indische und chinesische Investoren in Lüttich bzw. Mons eingerichtet hat.

Aber es muss noch viel mehr passieren, damit die Wallonie aufholt. Das fängt mit dem Arbeitsmarkt an. In der Südregion liegt die Beschäftigungsrate derzeit bei 56 %. Zum Vergleich: In Flandern beträgt sie 66 %. Da hat sich seit den 70er Jahren nichts geändert. Das verteuert die Arbeit und belastet die Sozialsysteme ganz enorm.

Was genau müsste die Wallonie denn tun, um ihre Strukturprobleme zu lösen?

Am wichtigsten wäre es, den Arbeitsmarkt zu fördern und Anreize zu schaffen, damit die Menschen Jobs auch annehmen. Aber solange der Bezug von Arbeitslosengeld in Belgien zeitlich nicht befristet wird, ist es natürlich wenig attraktiv, eine Beschäftigung aufzunehmen.

Dann müsste unbedingt die Bildung verbessert werden. Bei den Pisa-Studien schneiden die Schüler der Wallonie regelmäßig schlechter ab als etwa in Flandern. Besonders schwerwiegend sind die mangelnden Sprachkenntnisse. Obwohl wir in einem dreisprachigen Land leben, beherrschen die jungen Leute in der Wallonie häufig nur ihre Muttersprache Französisch. Flämisch wird zwar unterrichtet, aber es fehlt an der Motivation. Und Englischkenntnisse sind nicht weit verbreitet. Die Bildung zu verbessern, dauert natürlich. Aber gerade weil sich erst langfristig Erfolge zeigen, müsste man heute mit Reformen beginnen.

Warum wandern ehrgeizige, gut ausgebildete junge Menschen nicht in dynamischere Wirtschaftsregionen ab?

Die Mobilität ist sehr unterentwickelt und es gibt auch keine Anreize von Seiten der Region, das zu ändern. Außerdem erweisen sich auch hier die mangelnden Kenntnisse des Flämischen oder auch des Englischen als Hindernis. Wir haben an der Wirtschaftsfakultät hier in Löwen mehr Studenten aus dem europäischen Ausland als aus Wallonien.

Helfen die Ausgleichszahlungen bei der wirtschaftlichen Entwicklung im Süden Belgiens?

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Die Transferzahlungen verführten in der Vergangenheit eher zur Verfestigung des Status Quo. Sie bremsten den Strukturwandel und verhinderten so Wirtschaftswachstum.

Beschleunigen lässt sich der Strukturwandel auch mit Kultur. Moderne Architektur, Kunst- oder Musik-Festivals, grüne Landschaften ziehen Touristen an und machen den Standort auch für Firmen attraktiv. Tut sich da was in der Wallonie?

Da gibt es einzelne Initiativen. Denken Sie nur an den Lütticher Bahnhof, ein hochmoderner und vielfach ausgezeichneter Neubau von Santiago Calatrava. Das ist sicher für manchen ein Grund, nach Lüttich zu fahren. Aber davon gibt es zu wenig.

Wie lange wird Flandern die Wallonie noch subventionieren?

Der Unmut wächst, aber bei der Mehrheit der Flamen führt das nicht zur Forderung nach einer Teilung unseres Landes. Das Gros möchte doch am belgischen Staat in seiner jetzigen Form festhalten. SABINE SEEGER

Stellenangebote im Bereich Verwaltung

Stadt Bocholt-Firmenlogo
Stadt Bocholt Diplom-Ingenieur/-in bzw. Bachelor / Master der Fachrichtung Vermessung, Geoinformation (m/w/d) Bocholt
Hamburger Hochbahn AG-Firmenlogo
Hamburger Hochbahn AG Ingenieur/in als Leitung Arbeitswirtschaft und Controlling (m/w/d) Hamburg
Hochschule Düsseldorf University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule Düsseldorf University of Applied Sciences Vizepräsident (m/w/d) für den Bereich Wirtschafts- und Personalverwaltung Düsseldorf
Bundespolizei-Firmenlogo
Bundespolizei Amtlich anerkannter Sachverständiger (m/w/d) für den Kraftfahrzeugverkehr mit Teilbefugnissen (aaSmT) bundesweit
Bundespolizei-Firmenlogo
Bundespolizei Schießstandsachverständiger der Bundespolizei (m/w/d) verschiedene Einsatzorte
Bundespolizei-Firmenlogo
Bundespolizei Diplomingenieure (m/w/d) zur Verwendung als Sachbearbeiter im polizeitechnischen Bereich bundesweit
Wolf GmbH-Firmenlogo
Wolf GmbH Manager (m/w/d) Normungs- und Verbändearbeit – Grossraum Berlin Großraum Berlin
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr-Firmenlogo
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr Sachbearbeiterin / Sachbearbeiter (m/w/d) im gehobenen Technischen Dienst / im gehobenen Naturwissenschaftlichen Dienst Köln
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr-Firmenlogo
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr Bürosachbearbeiterin / Bürosachbearbeiter (m/w/d) im mittleren Technischen Dienst Wiesbaden
Stadt Freiburg-Firmenlogo
Stadt Freiburg Sachgebietsleiter _in (m/w/d) Neubau in der Abteilung Verkehrswegebau Freiburg im Breisgau

Alle Verwaltung Jobs

Top 5 Politik

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.