20 Jahre Einheit 01.10.2010, 19:49 Uhr

Privatisierung mit unheilvollen Nebenwirkungen

Nach der Wiedervereinigung begann die Treuhandanstalt, die DDR-Wirtschaft zu privatisieren. 3500 Betriebe wurden abgewickelt, Millionen Beschäftigte verloren ihre Jobs. Kein Wunder, dass ihre Arbeit bis heute höchst umstritten ist.

Der VEB dkk Scharfenstein im sächsischen Erzgebirge produzierte bis 1989 gut 800 000 Kühlschränke im Jahr. Er war Branchenprimus im gesamten Ostblock. 5300 Mitarbeiter hatten gut zu tun. Doch nach der Einheit wollte die Treuhand das in eine GmbH umgewandelte Unternehmen möglichst schnell vom Markt nehmen. Dabei war die Belegschaft schon auf ein Zehntel geschrumpft.

Die Mitarbeiter wehrten sich – nicht mittels Streiks oder Bittschriften, sondern mit innovativer Pfiffigkeit. Als die Sachsen Anfang 1991 auf der Kölner Messe Domotechnica ausstellten, fielen ihre Produkte Greenpeace-Aktivisten auf. Denn als einziger Hersteller verzichtete dkk in seinen Kühlschränken auf ozonschädliche Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) im Isolierschaum und als Kältemittel.

Greenpeace investierte 26 000 DM, damit die Firma Prototypen des ersten FCKW- und FKW-freien Kühlschranks bauen konnte. Die Treuhand aber wollte den Betrieb trotz – böse Stimmen sagten: gerade wegen – dieser Weltneuheit schnellstens liquidieren. Greenpeace sprang ein, akquirierte fast 70 000 Bestellungen für das klimafreundliche Kühlgerät und besiegte so die Treuhand. 540 Menschen behielten zunächst ihren Job.

Es ist eines der spektakulärsten Beispiele für das oft unheilvolle Wirken jener Bundesanstalt, die unter der Fachaufsicht des Bundesfinanzministers die DDR-Wirtschaft umkrempeln sollte. Ihre Aufgabe war es, die Betriebe zu privatisieren bzw., wo nicht möglich, stillzulegen.

Schon die Modrow-Regierung hatte im März 1990 die Gründung einer „Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums“ beschlossen. Nach der Wende sollten 8500 Unternehmen mit über 4 Mio. Beschäftigten in rund 45 000 Betriebsstätten neue Eigentümer finden.

Doch die Treuhand besaß für diese Mammutaufgabe weder Organisationsstruktur noch Manpower oder materielle Ausstattung.

Überdies war sie kaum in der Lage, die Wirkungen ihres Tuns wirksam zu kontrollieren. So tummelten sich auf diesem Feld bald dubiose Geschäftemacher, Bilanzfälscher, Traumtänzer und Fördermittelbetrüger. Auch Treuhandmitarbeiter, die oft von westdeutschen Mitbewerbern der zu privatisierenden Ostbetriebe kamen, nutzen das hier erlangte Insiderwissen zum eigenen Vorteil. Es gab Preisabsprachen, und mancher „Investor“ betrieb nur eine vorab schon geplante systematische Aushöhlung der übernommenen Firma.

Jene Betrugsfälle beschäftigten mehrere parlamentarische Untersuchungsausschüsse. Letztlich schätzte ein Bundestagsgremium den damit entstandenen Schaden auf bis zu 10 Mrd. DM.

Auch politische Entscheidungen erschwerten die Arbeit der Treuhand. Denn um die Ostdeutschen bei Laune zu halten, wurde die Ost-Mark mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 zum Kurs 1:1 in DM getauscht – eine Aufwertung um das Vierfache.

Im Gegensatz zu den Löhnen wurde das Betriebsvermögen halbiert. Das hatte dramatische Folgen für die ohnehin angeknackste DDR-Wirtschaft: Die Lohn- und Herstellungskosten vervielfachten sich. Die Firmen waren auf einen Schlag unprofitabel. Viele fanden so keinen Käufer mehr oder ließen sich nur mit erheblichen Zuschüssen veräußern.

Man hätte die Menschen vor Ort stärker als Käufer an der Privatisierung beteiligen sollen, kritisiert Prof. Udo Ludwig, langjähriger Konjunkturexperte vom Wirtschaftsinstitut IWH in Halle/Saale.

Stattdessen suchte die Treuhand westdeutsche Käufer mit Know-how, Marktkenntnis und Kapital. Das Ergebnis: Fast 94 % der Industrie sind heute in den Händen Nicht-Ostdeutscher.

Zwar lautete der Auftrag der Treuhand „Privatisieren, sanieren, abwickeln“, doch allzu oft hatte die Abwicklung Priorität. 3500 Firmen machte sie dicht. Von den einst 4,3 Mio. Beschäftigten in den DDR-Unternehmen fanden nur rund 860 000 Menschen einen Job in den privatisierten Firmen.

Auf der Habenseite stehen indes auch einige Privatisierungserfolge, so im mitteldeutschen Chemiedreieck, beim brandenburgischen Stahlhersteller Eko, bei der Waggonbau AG oder den neuen Automobilbetrieben in Sachsen und Thüringen.

Die dkk Scharfenstein überlebte übrigens nicht. Das Unternehmen ging zweimal pleite, wanderte erst in niederländische, später in türkische Hände. Heute bildet das Werk an der Zschopau eine weitgehend trostlose Brache. HARALD LACHMANN

 

  • Harald Lachmann

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