Jharkhand in Indien 14.10.2011, 12:06 Uhr

Kokskohle: Des Teufels schwarze Küche

Im Bundesstaat Jharkhand lagern Indiens bedeutendste Vorkommen an Kokskohle. Deren rücksichtslose Ausbeutung hat fatale Folgen, besonders in der Stadt Jharia. Unter der Erde schwelen fast siebzig unkontrollierte Brände, ganze Viertel müssen umgesiedelt werden und die Menschen sterben früh.

Mohan Buyan zeigt auf das große Loch im Lehmboden seines Hauses. „Eines Tages sackte der Boden plötzlich ein und wir konnten den Raum nicht mehr betreten.“ In den Nebenzimmern sieht es nicht besser aus. Das Dach ist eingestürzt, die Mauern zusammengefallen. „Mein Vater hat dieses Haus vor 60 Jahren gebaut, es war gut für ihn, meine Frau und mich und unsere vier Kinder.“ Nun schlafen sie alle in dem letzten unbeschädigten Zimmer. Und Mohan Buyans Frau muss draußen auf einem Stein den Teig für die Chapatis kneten und ausrollen. Das Fladenbrot ist Hauptnahrungsmittel hier im Norden Indiens.

Das Haus von Mohan Buyans – oder besser gesagt: was davon noch übrig ist – steht in einem Vorort Jharias. Unter der 600 000 Einwohner zählenden Stadt im Bundesstaat Jharkhand liegen die bedeutendsten Vorkommen an Kohle für die Stahlverhüttung in Indien. Das Kohlefeld von Jharia erstreckt sich über eine Fläche von 35 km Länge. An seiner breitesten Stelle misst das nierenförmige Vorkommen 20 km. Die Stadt ist unterhöhlt von unzähligen Stollen.

Kokskohle-Abbau hinterlässt riesige Krater in der Landschaft

Für die Ausbeutung der Kohle über Tage fressen Bagger riesige Krater in die Landschaft. Unaufhaltsam schieben sie sich voran. Längst haben sie die Randbezirke der Stadt erreicht. Abraumhalden türmen sich an den Straßenrändern. Vielerorts senkt sich das Land. Eisenbahnlinien müssen aufgegeben werden. Ganze Stadtviertel brechen ein.

Die größte Gefahr geht von den unkontrollierten Flözbränden aus. Fast siebzig unterirdische Feuer schwelen und brennen in dem Kohlefeld von Jharia. Nachts sind ihre Flammen zu sehen, die aus Rissen und Spalten züngeln.

Die Folgen für Mensch und Umwelt sind katastrophal. Die ganze Stadt liegt unter einem Grauschleier. Augen und Nasenschleimhäute brennen. Kohlenstaub setzt sich auf Kleidung und Haut, knirscht zwischen den Zähnen.

Mohan Buyans Haus liegt in einer Siedlung am Rande so eines Tagebaukraters. Am Boden des 60 m tiefen Kraters röhren die Dieselmotoren mächtiger Dumper. Bis zu 35 t Kohle und Geröll transportiert so ein Muldenkipper. „Bei den Sprengungen fliegen die Gesteinsbrocken manchmal bis hier oben.“

Kokskohle hat katastrophale Folgen für Mensch und Umwelt

Hinter Mohan Buyan recken abgestorbene Bäume ihre dürren Äste in den grauen Himmel. Der 37-Jährige führt durch das, was einmal seine Nachbarschaft war. Von den meisten Hütten stehen nur noch die Grundmauern. Überall liegt Schutt herum. Dazwischen die Spuren der Bewohner. Abgebrannte Räucherstäbchen und die Shiva-Figur eines Haustempels, zerknitterte Familienfotos und eine zerbrochene Reisschale. Wie nach einem Bombenangriff.

Mitten im Weg klafft ein tiefer Riss, über dem die heiße Luft flimmert. Beißender Rauch steigt auf. „Manchmal ist der Erdboden so heiß, dass man sich nicht draufsetzen kann.“ Mohan Buyan hustet und kratzt sich am Arm. „Und wenn es regnet, wabern Schwaden von Wasserdampf zwischen den Häusern.“

Es gibt ein Umsiedlungsprogramm für die Bewohner dieser Viertel. 30 km von Jharia entfernt hat die Regierung Neubauten mit kleinen Wohnungen für sie errichtet. Warum hat Mohan Buyan diesen gefährlichen Ort nicht längst verlassen? „Wovon sollte ich dort leben?“ Der Familienvater wuchtet als Tagelöhner Kohle- und Gesteinsbrocken auf Lastwagen. Die Kosten für den täglichen Weg aus der Neubausiedlung hierher würden einen Großteil seines kargen Lohns aufbrauchen.

Fast alle in Jharia leben von der Kohle. Wer nicht in einer der Minen arbeitet, sammelt Kohle aus dem Abraum oder von den Rändern der Tagebaustätten, um sie auf dem Markt, im nächsten Dorf oder an eine der zahlreichen Teebuden zu verkaufen. Ausgemergelte Männer schieben Fahrräder durch die Straßen, auf denen sich prall gefüllte Kohlesäcke türmen. Frauen tragen schwarze Brocken von der Größe eines Medizinballs auf dem Kopf. Selbst Kinder klettern barfuß die steilen Hänge der Krater entlang und sammeln Kohle, Gesicht und Hände, schwarz vom Staub.

Niemand von ihnen will die Viertel am Rande der Stadt verlassen. Trotz Flözbränden, schlechter Luft und der ständigen Gefahr, in eine der brennenden Erdspalten zu stürzen.

Kohle wird in Jharia schon seit der Zeit britischer Kolonialherrschaft abgebaut. Die ersten Flözbrände entdeckte man 1916. Seitdem sind nach Schätzungen 60 Mio. t Kohle ungenutzt verbrannt. Die Brände entstehen durch den unsachgemäßen Abbau der Kohle, die sich in Verbindung mit Sauerstoff selbst entzündet. Durch alte Schächte und Stollen zieht Luft wie durch einen Kamin und facht die Feuer weiter an.

Unsachgemäßer Abbau führt zu Kokskohle-Bränden

In den letzten Jahrzehnten hat man in Jharia vor allem auf den Tagebau gesetzt, um schneller und preiswerter an die Kohle zu kommen. Hohe Preise auf dem Weltmarkt haben das verstärkt. „Die zunehmende Verbreitung des Tagebaus hat die Brände und die Zerstörung der Umwelt extrem verschlimmert“, sagt Ashok Agarwal von der Nichtregierungsorganisation Save Jharia Committee. „Die Lebensbedingungen hier sind katastrophal.“

Der 64-jährige Unternehmer sitzt hinter dem Schreibtisch seines bescheidenen Büros und serviert süßen Milchtee. „Unsere Luft hat die schlechteste Qualität in Indien und das Trinkwasser ist vergiftet.“ Die Menschen in Jharia erkranken an Bronchitis, TBC, Staublunge oder Lungenkrebs. Die Lebenserwartung ist gering.

Ashok Agarwal ist prinzipiell nicht gegen den Abbau der Kohlefelder seiner Heimat. Durch die schnelle Ausbeutung im Tagebau aber werde zu viel Land verbraucht und nur ein Bruchteil der vorhandenen Kohle genutzt. Von den zum Teil 20 Schichten im Jharia-Kohlefeld lassen sich im Tagebau gerade einmal zwei ausbeuten. „Wir können uns so einen Umgang mit diesem über Millionen von Jahren gewachsenen Rohstoff nicht leisten.“

Zudem kritisiert der Aktivist, dass die Krater und Minen nicht wieder aufgefüllt, die Oberfläche nicht renaturalisiert und die Brände nicht konsequent bekämpft würden. Im Gegenteil: „Die Flözbrände kommen ihnen ganz recht, sie können damit Panik schüren, die Menschen vertreiben und den Abbau forcieren.“

Der Großteil der Kohlevorkommen Jharias wird von der Bharat Coking Coal Ltd. (BCCL) ausgebeutet. Fast 30 Mio. t Kohle konnte die BCCL im vergangenen Jahr in Jharia fördern. Davon stammten nur 4 Mio. t aus dem Untertagebau. Der BCCL zufolge gibt es heute in Jharia 67 aktive Brandherde. Betroffen davon ist eine Fläche von knapp 9 km2.

Für BCCL liegt die Hauptursache der Flözbrände nicht im eigenen Tagebau, sondern in den alten Stollen und den vielen illegalen Minen. Dort werden tatsächlich nicht einmal die einfachsten Sicherheitsstandards eingehalten. Täglich sterben in ihnen Kumpel, ohne dass die Öffentlichkeit davon je etwas erfährt. Korrupte Beamte, Politiker und Polizisten stecken oftmals mit den Betreibern unter einer Decke.

Die einzige Lösung gegen die Flözbrände sieht man bei BCCL im kompletten Abbau des Jharia-Kohlefeldes. „Genau das geschieht nicht im offenen Tagebau“, sagt TK Singh, pensionierter Wissenschaftler vom Central Mine Planning and Design Institute in Ranchi, der Hauptstadt von Jharkhand. „Auch historisch ist die Ausbeutung der Vorkommen in Jharia immer nur partiell geschehen.“

Singh hat sich in verschiedenen Projekten mit der Bekämpfung der Flözbrände im Jharia-Kohlefeld beschäftigt. Der Kampf wurde mit Gräben, Sand oder Wasser geführt – jedoch nie konsequent genug, kritisiert der Wissenschaftler.

BCCL gehört zu der Coal India Ltd (CIL). Deren Börsengang im November des vergangenen Jahres sorgte weltweit für Aufsehen. Das bis dato rein staatliche Unternehmen ist der größte Kohleproduzent der Welt.

Die Börsianer gerieten außer Rand und Band, angesichts einer geplanten Fördermenge von 460 Mio. t für das laufende Geschäftsjahr und einem rasant wachsenden Energiemarkt. Schnell schoss der Kurs der Aktie auf Rekordhöhe. Was das für Jharia bedeutet, kann man sich schnell ausmalen.

Kokskohle-Abbau zerstört das Leben tausender Familien

„Dieser Ort und das Leben Tausender Familien wird durch den rücksichtslosen Abbau der Kohle zerstört“, sagt Ashok Agarwal vom „Save Jharia Committee“. Von dem indischen Wirtschaftsboom mit Wachstumsraten von fast 10  % bekommen die meisten Bewohner Jharias also nur die Schattenseite zu sehen.

Ein Beitrag von:

  • Klaus Sieg

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