Klimapolitik 19.02.1999, 17:20 Uhr

Klimaversprechen der Regierung kaum einhaltbar

Wie die alte, so verfolgt auch die neue Bundesregierung das Ziel, den CO2-Ausstoß bis 2005 gegenüber 1990 um ein Viertel zu senken. Das gelingt nach Expertenmeinung nur mit Hilfe der Altbaumodernisierung.

Dämmstoffindustrie und Heizungsindustrie wollen öfter als bisher das gemeinsame Gespräch suchen – so geschehen unlängst in Leipzig und jetzt am 9. Februar in Essen. Denn nur so ließe sich die geplante EnergieEinsparverordnung (EnEV 2000), die Wärmeschutz- und Heizungsanlagenverordnung vereinen wird, dereinst mit Erfolg umsetzen, betonten Vertreter des Gesamtverbands Dämmstoffindustrie (GDI) und des Bundesverbandes der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) auf den Foren in Ost- und Westdeutschland. Wesentliches Resümee der Standpunkte: Um das Klimaversprechen der Bundesregierung bei Gebäuden einlösen zu können, müßten im Jahr bundesweit 2 % der bestehenden Altbauwohnungen energietechnisch modernisiert werden.
Wie die jetzige Wärmeschutzverordnung (WSchVO “95), so wird auch die EnEV in erster Linie Neubauten betreffen. Doch Prof. Karl Gertis, Direktor des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik, Stuttgart, und Ordinarius an der dortigen Universität, rechnet vor, daß in Deutschland 1995 von den insgesamt 31 Mio. Wohnungen immerhin 24 Mio. Altbauwohnungen waren. Noch liege die Altbausanierung im „Dornröschenschlaf“, so Gertis. Damit die energietechnische Modernisierung des Gebäudebestandes vorankomme, forderten die Referenten die öffentliche Hand auf, weitere finanzielle Anreize zu.schaffen. Sonst sei das Klimaschutzziel der Bundesregierung unerreichbar. Gut ein Fünftel der rund 900 Mio. t CO2, die Energieanlagen je Jahr in Deutschland freisetzen, stammt aus Heizungsanlagen der Haushalte und Kleinverbraucher.
Der derzeitige Entwurf zur Energie-Einsparverordnung sieht unter anderem vor, für Gebäude die Endenergie als Anforderungsgröße einzuführen. Dies begünstige die Elektroheizung, kritisiert die Heizungsindustrie. Für Dr. Heinrich-Hermann Schulte, Geschäftsführer im Bereich Technik bei Buderus, Wetzlar, ist „der Drang des Verordnungsgebers unverständlich, bei Stromspeicherheizungen den Wirkungsgradfaktor für Strom auf rund 70 % festzuschreiben, statt diesen – wie in allen anerkannten Erhebungen ausgewiesen – mit etwa 30 % bis 35 % anzusetzen“. Schulte: „Auch wenn es aufwendig ist, Stromheizsysteme auf den Primärenergieeinsatz umzurechnen – die niedrigen Betriebskosten müssen dem gesteigerten Primärenergieeinsatz gegenübergestellt werden.“ Andernfalls käme man zu „umweltpolitisch falschen Ergebnissen“. Dies ließe sich nur verhindern, „indem in der neuen Verordnung ausschließlich der Primärenergieeinsatz zum Tragen kommt“.
Weitere Inhalte der EnEV 2000: Der jetzige Entwurf begrenzt den Energiebedarf für ein neues Gebäude auf den eines Niedrigenergiehauses der Verbrauch liegt dann, abhängig vom Gebäudetyp, zwischen 50 kWh/m2 a und 100 kWh/m2 a (10 kWh spenden in etwa soviel Wärme wie 1 l Heizöl oder 1 m3 Erdgas). Verglichen mit einem Haus, errichtet nach der WSchVO “95, sinkt dadurch der Jahres-Heizenergiebedarf im Mittel um rund 30 %. Des weiteren ist ein Energiebedarfsausweis vorgesehen. Er wird den Wärmepaß der WSchVO “95 ersetzen. „Mit dem Energiepaß läßt sich ganzheitlich, also im Hinblick auf Bau- und Anlagentechnik, dokumentieren, wie es um ein Gebäude steht“, erläutert Prof. Gerd Hauser, Universität-Gesamthochschule Kassel.
Und wie kommt ein solcher Ausweis zustande? Zunächst erfaßt ein Fachmann, etwa ein Architekt oder Energieberater, bestimmte Gebäudedaten, unter anderem die Lage des Hauses, die Gebäudehülle sowie Anlagen für Raumwärme und warmes Wasser. Anschließend ermittelt der Experte mit dem Rechner-Programm „EPASS“ den normierten Jahres-Heizenergiebedarf. Durch den Bezug auf die Nettogrundfläche des Gebäudes ergibt sich am Ende eine Energiekennzahl in kWh/m2 a. Mit diesem Verfahren kommt nicht nur ein Ausweis zustande, sondern auch eine Diagnose. Das erleichtert zum einen dem Planer von Neubauten die Arbeit, ermöglicht aber auch bei Altbauten, energietechnische Nachbesserungen bestmöglich auszuführen. Laut Gertis gilt die Grundregel: „Keine Modernisierung ohne vorherige Energiediagnose.“ Denn nur so ließen sich Bau- und Anlagentechnik aufeinander abstimmen. Ein Altbaubesitzer kann jedoch, so der jetzige Stand, frei entscheiden, ob er eine solche Diagnose ausführen läßt. Und auch wärmetechnische Nachbesserungen wird die EnEV 2000 – ebenso wie die WSchVO “95 – nur dann verlangen, sofern der Hausbesitzer von sich aus modernisiert oder Reparaturarbeiten ausführen muß. Prof. Gerd Hauser weist gleichwohl darauf hin, daß „die Anforderungen erheblich verschärft und auf bisher nicht einbezogene Bauteile erweitert werden“. Zwei Beispiele: Wer künftig den Putz der Außenwand erneuert, soll zugleich deren Wärmedämmung verbessern. Und in einigen Fällen soll der Eigentümer die Geschoßdecke unter einem nicht ausbaufähigen Dachraum selbst dann wärmedämmen, wenn er dies gar nicht vorhat, und zwar nach Ablauf bestimmter Übergangsfristen.
Hausbesitzer, die wärmetechnisch modernisieren, müssen meistens viel Geld aufwenden. Erzwingen läßt sich dies per Gesetz nicht, denn schließlich ist Eigentum von Rechts wegen geschützt. Aufgrund dessen seien Anreize der öffentlichen Hand nötig, etwa Steuerersparnisse oder Förderprogramme, urteilt GDI-Präsident Klaus W. Körner. Er plädiert zum Beispiel dafür, im Rahmen der Einkommensteuer den Abschreibungsparagraphen 82 a wieder einzuführen – diesmal, „ohne ihn auf ein bestimmtes Zeitraster zu begrenzen“.
„Die Anstrengungen der Bundesregierung, Energie einzusparen, werden auf der Strecke bleiben, wenn es nicht gelingt, Altbauten zu verbessern“, mahnt Gertis. Zum Altbaubestand zählt der Wissenschaftler ein Gebäude dann, wenn der Netto-Heizenergieverbrauch – in Anbetracht des Bautyps – 150 kWh/ m2 a bis 200 kWh/ m2a übersteigt. Das Baujahr ist also nicht entscheidend. Von den insgesamt rund 31 Mio. Wohnungen, die es 1995 im vereinten Deutschland gab, waren danach 24. Mio. Altbauwohnungen 18 Mio. finden sich in West- und 6 Mio. in Ostdeutschland. Seit der Wiedervereinigung sind im Osten, gefördert durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau, rund 1 Mio. Wohnungen, also ein Sechstel, saniert worden. Gertis: „Die Zahlen verdeutlichen, wo neuen Förderprogrammen der Vorrang gebührt.“Will die Bundesregierung ihr Klima-schutzziel bei Gebäuden noch erreichen, müßten von den 24 Mio. Altbauwohnungen, so Gertis, pro Jahr 2 % energietechnisch modernisiert werden, mithin rund 500 000 Einheiten.
GÜNTER EINHAUS
Sanierungswürdiges Althaus: Nicht nur aus Gründen des Denkmalschutzes, auch zur Energeinsparung lohnt sich die Modernisierung.

Von Günter Einhaus Tags:

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