Finanzen 16.04.2010, 19:46 Uhr

„Keine Währungsunion ist für die Ewigkeit gebaut“

Die hohe Staatsverschuldung Griechenlands und weiterer Euro-Länder setzt der Gemeinschaftswährung zu. Gegenüber dem Dollar verliert sie an Wert, nicht wenige Ökonomen rechnen gar damit, dass die Währungsunion an den nationalen Interessen der Mitgliedsstaaten scheitert. Fragen an den Euro-Skeptiker Prof. Wilhelm Hankel. VDI nachrichten, Düsseldorf, 16. 4. 10, ps

Hankel: Wegen des offen angekündigten Rechtsbruchs. Die Währungsunion ist keine Haftungsgemeinschaft. Sie würde es aber, wenn es zu einer Entschuldungshilfe für Griechenland oder andere Mitgliedsländer der Eurozone käme egal in welcher Form – über die Europäische Zentralbank (EZB), den geplanten Europäischen Währungsfonds (EWF) oder verdeckte Hilfen für die in Griechenland geschäftstätigen Finanzinstitute.

Griechenland mag dem Staatsbankrott am nächsten sein, aber marschieren nicht auch andere Euro-Länder in diese Richtung?

Länder ohne eigene Währung sind immer Bankrott gefährdet, wenn sie sich keine festen Grenzen für ihre innere Verschuldung setzen. Deswegen wurden auf deutsche Initiative hin ja auch feste Grenzen für die Staatsverschuldung in die EU-Verträge eingeführt. Dies war der Sinn und Zweck des Stabilitäts- und Wachstumspaktes von 1997. Jetzt zeigt sich, dass die Beschränkung auf Staatsschulden viel zu eng war.

Woran hapert es?

In den vom Bankrott bedrohten Euroländern sind vor allem die Privatschulden aus dem Ruder gelaufen. Das ist keine Widerlegung des Paktes, sondern zeigt nur, dass er zu eng gefasst worden ist. Jetzt geht es nicht darum, ihn auszusetzen oder abzuschaffen, sondern auszuweiten.

Was fehlt dem Euro zu einer dauerhaft stabilen Währung?

Keine Währungsunion ist stabil und für die Ewigkeit gebaut. Leute, die so etwas glauben, verstehen nichts von Währungen und Geschichte. Währungsunionen scheitern immer am Selbstinteresse ihrer Mitgliedsstaaten. Dieses ist selten identisch und in Krisenzeiten schon gar nicht.

Alle großen Finanzkrisen haben das deutlich gemacht: Die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre beendete den Goldstandard sowie die damalige Währungsunion der skandinavischen Länder. In beiden Fällen hatte das Selbstinteresse der krisenbedrohten Staaten den Vorrang vor den eingegangenen monetären Verpflichtungen bekommen. Meines Erachtens ist das auch verständlich, denn der Erhalt von Demokratie und politischer Stabilität geht in allen Staaten solchen Verpflichtungen vor.

Frankreich drängt seit Jahren auf eine Wirtschaftsregierung für die Eurozone. Wäre das ein Schritt in die richtige Richtung?

Es wäre ein weiterer Versuch aus dem Staatenbund EU den Bundesstaat Europa zu machen. Und zudem ein klarer Verstoß gegen den gerade erst beschlossenen Vertrag von Lissabon – ein weiterer Klagegrund! Der EU-Ministerrat kann über gemeinsame Schritte beraten. Wenn er sie beschließt oder erzwingt, wäre dies eine andere, nicht mehr durch die Verträge gedeckte EU.

Der Euro hat gegenüber dem Dollar seit Jahresbeginn etwa 10 % an Wert verloren. Wie geht es weiter?

Sein Abstieg an den Weltfinanzmärkten wird weiter gehen und sich möglicherweise noch beschleunigen.

Exporteure schwören aber auf den Euro: Weit über die Hälfte der deutschen Ausfuhren bleiben im Euroland. Das schafft eine sichere Kalkulationsgrundlage. Hat Deutschland bisher nicht große Vorteile aus der Gemeinschaftswährung gezogen?

Nicht Deutschland, sondern seine Exportwirtschaft. Aber um welchen Preis? Unsere schwächeren Europartner kritisieren Deutschlands „Lohndumping“ und „Export-Imperialismus“, der ihren schwachen Industrien jede Aufholchance nehme – ebenfalls ein Indiz dafür, dass eine gemeinsame Währung die Völker nicht vereint, sondern eher Unfrieden stiftet. Mit D-Mark und Währungswettbewerb hatten weder wir noch unsere Nachbarn diese Probleme.

Das heißt die Finanzkrise hat die Konstruktionsfehler der Währungsunion offen gelegt?

Genau so ist es. Der Konstruktionsfehler jeder Währungsunion ist die Abschaffung der inneren Wechselkurse. Innerhalb der Eurozone gilt ein Wechselkurs von 1:1. Aber der ist unrealistisch. In den Ländern der Eurozone besteht ein erhebliches Lohnkosten- und Inflationsgefälle es hat sich über den Euro kräftig ausgeweitet und vertieft – im Falle von Griechenland liegt der Anstieg der Lohnstückkosten bis zu 40 % über dem von Deutschland und den anderen stabilen Euroländern.

Also sind die „realen Wechselkurse“, die das Kaufkraftgefälle widerspiegeln, falsch. Das führt früher oder später über die daraus resultierenden Diskrepanzen in den Leistungsbilanzen – ich könnte auch sagen: über das Greifen der einen in die Taschen der anderen – zum Ende solcher Experimente.

Das wirtschaftliche Gefälle innerhalb der Euro-Zone hat also nach über zehn Jahren gemeinsamer Währung eher noch zugenommen?

Erinnern wir uns, mit welchen Versprechungen gerade deutsche Politiker und viele Experten die Einführung des Euro motiviert und kommentiert haben: Er wäre so stabil wie die D-Mark, würde ein Beschäftigungswunder auslösen, Europa einen und es vor jeder globalen Krise schützen.

Heute sehen die Menschen, dass nichts davon stimmt. Deutschland ist mit dem Euro ärmer geworden, als es vorher mit der D-Mark war, muss aber gleichwohl für seine Verarmung zahlen. Das ist weder ein Erfolgskriterium noch ein Vertrauensbeweis für die seit zehn Jahren betriebene Politik.

Welche Lösung schlagen Sie vor?

Griechenland, wie auch die anderen Euroländer in gleicher oder ähnlicher Lage, gehören nicht in den Euro-Club der strukturstarken und währungsstabilen EU-Staaten. Sie gehören ins Wartezimmer auf den Euro – wo auch die Mehrzahl der osteuropäischen EU-Länder sitzt.

Also sollte Griechenland den Euro wieder abgeben?

Griechenland würde sich selber den größten Dienst erweisen, wenn es aus der Euro-Union austritt, die Drachme wieder einführt und sie kräftig abwertet. Nur so schafft es die Voraussetzungen für neues Wirtschaftswachstum, Exportbelebung und die Wiederherstellung seiner Kreditwürdigkeit. Einem solchen Griechenland könnte auch international geholfen werden, auch durch Beistandskredite des IWF.

Ist ein Scheitern der Währungsunion insgesamt unausweichlich?

Die Europäische Währungsunion bleibt so lange bestehen, wie Deutschland für sie zahlt, genauer zahlen kann. Die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse, die größten der Eurozone, finanzieren seit zehn Jahren die wachsenden Defizite der anderen Währungsnutzer. Wenn diese Überschüsse schwinden, und das tun sie bereits seit letztem Jahr, schlägt die Stunde der Wahrheit. Für Europa wäre ein Ende mit Schrecken besser als dieser Schrecken ohne Ende.

Sollte die Währungsunion zerbrechen, stünde dann nicht mehr als nur der Euro auf dem Spiel? Geht es nicht letztlich um die europäische Einigung, den Zusammenhalt des Kontinents?

Nein, ein rechtzeitiger Austritt der überschuldeten Euro-Länder aus der Währungsunion würde diese zwar verkleinern aber stärken. Die EU würde aufhören, der „kranke Mann“ der Weltwirtschaft zu sein. Die Währungsunion gewönne mit der neuen monetären Stärke an politischer Kraft und Profil in der Welt.

Dasselbe gilt für die Austrittsländer. Sie ersparen sich nicht nur die schlimmsten Auswirkungen der Krise. Sie bekommen die Zeit und die Möglichkeiten zu ihrer Regenerierung und Rückkehr unter besseren Bedingungen in den Kreis der Euro-Länder. Der Euro könnte überleben.

Der frühere US-Notenbankpräsident Alan Greenspan äußerte früh Zweifel, ob der Euro überleben werde. War es mehr als die klammheimliche Freude, den Dollar-Konkurrenten bald wieder los zu sein?

Neid schärft manchmal den Blick! Nein, jenseits des Atlantiks, hat man die Chancen einer Währungsunion schon deswegen realistischer eingeschätzt, weil man die politische Union, die jeder monetären Union vorausgehen muss, schon hatte.

Der Dollar ist zeitgleich mit den USA entstanden. Man hatte weder Vereinigungsillusionen noch frönte man wie Europas Politiker jener illusorischen „Sachzwang-Theorie“, wonach die Staaten über die Währung zusammenwüchsen. Die Geschichte hat dieses Märchen mehr als einmal widerlegt: Das tut sie auch jetzt wieder.

DIETER W. HEUMANN

Von Dieter W. Heumann
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