Energiepolitik 02.11.2007, 19:31 Uhr

Keine Spur von einer Renaissance der Kernenergie  

Der Atombrennstoff wird knapp und die Preise steigen. Ein Ausbau der Atomenergie erscheint damit immer unrealistischer, schreibt Hans-Josef Fell, Sprecher für Energie- und Technologiepolitik der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag.

Seit die finnische Regierung im Jahr 2002 den Beschluss zum Bau eines neuen Atomkraftwerkes fasste, wird von einer Renaissance der Kernenergie gesprochen.

Angetrieben wird diese Hoffnung immer wieder von Meldungen wie diesen: Russland plane 30 neue Atomkraftwerke, China wolle 40 bis 50 neue Reaktoren bauen, und „Marktbeobachter“ erwarteten über 30 Bauanträge für neue Meiler in den USA.

Mit dem Klimasekretariat der Vereinten Nationen gewann die Nuklearindustrie jüngst noch ihren prominentesten Fürsprecher. Das UNFCCC fordert in seinem Bericht an den Klimagipfel, die Investitionen in Atomkraftwerke im Jahr 2030 von 15 Mrd. € auf 40 Mrd. € fast zu verdreifachen.

Ob diesen Ankündigungen auch Taten folgen, ist nicht nur eine Frage des politischen Willens, sondern auch der Finanzierung und nicht zuletzt der verfügbaren Ressourcen. Doch das Uran wird zunehmend knapp. Schon heute laufen die 439 weltweit betriebenen Atomkraftwerke auf Reserve, wie eine Studie der Energy Watch Group ergab. Nur rund 60 % des derzeit für Atomkraftwerke benötigten Urans wird aktuell in Uranminen gewonnen.

Die fehlenden 40 % kommen aus Lagerbeständen, die überwiegend in der Zeit vor der Uran-Förderspitze zu Beginn der 80er Jahre angehäuft wurden. Jede zehnte Kilowattstunde Atomstrom stammt sogar aus dem Waffenuran rückgebauter, ehemals sowjetischer Atomsprengköpfe.

In sechs Jahren enden diese Lieferverträge und Russland will sie nicht verlängern. Stattdessen will das Land in Zukunft selbst Uran importieren.

Erst Anfang September unterzeichneten Präsident Putin und der australische Premierminister Howard ein Lieferabkommen. Nicht einmal im flächengrößten Land der Erde finden sich also ausreichend Reserven, um auch nur den eigenen Bedarf zu decken.

Schon jetzt führt die absehbare Verknappung von Uran zu steigenden Kosten. So hat sich der Spotmarkt-Preis für Uranoxid von 7 Dollar je Pound (ein Pound = 453,6 g) im Jahr 2000 auf über 130 Dollar/Pound bis Mitte 2007 fast verzwanzigfacht. Selbst der zwischenzeitliche Rückgang des Spotmarktpreises werde den langfristigen Trend nicht umkehren, so Analysten.

Als Gründe für die steigenden Uranpreise identifizieren Wissenschaftler neben der Abhängigkeit von Lagerbeständen vor allem die Erschöpfung ergiebiger Uranvorkommen. Nur Kanada verfügt noch über Lagerstätten mit einem Erzgehalt von 1 %.

In anderen Ländern sind es nur 0,1 %, bei mehr als zwei Dritteln aller Lagerstätten weniger als 0,06 %. Bei solch geringer Konzentration lohnt sich die Urangewinnung lediglich als Nebenprodukt beispielsweise des Kupfererz- oder Gold-Abbaus. Doch nur etwa 10 % des Urans lagern in solch lukrativer Gesellschaft.

Da die günstigsten Vorkommen zur Neige gehen, bleiben vor allem Minen mit magerem Erzgehalt. Ihre Erschließung wird immer aufwändiger und teurer und der Energieverbrauch für die Urangewinnung steigt. Sinkt der Uranerzgehalt unter 0,02 %, wird die Energiebilanz sogar negativ und damit die Uranförderung sinnlos.

Wie schwierig selbst die letzten hochprozentigen Lagerstätten zu erschließen sind, illustriert der Hoffnungsträger „Cigar Lake“ in Kanada. In diesem weltweit größten und einzigen Minenprojekt mit guter Erzqualität sollte 2007 der Abbau beginnen – 26 Jahre nach der Entdeckung und nach einem aufwändigen umweltpolitischen Genehmigungsverfahren.

Sollten selbst alle bisher geplanten Maßnahmen zur Steigerung des Uranabbaus realisiert werden, könnte die schon jetzt absehbare Lücke damit nur teilweise geschlossen werden. Um allein den Bedarf der bestehenden Kraftwerke zu decken, müsste die weltweite Förderkapazität kurzfristig um mehr als die Hälfte steigen. Tatsächlich ist die Uranförderung aber im Jahr 2006 sogar um 5 % gesunken. Die Preise für Uran werden also auch ohne neue Kraftwerke deutlich steigen.

Vor diesem Hintergrund verbreitete die Führungsspitze des zweitgrößten Lieferanten für Kernbrennstäbe, James C. Cornell und Jeffrey R. Faul von Nukem Inc., auf Uran-Konferenzen in New York und Toronto im Februar dieses Jahres Goldgräberstimmung. Trocken kommentierte Cornell die aktuelle Lage: „Vergessen Sie die Renaissance der Kerntechnik…Uranpreise werden auch in der vorhersehbaren Zukunft weiter steigen.“

Seit Neuestem wird Uran für Kraftwerksbetreiber ebenso zum Kostenfaktor wie Kohle, Erdgas und Erdöl. Die Wissenschaftler der Energy Watch Group haben errechnet, dass sich eine Steigerung des Uranpreises um 100 Dollar/Pound mit jeweils 0,5 Eurocent Mehrkosten pro Kilowattstunde niederschlägt. Ein Uranpreis von beispielsweise 700 Dollar/Pound würde die Stromerzeugungskosten in Atomkraftwerken glatt verdoppeln.

Doch selbst wenn die alte Formel „Uranbrennstoff kostet praktisch nichts“ weiter gelten würde: Atomkraft ist viel teuerer, als die offiziellen Preise suggerieren.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie von Greenpeace untersucht die Wirtschaftlichkeit am Beispiel von 75 Reaktoren in den USA und der jüngsten Reaktorbau-Erfahrungen in Indien. Im Ergebnis zeigt sich, dass der offizielle Kilowattstundenpreis für Atomstrom nur gut die Hälfte der realen Kosten nennt, weil einerseits bei Neubauten die Kosten häufig um 300 % und mehr überschritten werden und andererseits Kosten für Atommülltransporte, Abriss und Atommüllentsorgung zu niedrig angesetzt werden.

Darüber hinaus würden die Baukosten schöngerechnet mit unrealistisch niedrigen Zinssätzen und Rückzahlungszeiten, die heute keine Privatbank dieser Branche gewährt und darum nur mit Staatsgarantien und Subventionen möglich sind. Noch unkalkulierbarer erscheinen neue Kraftwerksprojekte im Licht der aktuellen Entwicklungen im Anlagenbau. Die hohe Nachfrage aus den Wachstumsregionen der Welt sorgt für Preissteigerungen bei den dafür benötigten Rohstoffen wie Stahl, Kupfer und Beton.

Aufgrund dieser Kostenrisiken hatte der Bremer Energieversorger SWB jüngst beschlossen, einen geplanten Kohlekraftwerksneubau nicht zu realisieren und dabei Verluste in zweistelliger Millionenhöhe in Kauf zu nehmen. Kostensteigerungen treffen die von Anlagenkosten dominierte Atomstromkalkulation aber umso härter.

Ein Ausbau der Atomenergie ist angesichts der wirtschaftlichen Realität nicht zu erwarten. Betrachtet man die energiewirtschaftlichen Fakten, bleibt die Atomkraft ein Scheinriese. Ihre Bedeutung wird weithin überschätzt, denn sie deckt nur 6,5 % des deutschen Endenergiebedarfs. Dieser ist ausschlaggebend, denn der in Statistiken oft genannte Primärenergiebeitrag enthält auch die in Kühltürmen verpuffte Abwärme. Weltweit deckt die Kernenergie sogar weniger als 2,5 % des Endenergiebedarfs.

Demgegenüber liefern die erneuerbaren Energien schon heute fast fünfmal mehr und haben die Atomkraft auch in Deutschland bereits überholt.

Selbst wenn alle Pläne für Atomkraftwerks-Neubauten sofort umgesetzt würden, änderte sich daran nichts Wesentliches. Im Gegenteil: Von den derzeit betriebenen 439 Atomkraftwerken ist allein in den nächsten zehn Jahren die Stilllegung der bis 1975 errichteten 90 Reaktoren zu erwarten. Doch seit dem Ende der 80er Jahre ist der Ausbau ins Stocken geraten. Auf der ganzen Welt gehen jährlich nur drei bis vier neue Reaktoren ans Netz. Die installierte Kraftwerksleistung wird in Zukunft also abnehmen. Eine Renaissance sieht anders aus. HANS-JOSEF FELL

  • Hans-Josef Fell

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