Verbraucher achten auf Schadstoffe 15.02.2013, 11:51 Uhr

EU-Umweltexperte Hansen: „Reach kann Firmen Wettbewerbsvorteile bringen“

Unternehmen, die mit unter Reach registrierten Stoffen handeln, könnten daraus sogar einen Vorteil ziehen, meint Björn Hansen. Der Däne gilt als Urgestein in der EU-Chemikalienverordnung. Seit mehr als 20 Jahren betreibt er Chemikalienpolitik für die Europäische Union und leitet die Abteilung Chemikalien der EU-Generaldirektion Umwelt.

EU-Umweltexperte Björn Hansen sieht für Unternehmen Vorteile, wenn sie mit Reach-zertifizierten Stoffen arbeiten. Denn die Verbraucher würden zunehmend darauf achten, dass Produkte keine Schadstoffe enthalten.

EU-Umweltexperte Björn Hansen sieht für Unternehmen Vorteile, wenn sie mit Reach-zertifizierten Stoffen arbeiten. Denn die Verbraucher würden zunehmend darauf achten, dass Produkte keine Schadstoffe enthalten.

Foto: Johanna Viljakainen/STT Finnland

VDI nachrichten: Chemikalien werden weltweit gehandelt. Wirkt die EU-Verordnung Reach auch global?

Hansen: Durchaus. Wir wissen, dass viele Konzerne Reach als internen Standard nutzen. Sie sagen, erfüllt man Anforderungen unter Reach, erfüllt man alle Anforderungen in anderen Ländern.

Wird Reach denn weltweit akzeptiert?

Ja. Zwar hatten Staaten in der Welthandelsorganisation WTO nie zuvor mehr Fragen zu einem EU-Gesetz, doch kein Staat hat Klage eingereicht.

Und welche positiven Effekte zeigen sich in Europa?

Es ist zu früh, von konkreten Ergebnissen zu sprechen. Doch wir wissen viel mehr über Gefahren und Risiken von ca. 3500 Stoffen und über Maßnahmen, um die Risiken zu begrenzen. Dieses Know-how wird auch bei der Entwicklung von Zubereitungen und Produkten genutzt.

Und was ist nicht so gut?

Unsere Chemikalienagentur Echa in Helsinki sagt, dass viele Firmen die Registrierungsdossiers nachbessern müssen. Agentur, Behörden der Mitgliedsstaaten und die EU-Kommission prüfen jetzt die Qualität der Dossiers.

Viel Arbeit für Agentur und Behörden?

Ja. In der Zeit vor Reach arbeiteten rund 35 Leute im Chemikalienbüro der EU-Kommission. Jetzt haben wir eine Chemikalienagentur mit mehr als 500 Beschäftigten. Früher haben wir pro Jahr etwa 20 Stoffe geprüft. Jetzt sind es über 30 000 Stoffe in zehn Jahren.

Leider haben einige Mitgliedsstaaten ihr Personal für die Chemikalienbewertung beschnitten. Dabei betonte die Kommission immer wieder, sie sollten sich überlegen, mehr Fachleute einzustellen.

Und Deutschland?

Ich würde sagen, Deutschland zählt zu den aktiven Mitgliedsstaaten.

Das alles kostet Geld – bisher mehr als 2 Mrd. €, so die Chemieindustrie. Was sagen Sie ihr?

Dass man erst zahlen muss, bevor sich etwas verbessert. Bei Reach müssen wir eventuell 20 Jahre warten. Wir wollen vermeiden, dass man etwa in jungen Jahren einer Chemikalie ausgesetzt ist, die Krebs auslöst, wenn man 60 geworden ist. Die eigentliche Verbesserung durch Reach wird man also vielleicht erst nach vielen Jahren sehen.

Zurück zu den Kosten! Überfordert Reach nicht die europäische Chemie?

Nein. Reach kann sogar Wettbewerbsvorteile bringen. Unternehmen können sagen, ein unter Reach registrierter Stoff erfüllt die strengsten Anforderungen für Sicherheit. Und es gibt ein Sicherheitskonzept, das selbst die europäischen Standards erfüllt. Das ist ein Pluspunkt.

Wirklich?

Schauen Sie nach vorne: In 20 Jahren wird es ca. drei Milliarden kaufkräftiger Konsumenten geben. Mit Wohlstand kommt ein anderes Bewusstsein. Die Leute fordern dann einen Lebensstil mit weniger schädlichen Einwirkungen.

Aber die Chemieindustrie warnt, dass mancher Stoff vom Markt verschwindet!

Das haben wir akzeptiert und rechnen auch damit, dass es passieren wird. Ist dieser Stoff nicht notwendig gewesen und zudem gefährlich, ist das ein gutes Ergebnis. Uns ist klar, dass sich der Markt mit höherer Transparenz und höheren Anforderungen durch Reach konsolidieren wird.

Kann Reach Vorbild für andere Staaten sein?

Das wäre zu weit gegriffen. Reach ist keine Exportware. Aber denkt ein Staat über Chemikaliengesetze nach, wird er immer etwas in Reach finden. Und da kann man dann sicher zusammenarbeiten.

Ist ein global einheitliches Risikomanagementsystem das Ziel?

Ich glaube nicht. Risiken sind kulturell bedingt, deren Akzeptanz ist ökonomisch bedingt. Es gibt Unterschiede in der Kultur, wie man Daten bewertet. Für sinnvoll halte ich ein einheitliches Vorgehen. So könnten wir etwa in der EU beurteilen, warum die USA eine Chemikalie für gefährlich halten – und auch anders herum.

Von Ralph H. Ahrens

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