Standort Europa 21.09.2012, 11:52 Uhr

EU-Energiepolitik bereitet Dow Chemical Sorgen

Für den US-Chemiekonzern Dow Chemical hat die Energiewende technische und finanzielle Folgen. Er investiert daher weniger in Europa, aber der Standort Europa bleibt weiterhin wichtig.

„Viele unserer Prozesse sind auf zuverlässige und regelmäßige Stromlieferungen angewiesen“, erklärt Stephan Engel. Er leitet die Abteilung Energiewirtschaft der 17 deutschen Standorte von Dow Chemical. „Die Furcht, den roten Knopf betätigen zu müssen, um Anlagen runterzufahren, ist gestiegen“, so Engel. Im letzten Winter habe es deutlich mehr kurze kritische Netzzustände gegeben als zuvor. Das liege an der zunehmenden Einspeisung von Strom aus Wind- und Sonnenenergie sowie am stockenden Netzausbau. Engel sagt aber auch klar: „Noch gab es bei uns keine ernsthaften Probleme.“

Sorgen bereiten steigende und unsichere Energiepreise, denn die Chemie ist die deutsche Branche mit dem höchsten Energiebedarf. Sie benötigte 2011 rund 51 Mrd. kWh Strom sowie 110 Mrd. kWh Gas. Allein Dow Deutschland zahlt für seine deutschen Werke ca. 500 Mio. €/Jahr an Strom und Gas. Den meisten Strom benötigt das Dow-Werk in Stade aufgrund der Chlorherstellung: Das Werk verbraucht jährlich 0,9 % des gesamten deutschen Strombedarfs.

Dow Chemical-Werk in Stade mit positiver Bilanz in puncto CO2-Ersparnis

Das klingt nach viel, doch Engel nennt eine Gegenrechnung: Bei Rohstoffgewinnung, Herstellung und Entsorgung von Chemikalien werden jährlich zwar rund 6,5 Mrd. t CO2 emittiert. Durch Produkte wie isolierende Kunststoffe und Leichtbaumaterialien werden aber mehr als 20 Mrd. t CO2/Jahr eingespart. Daher sei vernünftig, dass die Bundesregierung die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz auch für energieintensive Chemieanlagen auf 0,5 €/MWh beschränkt hat, so Engel.

„Doch 2013 kann Strom deutlich teurer werden“, glaubt der Dow-Energieexperte. Stromversorger müssen dann CO2-Zertifikate ersteigern oder am Markt erwerben. Diese Kosten werden sie umlegen.

Die EU-Mitglieder dürfen diese Ausgaben zwar kompensieren, die Bundesregierung will dies tun, doch noch fehlen letzte Entscheidungen. Zudem will EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard aus dem Handelssystem Zertifikate herausnehmen, um deren Preise zu erhöhen.

Dow Chemical: Wachtumsmärkte China und Südostasien fest im Blick

Diese Diskussionen wirken sich auf Investitionsentscheidungen aus, die nicht zuletzt in der Dow-Zentrale in Midland, Michigan, getroffen werden. Die Chefetage des Konzerns hat vor allem Wachstumsmärkte wie China und Südostasien im Blick.

Und dass in den USA der Gaspreis – aufgrund des Runs auf Schiefergas – etwa halb so niedrig ist wie in Deutschland, ist für die Konzernzentrale ein Grund, derzeit eher in den USA als in der EU zu investieren.

Es werde daher schwerer, die Unternehmenszentrale von neuen Investitionen in Europa zu überzeugen, weiß Reiner Roghmann. Er ist Werksleiter der Dow Olefinverbund GmbH, einem Verbund aus vier Standorten im Osten Deutschlands. Das US-Mutterhaus will am Verbund festhalten, ob in neue Anlagen investiert wird, ist aber offen. Lange Zeit hat Dow rund 100 Mio. € jährlich in die Erweiterung und den Erhalt bestehender Anlagen im Olefinverbund investiert. Seit einigen Jahren sind es noch 50 Mio. € bis 60 Mio. €.

Roghmann aber ist Optimist. So entsteht in Stade für rund 400 Mio. € ein Gaskraftwerk. Es hat dank Kraft-Wärme-Kopplung einen Wirkungsgrad von fast 85 %. Gemeinsam mit der BASF wurde im Hafen von Antwerpen eine Anlage zur Herstellung von Propylenoxid ohne Chlor gebaut. Das Oxid ist reaktiv und ein wichtiger Grundstoff für Polyurethane.

Roghmann erwartet zudem, dass die Chemiebranche ab 2013 in Mitteleuropa langsam wachsen wird. So streben die Menschen Osteuropas den Lebensstandard Westeuropas an und haben einen Nachholbedarf. Und moderne elektronische Produkte lassen sich nur mit Spezialchemikalien herzustellen. Dafür braucht es die Grundstoffchemie.

„Der Olefinverbund wird daher bestehen bleiben“, glaubt Roghmann. Doch es müsse sich natürlich lohnen, Erdöl zu cracken. Dafür braucht es von der Politik klare und verlässliche Rahmenbedingungen. „Desto leichter können wir dann im Gesamtkonzern Deutschland als Produktionsland positiv darzustellen.“

Von Ralph H. Ahrens

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