Hendricks: Verrückter Plan 17.05.2016, 13:13 Uhr

EU will Atomkraft ausbauen: EU-Staaten sollen Mini-Reaktoren bauen

Mehr Atomkraft? Ja bitte! Und zwar dalli. Das sieht der Entwurf eines Strategiepapiers der EU-Kommission vor. Danach sollen die EU-Staaten stärker auf Kernenergie setzen und die Entwicklung kleinerer, flexibler Reaktoren forcieren. Morgen schon werden die zuständigen EU-Kommissare über den EU-Atomplan abstimmen.

Dampf steigt hinter einer Windmühle bei Antwerpen (Belgien) aus den Kühltürmen des Atomkraftwerks Doel. Während Deutschland 2022 Akw-frei sein will, sehen die Energiepläne der EU-Kommission den Ausbau der Kernkraft vor. 

Dampf steigt hinter einer Windmühle bei Antwerpen (Belgien) aus den Kühltürmen des Atomkraftwerks Doel. Während Deutschland 2022 Akw-frei sein will, sehen die Energiepläne der EU-Kommission den Ausbau der Kernkraft vor. 

Foto: Oliver Berg/dpa

Die EU müsse ihre technologische Vorherrschaft im Nuklearsektor verteidigen, heißt es laut Spiegel im Entwurf für das Strategiepapier, das dem Magazin vorliegt. Die Mitgliedstaaten sollen demnach bei der Erforschung, Entwicklung, Finanzierung und beim Bau neuer Reaktoren stärker kooperieren. Damit hintertreibt die EU den Automausstieg in Deutschland und anderen EU-Ländern. In Deutschland soll 2022 das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen.

Italien, Österreich und Litauen haben den Atomausstieg abgeschlossen. Italien hatte nach Tschernobyl in einer Volksabstimmung den Autoausstieg beschlossen und bis 1990 seine vier Kernkraftwerke abgeschaltet. In Österreich ist das fertig gebaute AKW Zwentendorf nach einer Volksabstimmung nie ans Netz gegangen. Belgien, Deutschland und Spanien haben ebenfalls einen Atomausstieg beschlossen, betreiben aber immer noch Kernkraftwerke und zählen damit zu den 14 von 28 EU-Staaten, die Kernenergie nutzen. Auf Strom aus Atomkraft verzichten derzeit Dänemark, Irland, Lettland, Italien, Österreich, Litauen, die kleinen EU-Länder wie Luxemburg sowie Polen, das jedoch zwei AKW plant.

Mehr Geld für Investitionen und Forschung

Während viele Länder bewusst aus der Atomenergie aussteigen, will die EU den Ausbau der Atomenergie in Europa festschreiben. Am Mittwoch stimmen die für die Energie zuständigen Kommissare über das Papier ab, dann sollen die Pläne dem EU-Parlament vorgelegt werden. Wie Spiegel Online berichtet, wird darin unter anderem vorgeschlagen, die Rahmenbedingungen für Investitionen zu verbessern. So sollen Gelder aus dem Europäischen Fonds für strategische Investments (EFSI) und den Forschungsprogrammen der EU fließen.

Druckbehälter im belgischen Atomkraftwerk in Doel: Die Stahlhülle weist 13.047 feine Risse auf. Jetzt prüft die belgische Atomaufsicht, ob der Behälter aufgrund der Schäden explodieren kann.

Druckbehälter im belgischen Atomkraftwerk in Doel: Die Stahlhülle weist 13.047 feine Risse auf. Jetzt prüft die belgische Atomaufsicht, ob der Behälter aufgrund der Schäden explodieren kann.

Foto: Electrabel

Warum will die EU-Kommission den Ausbau der Atomenergie forcieren? Zumindest vorgeschoben werden diese beiden Gründe von Befürwortern: Mit Kernkraft lässt sich Europas Abhängigkeit von russischem Gas verringern. Und auch der CO2-Ausstoß in Europa. Atomkraftwerke sind im Gegensatz zu Kohle- und Gaskraftwerken fast CO2-neutral. 

Umweltministerin Hendricks: „Verrückt und unverantwortlich“

Sicherheit habe bei allen Aktivitäten oberste Priorität, heißt es in dem Strategiepapier. Forschungsergebnisse über Materialstress bei älteren Reaktoren werden aber erst 2025 vorliegen. Untersucht werden beispielsweise die Risse in den belgischen Atomanlagen Tihange und Doel. Deutschlands Umweltministerin Barbara  Hendricks (SPD) hatte Belgien im April aufgefordert, die Reaktoren wegen dieser Verschleißerscheinungen vorerst vom Netz zu nehmen. Erfolglos. Das AKW Thihange liegt nur 70 km von Aachen entfernt.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hält am 29. April 2016 in Berlin im Bundestag ihre Rede. Thema der Debatte war

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hält am 29. April 2016 in Berlin im Bundestag ihre Rede. Thema der Debatte war „Tschernobyl und Fukushima – Risiken der Atomkraft“. Die aktuell bekannt gewordenen Pläne der EU-Kommission zum Ausbau der Kernenergie in Europa bezeichnete Hendricks als „verrückt und unverantwortlich“. 

Foto: Kay Nietfeld/dpa

Die neuen Atompläne der EU-Kommission bezeichnete Hendricks gegenüber der Rheinischen Post als „verrückt“ und „unverantwortlich“. „Zu glauben, man könne mit noch mehr Atomkraft das Klima retten, ist ein Irrtum“, sagte Hendricks gegenüber der Zeitung. „Klimaschutz braucht die Wende zu erneuerbaren Energien, kein Festhalten an einer veralteten und zudem kostspieligen Technologie, mit deren Nutzung wir viele Generationen nach uns unumkehrbar belasten“, so die Ministerin. Hendricks hält sich zurzeit in Japan auf, um sich dort über die Situation nach der Atomkatastrophe von Fukushima zu informieren.

Vorteil von Mini-Reaktoren

Schon seit einigen Jahren sind Mini-Reaktoren ein Thema. Im Kern ist die Technik dafür vorhanden. Ihr Vorteil gegenüber den bisherigen Reaktoren neben einer höheren Sicherheit: Sie sind schneller gebaut und kosten nur einen Bruchteil. Einer, der an den Erfolg kleiner Meiler glaubt, ist Microsoft-Gründer Bill Gates. Er hat in die Firma Terra Power investiert, eines der wenigen US-Unternehmen, die an der Entwicklung von Mini-Reaktoren arbeiten.

Keinen Mini-Meiler, sondern eine Mini-Turbine, die 10.000 Haushalte mit Strom versorgen kann, hat kürzlich GE Global Research vorgestellt. Wir berichteten darüber.

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