Energiepolitik 05.12.2008, 19:38 Uhr

Die Notrationen für Krisenzeiten lagern im Salz  

VDI nachrichten, Wilhelmshaven, 5. 12. 08, moc – Kriege, politische Spannungen oder Naturkatastrophen – schnell grassiert die Angst vor der Ölknappheit. Doch in Norddeutschland lagert 1000 m tief unter der Erde eine gigantische Ölreserve – und das ist nur eine von vielen.

Ponys grasen auf der Wiese. Ein Schwarm Möwen kreist über dem Pflug, den ein Trecker durch den Acker zieht. Dahinter rauscht der Verkehr über die Autobahn. Der Blick reicht weit über das platte Ostfriesland.

„Spektakulär ist bei uns nicht, was man sieht – sondern was man nicht sieht.“ Thomas Piter von der Nord-West-Kavernengesellschaft (NWKG) stampft mit dem Fuß auf den Rasenboden und schiebt seinen Sicherheitshelm in den Nacken. Unter seinen Füßen, unter den Wiesen lagern Erdölreserven, die mehrere Supertanker füllen könnten. 6,3 Mio. t Rohöl bewahrt die NWKG hier im Erdreich von Wilhelmshaven-Rüstringen auf. Das entspricht dem Inhalt von 250 000 Tanklastwagen.

Lagerraum dieses gigantischen Reservekanisters sind 35 Kavernen, riesige Hohlräume in einem Salzstock, teilweise über 1000 m tief unter der Erde.

In Wilhelmshaven liegt damit der größte Teil einer Notreserve, die seit rund vierzig Jahren an verschiedenen Orten in Deutschland verteilt ist. Zu dieser Notreserve verpflichtete die Bundesregierung die Mineralölindustrie vor rund 40 Jahren. Denn im Wirtschaftswunderland hatte das Öl zunehmend Kohle als Primärenergieträger verdrängt.

Die Gefahr der Abhängigkeit vom Öl zeigte sich 1973 bei der ersten großen Ölkrise. Dennoch wehrte die Mineralölindustrie sich zunächst gegen die Bevorratungsverpflichtung. Schließlich handelt es sich um eine erhebliche Menge gebundenen Kapitals.

Der Streit wurde 1978 beigelegt. Die Bundesregierung rief den Erdölbevorratungsverband (EBV) mit Sitz in Hamburg ins Leben. Die Mitgliedschaft ist vorgeschrieben für jeden, der in Deutschland Erdöl importiert oder verarbeitet.

Zurzeit umfasst die Notreserve des EBV 22 Mio. t Rohöl, Heizöl, Kerosin, Diesel und Benzin. Ihr Wert: rund 11 Mrd. €. „Mit der Notreserve kann die Bundesrepublik neunzig Tage lang versorgt werden“, erklärt Eberhard Pott aus dem Vorstand des EBV.

Kaum jemand weiß von der Vorratshaltung der Mineralölindustrie. Dabei steht auf der Rückseite der meisten Tankquittungen der Satz: „Preis enthält den gesetzlichen Beitrag für Erdölbevorratung.“ Der beträgt ungefähr 0,4 Cent pro Liter Superbenzin. Doch wer liest schon das Kleingedruckte auf seinem Tankbeleg?

Auch wer am Stadtrand von Wilhelmshaven einen Hinweis auf die gigantische Reserve sucht, muss genau hinschauen. Einzig ein paar verstreute grünliche Container zeugen von dem unterirdischen Lager. „Über der Erde geht das Leben seinen normalen Gang.“ Thomas Piter stößt die Tür zu einem der grünen Container auf. „Da geht es runter“, sagt er und zeigt auf den Kavernenkopf, ein Durcheinander aus Leitungen, Flanschen, Muttern und Stellrädern.

Mehr als die Kavernenköpfe und eine Halle mit Pumpen gibt es nicht zu sehen. Man kann die Kavernen weder begehen noch von oben hineinschauen. Wie aber werden sie gebaut?

Wie die Kernkraft für ihr Endlager setzt auch die Ölindustrie auf Salzvorkommen. Und die gibt es auch unter der norddeutschen Ebene. Sie entstanden vor 250 Mio. Jahren, nachdem eine anhaltende Warmzeit riesige Mengen Meerwasser verdampfen ließ. Die zurückbleibenden Salzschichten wurden überlagert, zum Teil in die Tiefe gedrückt.

Einige der Salzstöcke lagern nur wenige Meter unter der Oberfläche, wie die Vorkommen bei Lüneburg, andere, wie die bei Wilhelmshaven, liegen in gut 1000 m Tiefe. Dieser Salzstock hat ein Volumen von über 80 km3, ein Klotz von 4 km mal 7 km, über 3 km dick.

Auf dem Gelände bei Wilhelmshaven ragen mehrere Bohrtürme in den blauen Himmel. Zuerst kommt eine Probebohrung, mit der die Eigenschaft des Salzes geprüft und bestimmt wird, wie groß der Vorratsraum werden darf. Der Sicherheitsabstand zwischen den Kavernen und dem Rand des Salzstocks muss 250 m betragen.

Wird das Salz einer Probebohrung für gut erachtet, kommen zwei Teleskoprohre in den Boden. Pumpen pressen dann mit hohem Druck durch das eine Rohr Nordseewasser in die Tiefe. Das Wasser löst das Salz, die Sole wird durch das zweite Rohr nach oben gedrückt und in den Jadebusen geleitet. Obwohl die Salzkonzentration der Sole zehnmal höher ist als die des Nordseewassers, soll das der Umwelt nichts ausmachen. „Der starke Tidenstrom im Jadebusen verdünnt das Salzwasser sofort“, erklärt Thomas Piter.

Gut zwei Jahre dauert es, bis eine Kaverne fertig ausgespült ist. Die Techniker formen sie durch das Auf- und Abfahren der Teleskoprohre, messen Form und Größe mit dem Echolot.

Ist das gewünschte Ausmaß erreicht, kann das Erdöl hineingepumpt werden. Das verbleibende Salzwasser wird dabei aus der Kaverne gedrückt. Wollen sie an das Erdöl wieder heran, pumpen die Ingenieure Seewasser nach unten. Da Öl leichter als Wasser ist, wird es durch die Rohre nach oben gedrückt.

„Das ist wie auf der Hühnersuppe, auf der schwimmen die Fettaugen ja auch oben“, so Thomas Piter.

Für Piter sind die Salzstöcke ein „optimales Lager“. Salz wird in Wasser gelöst, nicht aber in Öl. Leckagen können nicht entstehen. Poren und Risse verschließt das Salz selbst. Unter dem Druck der Tiefe und bei einer Temperatur von 75 °C ist es nahezu plastisch und dichtet dabei alle Löcher.

Auch verderben kann das Rohöl nicht. Selbst über Jahrzehnte behält es seine Qualität.

„Wir sitzen hier aber trotzdem nicht herum und warten auf die Krise“, sagt ein Techniker im Steuerungszentrum. Vor ihm flimmern Bildschirme mit der schematischen Darstellung des weit verzweigten Leitungssystems.

Neben der Überwachung der Vorräte müssen vor allem Fertigstoffe wie Heizöl, Diesel, Benzin und Kerosin regelmäßig ausgetauscht werden. Auch diese werden teilweise in den Salzkavernen gelagert, häufiger allerdings in oberirdischen Tanks.

Im Schnitt verweilen die Fertigstoffe aber nur zwei Jahre in den Tanks und Kavernen – nicht zuletzt, weil sich die Grenzwerte für den Gehalt an Blei, Schwefel oder Benzol regelmäßig ändern. Und durch die Beimischung von Biokraftstoffen besteht sogar die Gefahr von Pilzbefall, erläutert Piter.

Per Mausklick kann der Techniker von seinem Leitstand aus die Kavernen befüllen oder entleeren. Bis zu 270 t lassen sich in der Stunde aus einer Kaverne pumpen.

Im Krisenfall würde der Weg des Rohöls aus den Kavernen bis an die Zapfsäule allerdings einen Monat dauern. Schließlich muss es erst noch raffiniert werden. Die gelagerten Fertigprodukte sollen allerdings innerhalb von spätestens sieben Tagen beim Verbraucher ankommen.

Der Verbrauch von Erdöl geht zurück in Deutschland. Die Nachfrage nach Lagerplatz in Kavernen aber wächst. Der Trend geht zum Handel mit physikalisch vorhandenen Kraftstoffmengen. Und die muss ein Händler schließlich irgendwo lagern.

Bundeswirtschaftsminister Glos hat außerdem eine Bevorratungspflicht für die Gaswirtschaft laut angedacht. Bereits jetzt werden Kavernen als Zwischenlager für Gas genutzt.

Sie werden also wohl noch eine Weile erhalten bleiben, die unsichtbaren Riesenlager unter dem platten Ostfriesland. KLAUS SIEG

Ein Beitrag von:

  • Klaus Sieg

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Verwaltung

Die Autobahn GmbH des Bundes-Firmenlogo
Die Autobahn GmbH des Bundes Ingenieur (w/m/d) Landespflege Bochum, Netphen, Dillenburg, Münster
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr-Firmenlogo
Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr Juristin / Jurist (m/w/d) in der Bundeswehrverwaltung deutschlandweit
Die Autobahn GmbH des Bundes-Firmenlogo
Die Autobahn GmbH des Bundes Ingenieur (w/m/d) im Vertragsmanagement Montabaur, Wiesbaden
Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr-Firmenlogo
Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr Ingenieure (m/w/d) der Fachrichtung Bauingenieurwesen Hannover
Handwerkskammer Düsseldorf-Firmenlogo
Handwerkskammer Düsseldorf Abteilungsleiterin bzw. Abteilungsleiter (w/m/d)|für die Abteilung Meisterschulen technische Fortbildung (Abt. IV-2) Düsseldorf
Die Autobahn GmbH des Bundes-Firmenlogo
Die Autobahn GmbH des Bundes Ingenieur als Fachexperte Bautechnik FR Betonbauweisen (w/m/d) Hannover
Landeshauptstadt München-Firmenlogo
Landeshauptstadt München Abteilungsleiter*in Entsorgungsdienstleistungen (w/m/d) München
Bundeseisenbahnvermögen, Hauptverwaltung-Firmenlogo
Bundeseisenbahnvermögen, Hauptverwaltung Sachbearbeiterin/Sachbearbeiter (m/w/d) im Immobilienmanagement Essen oder Berlin
Bundeseisenbahnvermögen, Hauptverwaltung-Firmenlogo
Bundeseisenbahnvermögen, Hauptverwaltung Stellvertretende Leiterin / Stellvertretender Leiter (m/w/d) der Projektgruppe Liegenschaftsentwicklung Stuttgart
Porsche AG-Firmenlogo
Porsche AG Praktikant (m/w/d) After Sales Gesetze & Umwelt Stuttgart-Weilimdorf

Alle Verwaltung Jobs

Top 5 Politik

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.