Finanzmarktkrise 17.07.2009, 19:42 Uhr

Die Macht der Rating-Agenturen  

Ratingagenturen gelten als Mitverursacher der Finanz- und Wirtschaftskrise. Ökonomen verlangen jetzt eine stärkere Regulierung und eine strenge staatliche Kontrolle. VDI nachrichten, Berlin, 17. 7. 09, has

Jahrelang haben Ratingagenturen fragwürdige Finanzprodukte mit positiven Bewertungen salonfähig gemacht. Dennoch sind sie bis jetzt vergleichsweise ungeschoren geblieben. Unter Fachleuten ist ihre Mitschuld an der Finanzkrise unstrittig. „Ratingagenturen sind für mich die Hauptschuldigen und müssten mit Strafen belegt werden“, schimpft etwa Jochen Sanio, der Präsident der Bundesfinanzaufsicht BaFin.

Ihre Schlüsselstellung bei den für das Funktionieren der Marktwirtschaft entscheidenden Prozessen der Kreditvergabe und Finanzierung bekamen die Ratingagenturen – zunächst in den USA – in der Folge der großen Depression in den 1930er Jahren. Damals wurde es für die Banken verpflichtend, dass die Kreditwürdigkeit von Schuldnern von unabhängigen Dritten überprüft wird, um mögliche Kreditausfälle abzuschätzen.

Seit den 1970er Jahren teilen sich die drei großen Ratingagenturen Moody“s, Standard & Poor“s und Fitch den lukrativen Markt für US-Kapitalgesellschaften auf. Diese drei Agenturen geben auch Bewertungen für Staatsanleihen ab und greifen damit direkt in die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Staaten ein, da mit einer Herabstufung ein Anstieg der Kreditzinsen verbunden ist.

Mit der Expansion der Finanzmärkte seit Beginn der 1990er Jahre erweiterten die Ratingagenturen auch ihre Aktivitäten. Nun ließen sich die Investmentbanken ihre immer mehr verschachtelten Anlageprodukte bewerten und kauften sich auf diese Weise das Vertrauen ihrer Anleger. Beim Ratingprozess ist für Agenturen die Gefahr eines Interessenkonflikts als unabhängige Bewerter und als Auftragnehmer groß. Zudem haben die Ratingagenturen ein Interesse daran, dass Banken immer neue Finanzprodukte herausgeben, weil ihnen so zusätzliche Einnahmen winken. Andererseits sind Unabhängigkeit und Zuverlässigkeit das Kapital der Agenturen.

Das Rating ist auch ein lukrativer Markt. 2008 hat Moody“s einen Umsatz von 1,76 Mrd. Dollar und einen Gewinn von 457 Mio. Dollar ausgewiesen.

Die mächtige Stellung der Ratingagenturen ist auch in den internationalen Regeln für die Eigenkapitalanforderungen an die Banken festgeschrieben, die unter dem Begriff „Basel II“ zusammengefasst sind. Ziel ist es, die Eigenkapitalunterlegung von Krediten risikogerechter zu gestalten als zuvor. Dem sollen externe Ratings bei den kreditsuchenden Unternehmen dienen. Fallen diese positiv aus, muss die Bank weniger zurücklegen, bei einer schlechteren Bewertung muss mehr Kapital für einen eventuellen Kreditausfall bereitgehalten werden.

„Dieses System kann man jetzt nicht so einfach zurückdrehen“, meint Heike Joebges, Finanzmarktexpertin bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. „Die Ratingagenturen entscheiden faktisch über die Eigenmittelausstattung der Banken und sind für deren Bilanzierung enorm wichtig geworden.“

Heike Joebges schlägt daher auch weniger eine Bestrafung der Ratingagenturen vor als eine Regulierung. So sollte das Ratingverfahren transparenter werden. Die Agenturen sollten die Kriterien ihrer Bewertung offenlegen und unter staatliche Aufsicht gestellt werden. Auch der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel, Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen, verlangt eine strenge staatliche Kontrolle der Ratingagenturen, da sie „quasi-hoheitliche Funktionen übernehmen“.

Zudem könne die Macht der drei US-Agenturen beschnitten werden, indem in Europa eine eigene Ratingagentur aufgebaut wird. „Das Rating ist eine Angelegenheit der Öffentlichkeit, und deshalb wäre der Aufbau einer europäischen Agentur mit öffentlichen Geldern sinnvoll“, sagt Finanzmarktexpertin Joebges. Auch könnten die Zahlungsmodalitäten umgekehrt werden. Während derzeit die Emittenten von Wertpapieren die Bewertung dieser Papiere in Auftrag geben, könnte dies von den Anlegern übernommen werden, etwa über einen Fonds. So würden Interessenkonflikte verringert.

Wie sehr das Rating eine öffentliche Angelegenheit ist, zeigen die Bewertungen für Staaten. Damit üben sie eine eminente politische Macht aus, sagt Hickel. Das gelte zwar weniger für Staaten wie Deutschland, dafür aber umso mehr für wirtschaftlich schwächere Länder. „Beispielsweise führt die schlechte Ratingposition dazu, dass auf griechische Staatsanleihen ein hoher Risikoaufschlag auf die Zinssätze erfolgt.“ Das Ratingurteil schlage sich bei Staaten vor allem bei Zinssätzen für Staatsanleihen nieder. Risikoaufschläge belasteten die öffentlichen Haushalte mit höheren Zinsen, erklärt der Ökonom. Die Folge: Der Spielraum für Investitionen und Sozialleistungen wird eingeengt.

Doch nicht nur kleinere Volkswirtschaften beobachten ängstlich die Bewertungen durch Ratingagenturen. So wuchs in London vor Kurzem die Nervosität, als Standard & Poor“s einen rasanten Anstieg der Staatsverschuldung in Großbritannien prognostizierte und langfristig eine Abwertung des Ratings nicht mehr ausschließen wollte. Prompt sank der Kurs des Pfundes und in der Folge auch der des US-Dollars.

Die europäischen Staats- und Regierungschefs haben sich inzwischen für die Gründung einer neuen Aufsichtsbehörde zur Risikobewertung auf den Finanzmärkten ausgesprochen, die auch die Ratingagenturen in den Blick nehmen soll. Auch die US-Regierung möchte die Macht der Ratingagenturen beschneiden. Ob die Agenturen die Krise tatsächlich unbeschadet überstehen, ist noch nicht ausgemacht. J. WENDLAND

Von J. Wendland
Von J. Wendland

Stellenangebote im Bereich Verwaltung

Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft Aktiengesellschaft in München-Firmenlogo
Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft Aktiengesellschaft in München Underwriter for Engineering CAR/EAR (Contractors/Erection – All Risks) (m/f/d)* München
Die Autobahn GmbH des Bundes-Firmenlogo
Die Autobahn GmbH des Bundes Bauingenieur (m/w/d) als Leitung der Abteilung Bauwerksmanagement Montabaur
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen (LBIH)-Firmenlogo
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen (LBIH) Ingenieure (m/w/d) Versorgungstechnik HKLS Wiesbaden
Bundeswehr-Firmenlogo
Bundeswehr Duales Studium – Bachelor of Engineering / Bachelor of Science (m/w/d) Fachrichtung Wehrtechnik Mannheim, verschiedene Einsatzorte
Landesamt für Bauen und Verkehr-Firmenlogo
Landesamt für Bauen und Verkehr Bauingenieur*in / Architekt*in im Bautechnischen Prüfamt Cottbus (Homeoffice möglich)
TÜV NORD CERT GmbH-Firmenlogo
TÜV NORD CERT GmbH Freiberufliche Auditoren*Auditorinnen (m/w/d) deutschlandweit
Landeshauptstadt München-Firmenlogo
Landeshauptstadt München Bauingenieur*in / Umweltingenieur*in als Betriebshofleitung (m/w/d) München
VDI Technologiezentrum-Firmenlogo
VDI Technologiezentrum Betriebswirt / Verwaltungswirt (w/m/d) für die Forschungsförderung Düsseldorf
Deutsche Sporthochschule Köln-Firmenlogo
Deutsche Sporthochschule Köln Technischer Sachbearbeiter / Technische Sachbearbeiterin (w/m/d) (2105-nwMA-D4) Köln
Stadt Ahlen-Firmenlogo
Stadt Ahlen Stadtbaurat*rätin / Technische*r Beigeordnete*r Ahlen

Alle Verwaltung Jobs

Top 5 Politik

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.