Interview zur Eurokrise 17.02.2012, 12:00 Uhr

„Die EU hat ihren Glanz verloren“

Manu Bhaskaran ist einer der profundesten Kenner der politischen und wirtschaftlichen Landschaft Südostasiens. Er leitet die Singapurer Niederlassung der Centennial Group, einer internationalen Politikberatungsfirma mit Sitz in Washington. Im Interview spricht er über die Eurokrise und den Aufstieg Chinas

vdi nachrichten/INGENIEUR.de: Herr Bhaskaran, die mögliche Staatspleite Griechenland hält die Europäer seit Monaten in Atem. Die Menschen bei uns verstehen die Vorgänge kaum noch. Kommen die Asiaten da überhaupt noch mit?

Bhaskaran: Es ist für uns wirklich schwierig, zu verstehen, was derzeit in Europa abläuft. Die Situation ist hochkomplex, jedes Land der Eurozone ist anders. Griechenland kann nicht mit Italien verglichen werden und Spanien nicht mit Portugal. Wenn unsere Eliten auf Europa schauen, dann meinen sie, Zerfall und Auflösung zu sehen und wundern sich, dass die politische Führung in der EU so etwas zulässt.

Von außen gesehen, reiht sich Gipfel an Gipfel, Maßnahmenpaket an Maßnahmenpaket, nur die Lösung steht immer noch aus. Die EU hat aus der Sicht der asiatischen Eliten ihren Glanz verloren.

Europa und Asien sind wirtschaftlich stark verflochten. Birgt das nicht die Gefahr der Ansteckung?

Bhaskaran: Das ist eine große Sorge. Die EU ist nicht nur der größte Binnenmarkt der Welt, sondern auch der größte Markt für den asiatischen Export. Europäische Banken sind Partner bei der Finanzierung des Handels mit Asien, sie sind Geldgeber bei Großprojekten in Südostasien. Europäische Firmen zählen zu den Hauptinvestoren. Wenn die Investitionen stoppen, ist das ein schwerer Schaden für uns.

Gibt es denn auch Schadenfreude?

Bhaskaran: Nein, in Südostasien gibt es so etwas nicht. Aber in China sehe ich schon Tendenzen dazu. Anders wäre das, wenn die USA in wirklich schweres Fahrwasser kämen. Das würde man bei uns schon eher mit Schadenfreude sehen. Seit dem Irakkrieg stehen die Südostasiaten den Amerikanern kritisch gegenüber.

Asiaten sind krisenerfahren. Ende der 90er-Jahre erlebten sie einen schlimmen Einbruch. Macht sie das gelassener?

Bhaskaran: Krisen kommen und gehen. Selten sind sie so schwer, dass sie zu jahrzehntelangen Rezessionen führen. Ich denke, Europa wird ein bis zwei Jahre durch einen harten Anpassungsprozess gehen, in dem es natürlich auch Rückschläge gegen kann. Europäer werden verkraften müssen, dass die ihnen so lieb gewordenen Sozialleistungen abgebaut werden. Unternehmen werden umstrukturieren, Arbeitsplätze abbauen und Löhne senken müssen.

Aber das sind alles Maßnahmen, die Europa als Ganzes wieder wettbewerbsfähig machen. Wenn die EU die Chance der Krise zur Reform nutzt, wird sie auch in fünf Jahren zu den stärksten Wirtschaftskräften der Welt gehören.

Europa hofft auf China. Kanzlerin Merkel stattete der Volksrepublik gerade einen Besuch ab. Der Weltwährungsfonds IWF bat das Land, in der Eurozone zu investieren. Wird Peking das tun?

Bhaskaran: China ist sich sehr wohl bewusst, dass es wirtschaftlich ein sehr wichtiger Faktor in der Welt ist. Und seine Führung kalkuliert da ganz kühl, dass es für China nur gut sein kann, wenn Europa aus der Krise kommt. Sie werden in die EU investieren, aber das wird seinen Preis haben. Und sie werden das ihrer Bevölkerung erklären müssen.

Wollen Sie wirklich sagen, die chinesische Führung muss das den Menschen erklären?

Bhaskaran: China hat eine Mittelschicht, die inzwischen hellwach ist. Es gibt eine große Bloggerszene. Und die fragen, warum helft ihr den Europäern, wo wir doch selber genug Armut im Land haben. Die Chinesen mögen zwar ein autoritäres Regime haben, aber das kann die öffentliche Meinung nicht komplett ignorieren.

Was wird denn der Preis sein?

Bhaskaran: Peking wird eine Reform des Quotensystems beim IWF und damit mehr Einfluss auf den Fonds haben wollen. Und dann wird es die Anerkennung als Marktwirtschaft verlangen. Europa zu helfen ist die Chance für China, seinen Einfluss in der Welt auszubauen. Die Chinesen sind viel zu klug, um die nicht zu nutzen.

Das heißt, die europäische Schuldenkrise verschiebt die globalen Gewichte noch rascher nach Asien….

Bhaskaran: Diese Verlagerung ist doch schon im Gang. An ihr führt kein Weg mehr vorbei. Das Gravitationszentrum der Macht wird sich nach Asien verlagern. Das wirtschaftliche Wachstum in China und Indien, aber auch in Indonesien ist nicht mehr zu bremsen. Aber das wird nicht ohne Einbrüche gehen. Vor allem in China. Das Land weist strukturelle Schwächen auf. Es kämpft mit Schattenbanken, deren Zahl wächst. 10 % bis 20 % aller neuen Kredite stammen nach Schätzungen aus dem informellen Kreditmarkt.

Es gibt eine hohe Inflation und eine Blase am Immobilienmarkt. In den Provinzen wachsen die sozialen Spannungen, die immer wieder aufbrechen werden. Die Einkommen sind immer noch weit geringer als in Europa. Es gibt also noch viele ungelöste Probleme, die den rasanten Aufstieg Chinas zur Weltmacht bremsen werden. Chinas eigentlicher Moment ist noch nicht gekommen.

Zu den Herausforderungen gehört auch, dass China seinen Preisvorteil verliert. Internationale Konzerne ziehen inzwischen schon weiter in Länder mit günstigeren Produktionskosten.

Bhaskaran: China hat Löhne und Produktionskosten künstlich niedrig gehalten. Energie etwa wurde staatlich subventioniert. Die Führung musste dann einsehen, dass das auf Kosten der Kaufkraft geht. Die Bürger haben nicht vom Wachstum profitiert. Die Subventionen wurden zurückgefahren, was dazu geführt hat, dass die Lohnkosten stiegen. Das traf Unternehmen, die knapp kalkulierten, ziemlich hart. Infolge verlagerten sowohl chinesische als auch ausländische Firmen ihre Produktion in billigere Regionen Chinas.

…oder gingen gleich nach Vietnam?

Bhaskaran: Vietnam ist sehr beliebt. Löhne sind billig und die Vietnamesen haben den Ruf, harte und zuverlässige Arbeitskräfte zu sein. Das verschafft Wettbewerbsvorteile bei der Billigproduktion. Es gibt Öl- und Gasvorkommen, die gerade erst erschlossen werden. Es gibt ein großes landwirtschaftliches Potenzial. Vietnam ist zu einem großen Kaffeeproduzenten geworden. Beim Reisanbau hat es das klassische Reisanbauland Thailand überholt und liegt heute an der Weltspitze. Es gibt große Vorkommen an Kautschuk. Allerdings lässt die Infrastruktur sehr zu wünschen übrig. Aber wenn man sich die geografische Lage des Landes ansieht, dann sieht man, dass es relativ leicht ist, das Meer zu erreichen. Auch wenn die Straßen schlecht sind, so ist es doch nah zum nächsten Hafen.

Also ist Vietnam das neue China?

Bhaskaran: Es ist in seiner wirtschaftlichen Entwicklung noch 15 Jahre hinter China. Die Wirtschaft ist veraltet, der Finanzsektor unterentwickelt. Die Inflation ist hoch. Aber das Land hat ein großes Potenzial, zumal China mit seinem riesen Markt vor der Tür liegt. Wenn es gelingt, die finanzwirtschaftlichen Schwierigkeiten zu überwinden, kann Vietnam mit seinen 100 Mio. Menschen in Zukunft leicht ein Wachstum von 8 % bis 9 % hinlegen. Wir sehen ein großes Interesse vonseiten der Investoren.

Star in Südostasien ist Singapur. Die Weltbank hat die Regierung des winzigen Staates gerade als die wirtschaftsfreundlichste weltweit ausgezeichnet. Wie hat man das geschafft?

Bhaskaran: Die Regierung arbeitet seit vielen Jahren daran, den Stadtstaat effizient zu machen. Es ist beispielsweise kinderleicht, eine Firma zu gründen. Das geht heute über das Internet und dauert keine Stunde. Die Steuererklärung geht online und ist in zwei Minuten zu machen. Die Verwaltung ist schlank und arbeitet effizient. Ziel war und ist, Singapur in höchstem Maße wettbewerbsfähig zu machen.

Das ist gelungen. Singapurs Pro-Kopf-Einkommen ist nach Japan das zweithöchste in Asien. Wo verdienen die 4,5 Mio. Singapurer ihr Geld?

Bhaskaran: Wir verfügen über eine Produktion der Luxusklasse. Pharmazeutische Produkte, Elektronikindustrie und Logistik. Es gibt große Investitionen in Biotechnologie. Wir sind immer noch Weltmarktführer in der Entwicklung und Herstellung von Bohrinseln, auch wenn die Chinesen und Südkoreaner aufholen. Unser Containerhafen und auch der Flughafen zählen zu den größten der Welt. Neben New York, London und Tokio gehören wir zu den größten Finanzzentren. Neu ist ein High End Tourismus und dann gibt es neuerdings das Spielkasino, das gut angenommen wird. Treiber unseres Wachstums sind kluge Köpfe, zukunftsträchtige Industrien und ausgelagerte Billigproduktionsstätten auf Inseln, die wir von Malaysia und Indonesien gepachtet haben.

Das größte Erfolgsgeheimnis scheint doch darin zu liegen, dass ihr Land auf Meritokratie basiert.

Bhaskaran: Wir sind ein junger Staat, Klientelismus, Nepotismus und Patronage können wir uns nicht leisten. Karriere basiert auf Leistung, man muss sie sich verdienen.

Wie nehmen Sie von Südostasien aus den Koloss China wahr?

Bhaskaran: Es besteht kein Zweifel, dass die Chinesen sehr selbstbewusst geworden sind. Sie sehen das schon an der Härte, mit der sie das Südchinesische Meer beanspruchen, obwohl da historisch gesehen gar keine Ansprüche bestehen. Da gab es in den vergangenen drei Jahren immer wieder Zwischenfälle, in diesem Jahr vor allem mit den Philippinen. Das beunruhigt inzwischen sogar Staaten, die keine direkte Meeresgrenze mit China haben, wie Malaysia, Brunei oder Indonesien. Zwischen Indien und China gibt es seit 2007 große Spannungen wegen chinesischer Gebietsansprüche. Auch da geben sich die Chinesen eisenhart. Und die indische Führung ist ziemlich aufgeschreckt. Sie misstraut dem großen China. Auf der anderen Seite wissen alle, dass China ein wirtschaftlicher Riese ist und den will sich niemand zum Feind machen. Was wir fürchten, ist ein machtpolitisches Ungleichgewicht.

Aber da gibt es doch den historischen Gegenspieler Japan …

Bhaskaran: Japan hat stark an Einfluss verloren. Es wird sich wieder fangen, aber auch dann nicht mehr in der Lage sein, einen Gegenpol zum Reich der Mitte zu bilden. Nein, diese Aufgabe muss Amerika übernehmen. Auf längere Sicht würden wir auch einen stärkeren Einfluss Europas wünschen. Im Moment sind es nur die USA. Das ist auch der Grund, weshalb die Philippinen Washington gerade um Stationierung von Truppen gebeten haben. Ich bin sicher, andere Länder unserer Region werden folgen. Still und ohne das an die große Glocke zu hängen, aber sie werden folgen.

Gilt das auch für den Stadtstaat Singapur?

Bhaskaran: Singapur unterhält schon immer gute Beziehungen zu den USA. Wir arbeiten sicherheitspolitisch und strategisch eng zusammen. Das ist auch der Grund, weshalb uns die Chinesen nicht so richtig trauen. Aber wir sind ein winziges Land, weshalb wir uns um gute Beziehungen mit allen Nachbarn bemühen müssen.

Südostasien ist eine sehr dynamische Region mit einer rasanten wirtschaftlichen Entwicklung. In den Schwellenländern tut sich viel. Wer ragt heraus?

Bhaskaran: Eindeutig Indonesien, das viele während der Asienkrise 1998 schon abgeschrieben hatten. Das größte muslimische Land der Erde hat sich von der Welt fast unbemerkt in Richtung Demokratie entwickelt. Die ist zwar noch nicht perfekt, aber einen Rückfall in autokratische Zeiten kann sich heute niemand mehr vorstellen. Es ist – noch – ein Entwicklungsland. Aber gibt viel Entwicklungspotenzial. Ausländische Investitionen erreichen zur Zeit Rekordhöhen. Indonesien verfügt über Rohstoffe, etwa Kupfer. Es gibt Gasvorkommen. Eine große Palmölproduktion. Und es wird zunehmend als Billigproduktionsland entdeckt, das für den Export arbeitet. Wenn erst einmal die Infrastruktur ausgebaut ist, kann das 250 Mio. Volk seine Wachstumsrate leicht von derzeit 6 % auf 8 % oder 9 % im Jahr steigern.

Selbst in Myanmar scheint sich nach Jahrzehnten schlimmster Militärdiktatur etwas zu bewegen.

Bhaskaran: Das Land liegt sozial und wirtschaftlich dermaßen am Boden, dass sich selbst die Generäle gezwungen sahen, etwas zu verändern, wenn sie an der Macht bleiben wollen. Langsam kommt ein Wandel in Gang. Erstes Zeichen ist die Freilassung der Freiheitskämpferin Aung San Suu Kyi, die im politischen Leben eine Rolle spielen wird. Wirtschaftlich war das Land über Jahrzehnte isoliert. Durch eine massive Zuwanderung von Chinesen in die Nordprovinzen geriet es in den letzten Jahren zunehmend in Abhängigkeit von China. Das erhöhte den Druck zur Öffnung. Wenn die Sanktionen erst einmal eingestellt, Wirtschaft und Währung reformiert werden, dann kann sich das Land rasch entwickeln. Wir sehen schon heute, dass sich internationale Investoren für Burma interessieren. Das große landwirtschaftliche und auch touristische Potenzial wartet nur darauf, aktiviert zu werden. Zudem könnten Edelstein- und Gas- wie Erdölvorkommen bald exploriert werden.

Interessant ist auch seine geostrategische Lage. Hochattraktiv vor allem für China, das seine Waren in Richtung Westen bislang nur durch die Seestraße von Malakka, ein Nadelöhr von Ost nach West, verschiffen kann. Hat es erst einmal über den Norden von Burma Zugang zum Indischen Ozean, dann verkürzt sich der Weg nach Westen erheblich. Dann können die Exportgüter über Bahntrassen bis zu den burmesischen Häfen gebracht und dort auf Schiffe verladen werden. Das würde China den lang ersehnten Zugang zum Indischen Ozean verschaffen.

Europas Hightech-Industrie ist auf Rohstoffe und seltene Erden angewiesen, die sich vor allem in China finden. Peking aber drosselt den Export und hält die Preise künstlich hoch.

Bhaskaran: Die Politik Pekings macht nicht nur den Europäern zu schaffen. Auch Japan hat große Sorge vor einer Rohstoffverknappung. Die Handelshemmnisse, die China aufbaut, veranlassen inzwischen allerdings andere südostasiatische Staaten, ihre Vorkommen zu explorieren. Malaysia etwa wird demnächst mit dem Abbau von seltenen Erden beginnen. Hohe Preise sind immer ein Anreiz, auch andere, schwer zu erschließende Quellen zu nutzen.

… und die Preise durch Spekulation noch höher zu treiben?

Bhaskaran: Innerhalb Asiens ist der Rohstoffhandel noch nicht sehr ausgeprägt. Unsere Industrie ist noch nicht so weit entwickelt, als dass sie sehr darauf angewiesen wäre. Daher gibt es bisher auch noch keine derart ausgeprägte Spekulation wie in Amerika oder in Europa. Das wird wohl erst kommen, wenn sich unsere Ökonomien modernisieren.

Ein Beitrag von:

  • Sabine Seeger

Stellenangebote im Bereich Verwaltung

Städtische Werke Energie + Wärme GmbH-Firmenlogo
Städtische Werke Energie + Wärme GmbH Wirtschaftsingenieur Genehmigungsmanagement / Assetmanagement (m/w/d) Kassel
Stadt Geislingen an der Steige-Firmenlogo
Stadt Geislingen an der Steige Bauingenieur / Bachelor of Engineering (m/w/d) Sachgebiet Tiefbau Geislingen
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Assistenz der Standortleitung (m/w/d) Schwieberdingen
Landeshauptstadt München-Firmenlogo
Landeshauptstadt München Ingenieur*in für Strom- und Energiefragen (w/m/d) München
Hays-Firmenlogo
Hays Technischer Redakteur (m/w/d) Hamburg
Die Autobahn GmbH des Bundes-Firmenlogo
Die Autobahn GmbH des Bundes Bauingenieur im Tunnelmanagement (w/m/d) München
Diehl Defence GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Diehl Defence GmbH & Co. KG Mitarbeiter (m/w/d) keine Angabe
BORSIG Membrane Technology GmbH-Firmenlogo
BORSIG Membrane Technology GmbH Kfm. Beschäftigter – Auftragsabwicklung (m/w/d) Gladbeck
Landeshauptstadt München-Firmenlogo
Landeshauptstadt München Geschäftsbereichsleitung Operativer Service (w/m/d) München
Stadt Köln-Firmenlogo
Stadt Köln Sicherheits- und Arbeitsschutzkoordinator*in (m/w/d) in der Stabstelle Sicherheit der Feuerwehr Köln Köln

Alle Verwaltung Jobs

Top 5 Politik

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.