Energiepolitik 03.09.2010, 19:48 Uhr

„Die Energieproduktivität muss bis 2050 massiv nach oben gehen“

Neue Arbeitsplätze, steigende Investitionen, Innovationen, neue Märkte, explodierende Umsätze – deutsche Unternehmen, viele mittelständische, sind als Vorreiter erfolgreich im weltweiten Wettbewerb auf dem Klimaschutzmarkt. Die VDI nachrichten werfen einen Blick auf die Folge einer Laufzeitverlängerung für die Klimaschutzszenarien.

In den letzten Jahren gab es eine große Dynamik, hin zu erneuerbaren Energien und Energieeffizienztechnologien. Der Klimaschutz diktierte die Richtung. Viele Studien bescheinigten Deutschland, auf dem richtigen, einem wettbewerbsfähigen Weg zu sein. „Die am Montag vorgelegte Studie mit den verschiedenen Szenarien für Laufzeitverlängerungen ist in puncto Klimaschutz kein Widerspruch zu dem, was andere Studien sagen“, erklärt Wolfgang Eichhammer gegenüber den VDI nachrichten.

Eichhammer, stellvertretender Leiter des Competence Centers Energiepolitik und Energiesysteme am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe, sieht dabei die Langfristperspektive. Zur Verringerung der Treibhausgasemissionen und des fossilen Energieverbrauchs zeige auch die neue Studie bis 2050 zwei große Beiträge: „Zum einen den Ausbau erneuerbarer Energien, zum anderen die Steigerung der Energieeffizienz.“

Die Energieeffizienz sei der Schlüssel zum Erfolg, teilt auch das Bundesumweltministerium mit: „Eine effiziente Nutzung halbiert den gesamten Energieverbrauch bis 2050“, heißt es dort.

„Die Szenarien für die Laufzeitverlängerung erzeugen hier zwar Variationen, aber das ist auf lange Sicht gesehen für den Klimaschutz ein Nebenkriegsschauplatz“, sagt Eichhammer. Das gelte auch mittelfristig. „Im Grunde genommen ist die Kernenergie ein sehr überschätzter Anteil am Energiesystem“, so der Physiker.

Da ist Eichhammer nicht weit weg vom Energie-Branchenverband BDEW. „Es muss nun um die Beantwortung zahlreicher zentraler Fragen zur künftigen Energieversorgung und nicht um ein einziges Thema gehen. Kernfragen sind vor allem, wie künftig die Integration der erneuerbaren Energien gelingt, wie die notwendigen Netze schneller ausgebaut, neue Speichertechnologien erforscht und die effiziente Kraft-Wärme-Kopplung weiter vorangebracht werden können“, betonte die BDEW-Vorsitzende Hildegard Müller.

Die langfristige Ausrichtung auf den Klimaschutz steckt als Grundannahme auch in der Studie zu den Energieszenarien. Die Effekte einer Laufzeitverlängerung sind laut Eichhammer mittelfristig, er nennt Verzögerungseffekte. Sie würden in der Studie zum Beispiel in der Entwicklung der Energieproduktivität deutlich werden, die approximativ ein Maß für Energieeffizienz darstelle.

„Gleich welches Szenario angesetzt wird – die Energieproduktivität muss im Vergleich zu heute bis 2050 massiv nach oben gehen. Je länger allerdings die Laufzeitverlängerung ist, desto später muss die Anstrengung unternommen werden, die Energieproduktivität zu steigern. Dann allerdings umso massiver, um den gleichen Zielpunkt zu erreichen.“ Ähnliches werde auch für die erneuerbaren Energien in den Szenarien der Energiekonzeptstudie beobachtet, wenn auch in begrenztem Maße.

„Technologien brauchen Zeit, um den Markt zu durchdringen. Da stecken Lernraten dahinter.“ Die Zeitverzögerung, in etwa bis zu fünf Jahren, so der Fraunhofer-Forscher, durch eine Laufzeitverlängerung könnte sich als kritisch für die neuen dynamischen Märkte erweisen.

„Diese fünf Jahre können in den sehr dynamischen weltweiten Märkten für erneuerbare Energien, die sich ja teilweise um 30 % bis 50 % jährlich vergrößern, aber auch zunehmend in den Märkten für Energieeffizienztechnologien entscheidend sein, um bei diesen innovativen Technologien vorne mit dabei sein zu können“, erläutert Eichhammer. Dies sei aber eine wichtige Motivation Deutschlands, diese Technologien zu fördern.

Aber: Das sind Studienergebnisse. Die Frage ist: Wie werden die Ergebnisse in Politik und Öffentlichkeit wahrgenommen? Wenn die Laufzeitverlängerung suggeriert: „Mit der Laufzeitverlängerung erreichen wir den Klimaschutz und wir müssen sonst nichts mehr machen“, dann bestünde eine Gefahr, fürchtet Eichhammer: „Dass die Anstrengungen für den Ausbau erneuerbarer Energien und vor allem zur Steigerung der Energieeffizienz nicht so umgesetzt werden, wie sie auch die jetzt vorgelegten Szenarien unterstellen.“ Dann würden die Klimaschutzziele für 2050 trotz oder gerade durch die Laufzeitverlängerung nicht erreicht.

Als mögliche positive Effekte einer Laufzeitverlängerung sieht Eichhammer gemäß der Szenarien Effekte für die energieintensiven Industrien und im geringen Maße für die Allgemeinheit in Form etwas niedrigerer Strompreise. Doch der Schuss könnte nach hinten losgehen, lassen seine Ausführungen befürchten.

„Selbst wenn die Strompreise durch die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke etwas sinken könnten, heißt das aber auch, dass wir die Einführung erneuerbarer Energien länger und höher fördern müssen, um die gleiche Durchdringung mit erneuerbaren Energien erreichen zu können.“

Als Folge könnte die Frage aufkommen, ob man sich die erneuerbaren Energien noch leisten könne und nicht besser die Förderung kürzen müsse. „Dies kann natürlich zu einer Gefährdung der auf diesem Gebiet entstehenden Industrien führen“, sagt der Fraunhofer-Experte.

Genau diese Industrien führen aber zu einer erheblichen Wertschöpfung, legt eine Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung und des Zentrums für erneuerbare Energien der Universität Freiburg nahe. Sie taxiert allein die regionale Wertschöpfung in Deutschland durch Ökoenergien auf 6,6 Mrd. €. STEPHAN W. EDER

Ein Beitrag von:

  • Stephan W. Eder

    Stephan W. Eder

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Energie, Energierohstoffe, Klimaschutz, CO2-Handel, Drucker und Druckmaschinenbau, Medien, Quantentechnologien

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