Gestzliche Rente 02.11.2012, 19:55 Uhr

Die demografische Katastrophe findet nicht statt

Die gesetzliche Rente könne bei Vollzeitkräften zwar Armut verhindern, aber aufgrund der Bevölkerungsentwicklung nicht mehr den Lebensstandard sichern, sagt der Ökonom Jochen Pimpertz vom IW Köln. Norbert Reuter von Verdi widerspricht: Bei der Rente komme es vor allem auf Lohnniveau und Produktivität an.

Neuer Zündstoff für die Rentendiskussion.

Neuer Zündstoff für die Rentendiskussion.

Foto: Werkfoto

Der Alarmruf Ursula von der Leyens, auch Arbeitnehmer mit mittlerem Einkommen müssten im Alter zum Sozialamt gehen, hat der Rentendiskussion neuen Brennstoff geliefert. Mit der Zuschussrente will die CDU-Politikerin Altersarmut verhindern. Ökonomen beurteilen diesen Plan skeptisch.

Für Jochen Pimpertz, Ökonom am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, ist „die Gesetzliche Rentenversicherung der falsche Ort für Grundsicherung oder gar Armutsprävention“. Der demografische Wandel zwinge dazu, bei der Altersvorsorge auch betriebliche und private Vorsorge einzubinden.

Pimpertz: Gesetzliche Rente reicht nicht mehr zur Sicherheit des Lebensstandards

Bei Vollzeiterwerbstätigen könne die Rente zwar Armut verhindern, ist Pimpertz sicher, eines aber könne sie nicht mehr leisten: die Sicherung des Lebensstandards. „Ein Zurück zu einer gesetzlichen Rente, die wie früher den Lebensstandard sichert, lässt sich nur auf Kosten der nachfolgenden Generationen finanzieren.“

Diese Einschätzung teilt Norbert Reuter, Ökonom bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und Privatdozent an der RWTH Aachen, nicht. Er räumt zwar ein, dass in Deutschland, wie in anderen Industrieländern, der Anteil Älterer an der Gesamtbevölkerung zunimmt, aber das müsse nicht zu einer Absenkung des Rentenniveaus führen.

Ökonomisch gesehen stehe der Belastung durch mehr Ältere auch eine Entlastung gegenüber, weil weniger Junge versorgt werden müssten. Zudem werde auch in Zukunft die Produktivität der Beschäftigten weiter steigen. Wenn dann noch die Arbeitslosigkeit sinke und die Erwerbstätigkeit zunehme, bleibe von der behaupteten demografischen Katastrophe nichts übrig, sagt Reuter.

Höheres Lohnniveau würde auch den Rentenkassen nutzen

Altersarmut ließe sich am besten durch ein höheres Lohnniveau vermeiden, was auch den Rentenkassen nutzen würde, erklärt Reuter. Aufgrund der überragenden preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie könne sich Deutschland dies auch leisten, zumal damit auch die Binnennachfrage gestärkt würde, wovon wiederum die ganze Wirtschaft profitieren würde.

„Wir haben heute und auch in Zukunft kein Knappheitsproblem, sondern ein Verteilungsproblem“, sagt Reuter. Seit Längerem sei der Trend zu beobachten, dass das wachsende Volkseinkommen nicht mehr bei den Beschäftigten ankomme, dafür die Gewinne stark angestiegen seien und die Vermögen sich bei einem kleinen Teil der Gesellschaft konzentrierten.

„Selbst bei einer geringen Wachstumsrate würde das Pro-Kopf-Einkommen nicht sinken.“ Auf der Grundlage der aktuellen Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes, die bis zum Jahr 2060 reichen, hat Reuter berechnet: Bei einem angenommenen Produktivitätsanstieg von nur 1 % pro Kopf und Jahr und selbst bei einem Verharren der Erwerbsbeteiligung auf dem heutigen niedrigen Niveau von nur 75 % der 15- bis 65-Jährigen würde das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von heute 30 000 € kontinuierlich auf 42 000 € im Jahr 2060 steigen. „Damit gibt es auch zukünftig nicht weniger, sondern mehr zu verteilen – trotz des sich verschlechternden Verhältnisses von Alt zu Jung.“ Echte Probleme gäbe es erst dann, wenn der Produktivitätsfortschritt unter 0,5 % pro Jahr rutschen würde. Doch darauf deute derzeit nichts hin.

„Die Riesterrente kann die Abwärtsentwicklung der Renten gar nicht abfangen“

Reuter betrachtet auch die staatliche Förderung privater Altersvorsorge mit Skepsis. „Die Riesterrente kann die Abwärtsentwicklung der Renten gar nicht abfangen, und es wird für die Beschäftigten letztlich teurer, da die Arbeitgeber hier nicht mehr mit im Boot sind.“ Das Kapitaldeckungsverfahren funktioniere nicht, versprochene Renditen erwiesen sich als Makulatur. „Es zeigt sich immer deutlicher, dass die Milliarden, die zur Subventionierung der privaten Rente geflossen sind, besser in der gesetzlichen Rente angelegt worden wären.“

Auch Winfried Schmähl, Ökonom an der Universität Bremen und lange Zeit Sachverständiger für den Bundestag in Fragen der Sozialen Sicherung, plädiert für eine Umkehr in der Rentenpolitik. „Derzeit dominiert in den großen politischen Parteien die Auffassung: ,Was bisher getan wurde, war erfolgreich‘.“ Die Erkenntnis, dass der Abbau des Leistungsniveaus bei der gesetzlichen Rente und der Ersatz durch kapitalmarktabhängige Alterssicherung die Ursache für Altersarmut und nicht deren Vermeidung ist, habe sich noch nicht durchgesetzt.

Mit der Absenkung des Rentenniveaus könnte auch die Akzeptanz der gesetzlichen Rente leiden, fürchtet Reuter. Künftig sei damit zu rechnen, dass immer mehr Renten auf das Niveau der Grundsicherung sinken. Und Grundsicherung wird auch gewährt, ohne dass Beiträge gezahlt worden sind. 

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