Technikakzeptanz 18.03.2011, 19:52 Uhr

„Der verheerende Unfall wird sich in das kollektive Gedächtnis eingraben“

Deutschland ist bei der Prävention atomarer Katastrophen besser aufgestellt als Japan, ist der Stuttgarter Techniksoziologe Ortwin Renn überzeugt. Trotzdem seien neben Politikern auch Wissenschaftler und Ingenieure verstärkt aufgefordert, im öffentlichen Diskurs Fragen zu technologischen Entwicklungen zu begleiten. Denn die Skepsis der Bevölkerung werde, so Ortwin Renn, wachsen: „Es wird in Zukunft noch schwerer werden, Großtechnologien mit erheblichem Gefahrenpotenzial einzusetzen.“

VDI nachrichten: Sind die Katastrophen in Japan ein Rückschlag für alle, die von der Beherrschbarkeit von Risikotechnologien ausgingen? Wird die Technikskepsis in Deutschland steigen?

Renn: Die Kombination von Erdbeben und Tsunami hat die gesamte technische Infrastruktur Japans in eine extreme Belastungsprobe geführt. Für die Kombinationswirkung dieser beiden Naturgewalten waren die Kernkraftwerke nicht ausgelegt. Bei jeder Anlage muss man vorab festlegen, für welche Belastungen man die Anlage und die damit verbundenen Funktionen auslegt. Wenn man dies zu eng festlegt, erhöht man das Risiko. Wenn man das zu weit auslegt, verursacht man unnötige Kosten.

Heute wissen wir, dass diese Auslegungsgrenzen in Japan zu eng definiert wurden. Hier waren die japanischen Behörden wohl der Ansicht, dass ein Erdbeben der Stärke 9 plus einem direkt anknüpfenden Tsunami als so unwahrscheinlich einzustufen sei, dass es als Auslegungsstörfall nicht infrage komme.

Der verheerende Unfall wird sich ähnlich wie Tschernobyl in das kollektive Gedächtnis eingraben. Es wird in Zukunft noch schwerer werden, Großtechnologien mit erheblichem Gefahrenpotenzial einzusetzen. Ich denke, dass etwa die Pläne, den Klimawandel durch Geo-Engineering wie Meeresdüngung oder künstliche Wolkenbildung zu begrenzen, jetzt kaum mehr eine Chance haben werden.

Japan wollte seine Stromversorgung durch Kernenergie erhöhen, die erneuerbaren Energien nicht ausbauen. Ist das vor dem aktuellen Hintergrund nachvollziehbar?

Auch in Japan wird diese Debatte jetzt kommen, sobald die Katastrophe überwunden ist. Man darf aber nicht vergessen, dass die Japaner als rohstoffarmes Land weder Kohle, Gas noch Öl haben, sodass für sie Kernenergie als der beste Ausweg aus der Energiearmut erschien. Windkraft wird nur auf einigen Inseln genutzt, hier gibt es noch großes Ausbaupotenzial. Ob das aber ausreichen wird, den großen Energiehunger der Japaner zu stillen, ist fraglich.

Hat in Japan die Technik versagt oder der Mensch?

Weder noch. Versagt haben diejenigen, die für die Auslegungsrichtlinien Verantwortung tragen. Zudem muss geklärt werden, warum die Dieselgeneratoren für die Notkühlung so nah am Meer aufgestellt wurden, obwohl man in Japan mit Tsunamis rechnen muss. Was genau falsch gelaufen ist, ergeben erst die Analysen nach Ende der Katastrophe.

Japans Kernkraftwerke haben weltweit mit die höchsten Sicherheitsstandards. Dem Betreiber Tepco wurden aber bereits 2007 Nachlässigkeiten nachgesagt, aufgrund derer Radioaktivität aus dem Atomkraftwerk Kashiwazaki entwichen sei. Wer garantiert uns, dass deutsche Betreiber gewissenhafter vorgehen?

In Japan sind Staat und Privatwirtschaft eng miteinander verflochten. Dadurch ist die Kontrollfunktion der Behörden oft wenig durchschlagend. Weltweit hat es sich deshalb bewährt, unabhängige Kontrollinstanzen einzusetzen, um die Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften zu überprüfen. Ein gutes System von Checks und Balances ist die beste Garantie gegen Schlamperei. Ich glaube, dass in dieser Hinsicht Deutschland besser aufgestellt ist als Japan.

Wie bewerten Sie in Deutschland die Verknüpfung von Technik und Politik? Hat die Bundesregierung – wie vielfach behauptet wird – zu einseitig orientierte Berater an ihrer Seite, vor allem aus Reihen der Atomlobby?

Das halte ich für absurd. Deutschland ist eines der wenigen Länder der Welt, das sich zum Ausstieg aus der Kernenergie entschlossen hat. Die Unterschiede zwischen den Parteien in dieser Frage beziehen sich nur auf die Geschwindigkeit des Ausstiegs, also auf die Länge der Brücke. Die Atomlobby hätte gerne neue Kraftwerke gebaut oder alte KKW durch neue Blöcke ersetzt. Schon vor der Katastrophe in Japan haben in Deutschland die Gegner der Kernenergie einen Sieg davongetragen. Das Aus für diese Energieform steht fest.

Bedarf es einer neuen politischen und technischen Bewertung der Kerntechnologie, die davon ausging, Katastrophen seien nur in Schrottreaktoren des einstigen Ostblocks möglich?

Die Bezeichnung „Schrottreaktor“ ist für den ehemaligen Ostblock nicht angemessen. Das Unglück von Tschernobyl war nicht durch das Design des Reaktors ausgelöst worden – die Freisetzung des radioaktiven Materials wurde in seinen Auswirkungen durch die Konstruktionsweise verstärkt –, sondern durch die Hybris der staatlichen Betreiber, den Reaktor durch das Herausfahren der Steuerstäbe in Gang zu setzen. Das war eine eklatante Verletzung aller Sicherheitsvorschriften und hat mehr mit der Psychologie der Macht als mit technischem Versagen oder menschlicher Fehlbedienung zu tun.

Wird die Katastrophe Auswirkungen auf die Landtagswahlen haben?

Ich bin sicher, dass die Wählerinnen und Wähler die Aussagen der Parteien sehr genau beobachten und ihre Schlüsse ziehen. Dabei haben die Gegner der Laufzeitverlängerung jetzt sicher bessere Karten. Wenn aber die jetzt eingeleiteten Maßnahmen der Bundesregierung, Moratorium und Abschaltung der alten Reaktoren, als glaubwürdig eingestuft werden, kann das für viele ein Signal sein, dass auch CDU und FDP aus der Katastrophe gelernt haben.

Die Menschen wollen Antworten auf drängende Fragen haben. Wer ist aufgerufen, diese zu beantworten? Die Politik sicherlich, aber wer noch?

Vor allem auch Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker. Die können zwar wenig zur Verantwortbarkeit der Kernenergie sagen, aber viel zu den Konstruktionsprinzipien der Kraftwerke, zur Sicherheitstechnik und möglichen Auswirkungen von Unfällen. Dazu sollten auch Experten aus dem Bereich Ethik und Recht kommen, denn jede Entscheidung für oder gegen Kernenergie ist immer eine Abwägung unter Unsicherheit und konfligierenden Werten.

Die durch moderne Technologien erhoffte Energieeffizienz wird Ihrer Meinung nach durch den steigenden Energiebedarf und -verbrauch konterkariert. Gehen Firmen und Bürger verantwortungslos mit Energie um?

Es wäre nicht sinnvoll, den Konsumenten den schwarzen Peter zuzuschieben. Es stimmt aber, dass die Effizienzrevolution durch Mehrkonsum überkompensiert wurde. Wir müssen bessere Anreize schaffen, damit die weitere Effizienzverbesserung zu einer Reduktion des Primärenergieverbrauchs beiträgt und nicht zu mehr Konsum verführt.

Geht es bei der Energiegewinnung um das Minimieren von Restrisiken oder ist auch völlig risikolose Energiegewinnung denkbar?

Ein Nullrisiko kann es nicht geben. Ein Nullrisiko gibt es weder bei Kohle, noch bei Biomasse, Wind oder Sonne als Energieträger. Die Art der Risiken sind unterschiedlich: Sie können die Gesundheit, die Umwelt, die Versorgungssicherheit, das soziale Zusammenleben oder die Wirtschaft betreffen. Da keine Alternative risikolos ist, muss zwischen den Optionen abgewogen werden. Das ist bei komplexen Fragestellungen nicht einfach und erfordert zweierlei: ausgeprägtes Systemwissen – mit welchen Folgen muss man rechnen? – und klare ethische Kriterien – (was soll die Gesellschaft im Abgleich der Risiken und Chancen akzeptieren oder tolerieren?. WOLFGANG SCHMITZ

Ein Beitrag von:

  • Wolfgang Schmitz

    Wolfgang Schmitz

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Bildung, Karriere, Management, Gesellschaft

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