Industrie 06.05.2005, 18:38 Uhr

Wo sind die Leitmärkte, die Wachstum schaffen, Herr Krubasik?  

„Wir müssen künftig unseren Wohlstand auf Innovationen aufbauen. Und wenn man Wachstum durch Innovationen will, muss man auch den Wettbewerb der Technologien fördern“, so Edward G. Krubasik, Präsident des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) und Mitglied des Zentralvorstandes von Siemens. Seiner Meinung nach kommt es darauf an, dass der Staat geeignete Rahmenbedingungen für infrastrukturelle Leitmärkte schafft. Fehlen eigene Mittel, sollte der Staat seine Rolle als investitionsfördernder Regulierer wahrnehmen, um Markt und Wettbewerb möglich zu machen. Mehr Wettbewerb auch zwischen den Hochschulen und Forschungskooperationen mit der Wirtschaft sollen zudem dazu führen, dass Mittelständler und Start-ups schnell innovative Produkte auf den Markt bringen können.

VDI nachrichten: Wo sind die Leitmärkte, die Wachstum schaffen, Herr Krubasik?

Krubasik: In einigen Gebieten hat sich Deutschland als Leitmarkt entwickelt, z. B. in der Fertigungs- und Prozess-Automatisierung. Aber unsere Infrastrukturen in Deutschland brauchen Modernisierung, innerhalb derer Innovation und neue Technologien in Wachstum umgesetzt werden können.

VDI nachrichten: Automatisierung wird in Deutschland fast ausschließlich zum Arbeitsplatzabbau eingesetzt, wenn die Unternehmen nicht direkt an billigere Standorte abwandern …

Krubasik: Nur mit Automatisierung sind wir in der Lage, unsere hohen Qualitätsansprüche zu halten und gleichzeitig die Produktivität hier in Deutschland zu steigern. Diese Art von Produktivitätssteigerung ist auch ein Beitrag zur Standortsicherung mit hoch qualifizierten Jobs in den Fertigungen. Zum anderen wurden in der Automatisierungsbranche viele hoch qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen. Ohne Automatisierungstechnik wäre die Abwanderung signifikant höher.

VDI nachrichten: … und die Leitmärkte Informations- und Telekommunikationstechnik sowie der Unterhaltungselektronik?

Krubasik: ¿ Die Mobilfunknetze sind Paradebeispiele dafür, wie wir über Wettbewerb und Innovationen Leitmärkte und Wachstum in Deutschland schaffen.

Die Digitalisierung der TV-Kabelnetze, digitaler terrestrischer Rundfunk- und Fernsehempfang und Satellitentechnik sowie Voice over IP, das Telefonieren über das Internet, sind weitere Beispiele für wachsende Hightech-Märkte, die Investitionen brauchen und auch Verbrauchernachfrage erzeugen. Allein in Deutschland hat sich durch den Umstieg auf das digitale Antennenfernsehen DVB-T der Verkauf von Empfängern von 175 000 Stück im Jahr 2003 auf 1,4 Mio. in 2004 verachtfacht. Ähnlich ist das bei den digitalen Satelliten-Empfängern. Hier stiegen die Verkaufszahlen von 250 000 im Jahr 2000 auf 1,9 Mio. im vergangenen Jahr. Tendenz: steigend.

VDI nachrichten: Klingt danach, als gälten für diese Branche andere Bedingungen?

Krubasik: Hier sind Konsummärkte und Infrastrukturmärkte gekoppelt. Ich denke, da läuft der Einstieg jetzt über populäre Nischen. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und Formel-1-Rennen werden helfen, neue, digitale und sogar HDTV-Fernsehgeräte zu verkaufen. Die just-in-time gestartete „Digitalisierungs-Initiative“ des ZVEI soll Absatz fördernd wirken.

VDI nachrichten: Wo sollte sich der Staat engagieren um neue Märkte zu initiieren?

Krubasik: Zu den wachstumsfördernden Infrastrukturmaßnahmen, bei denen der Staat nicht aus der Rolle des Investors entlassen werden kann, gehören der Verkehr und die Satellitentechnik. Elektronik löst die Staus nicht auf, aber sie verbessert die effiziente Nutzung unserer Infrastrukturen. Die Japaner haben – mit in der Zwischenzeit zehn Jahre alter Technik – vorgemacht, wie Sensoren, Navigationssysteme und Leitzentralen Verkehrströme lenken können. Das seit Jahren in Planung befindliche europäische Satelliten-Ortungssystem Galileo soll für neue Märkte sorgen.

Hoffnungsträger ist auch die Bahn. Ein europäisches Modernisierungsprogramm der Signaltechnik für grenzüberschreitenden Bahnverkehr könnte ebenfalls einen Leitmarkt schaffen.

VDI nachrichten: Stichwort Energie-versorgung: Wie viel Liberalisierung verträgt dieser Bereich?

Krubasik: Derzeit sind da die Weichen nicht so gestellt, dass Investitionen in neue Technologien den Wettbewerb der EVUs bestimmen. Es besteht Nachholbedarf in Kraftwerks- und Netz-Investitionen. Die Liberalisierung muss also die notwendigen Investitionen beschleunigen.

Allein in Deutschland muss bis 2020 rund ein Drittel des Kraftwerkparkes erneuert werden, müssen neue Netzkapazitäten gebaut werden. Deutsche Anlagenbauer hoffen, dass sie mit neuen Kraftwerkstechnologien für die Verstromung von Kohle, dank eines um rund 5 % auf etwa 50 % verbesserten Wirkungsgrades, ebenso wie mit Gas- und Dampfkraftwerken neue Leitmärkte erschließen.

VDI nachrichten: Die Einführung von E-Government sollte für Ihre Mitgliedsunternehmen eigentlich so etwas wie ein Konjunkturprogramm sein. Wie schnell wächst dieser Teilmarkt?

Krubasik: Angesichts leerer Kassen wird die öffentliche Verwaltung keineswegs so schnell, wie von der Industrie gewünscht, E-Government einführen. Wir können den Staat aber nicht aus der Pflicht entlassen, zu investieren oder investieren zu lassen. Wenn die öffentliche Hand aber einige Aufgaben nicht mehr schaffen kann, dann sollten diese an Anbieter aus der Industrie, d. h. an Private abgegeben werden.

Die Rolle des Staates ist einerseits die eines Investors, der Leitmärkte schaffen kann, andererseits kann er Aufgaben privatisieren oder „outsourcen“ und damit Märkte ermöglichen, die dann von Privaten und der Industrie entwickelt werden. Beispiele für private Partnerschaften: Verkehrszentralen oder Verkehrsmanagement, ebenso auch die Modernisierung behördlicher Informationstechnik. Über IT realisierbare Verwaltungsvorgänge müssten nicht unbedingt staatlich betrieben werden.

VDI nachrichten: Der Energiemarkt und die Kommunikationsmärkte sind nicht frei, sondern werden von staatlichen Regulierern beaufsichtigt – notwendige Ordnungsmacht oder hemmendes Übel?

Krubasik: Wir brauchen Regulierer, die lebhafte Märkte und Innovations- und Investitionswettbewerb schaffen. Drei Dinge muss ein guter Regulierer leisten.

– Konditionen schaffen, die Investoren anziehen und Investitionen attraktiver machen,

– einen Wettbewerb ermöglichen, der Innovation fördert, innerhalb dessen ein Kunde Weltklassequalität zu Weltklassekosten bekommt,

– für die professionelle Vergabe öffentlicher Aufträge und Lizenzen sorgen.

Manchmal wäre die professionelle Hilfe vonnöten. Allerdings: Firmen, die Consulting im Engineering-Bereich für die öffentliche Vergabe und den Betrieb von Anlagen und Software durchführen, sind in Deutschland und Europa noch rar.

VDI nachrichten: Wieso gehen Staatliche Aufträge und Mittel so oft an Großunternehmen?

Krubasik: Bei all diesen ehrgeizigen Vorschlägen bleibt der Mittelstand keineswegs draußen vor. Denn, erstens gibt es eine große Zahl von Projekten, die im Rahmen von Outsourcing-Maßnahmen insbesondere der Kommunen durchgeführt werden und eine durchaus mittelständische Größe haben.

VDI nachrichten: Gibt es ein positives Beispiel für mehr Wettbewerb zwischen den Hochschulen und Forschungsinstituten?

Krubasik: Mein Vorschlag: Für jeden Euro, den eine Hochschule oder ein Forschungsinstitut aus Auftragsforschung für die Industrie einnimmt, gibt es aus einem staatlichen Fonds 25 Cent als Bonus hinzu. Der Fonds wird durch Umlenken der bisherigen „institutionellen Förderung“ gespeist.

Das bietet mindestens fünf Vorteile:

– Die neuesten Erkenntnisse finden sofort Eingang in Anwendungsprojekte,

– der Wettbewerb zwischen den Instituten spornt zu Höchstleistungen an und

– Ressourcen werden auf die besten Institute gelenkt,

– die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Hochschulen wird enger und regionale Wachstums-Cluster werden gefördert

– das aufwändige Gutachterwesen zur Beurteilung von Fördermaßnahmen wird reduziert und durch einen Marktmechanismus ersetzt.

Hier kann auch der Mittelstand vom erwünschten Wettbewerb der Hochschulen und Forschungsinstitute profitieren.

VDI nachrichten: In welchen Branchen wären diese neuen Technologien besonders interessant?

Krubasik: Der Wettbewerb der Hochschulen und die marktgetriebene Projektförderung, etwa in den Bereichen Sensorik, Mikrosystemtechnik, neue Materialien, Optoelektronik, IT-Anwendungen und Software, bieten gute Chancen, mit neuen Erkenntnissen Märkte sowie Start-up-Unternehmen zu schaffen. Aber auch Zukunftstechnologien für unsere Infrastrukturen können so zur Anwendungsreife gebracht werden.

VDI nachrichten: Brauchen wir die neuen Ingenieurtitel Bachelor und Master?

Krubasik: Unsere Industrie begrüßt die neuen Bachelor und Master Studiengänge. Wir helfen mit, die Qualität der neuen Ausbildungsgänge zu sichern, die sich dann im europäischen Wettbewerb der Hochschulen bewähren müssen. Die an den Hochschulen heranwachsenden zukünftigen Bachelor und Master sind dann – dank neuer Studienordnungen – auch durch interessante Fächerkombinationen, wie z.B. Ingenieurstudium und Managementausbildung, so noch interessanter für die Industrie. R. SCHULZE

Edward G. Krubasik

gehört seit 1997 dem Zentralvorstand der Siemens AG an. Der gebürtige Wiener studierte zunächst in Erlangen und Karlsruhe Physik und absolvierte das European Institute for Business Administration in Fontainebleau. Nach seiner akademischen Lehrtätigkeit, u.a. in Stanford, Kalifornien, arbeitete er über 20 Jahre bei McKinsey, zuletzt als Direktor für Innovations- und Technologiemanagement. Im Zentralvorstand von Siemens war er zunächst zuständig für das Arbeitsgebiet Industrie und Transport sowie für Forschung und Entwicklung. Heute betreut er den Bereich Siemens VDO Automotive AG und die EU-Beziehungen. Krubasik ist Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Präsident des ZVEI – Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie in Deutschland – sowie ab 1. September Präsident des europäischen Dachverbandes Orgalime. rus

Von R. Schulze

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