Außenwirtschaft 29.04.2005, 18:38 Uhr

„Wer sich nicht aufs Land einstellt, läuft gegen die Wand“  

Seit einem Jahr ist Polen in der EU. Im Mai wollen die Präsidenten Horst Köhler und Alexander Kwasniewski ein deutsch-polnisches Jahr ausrufen. Doch bis zu vielen Mittelständlern und Ingenieurbüros drangen die neuen Chancen bislang nicht vor. Eine Geschichte über Unternehmer als Grenzgänger.

Seit wir in der EU sind, behandeln uns viele deutsche Unternehmer zumindest nicht mehr wie die Dritte Welt“, meint Piotr Siemann etwas bissig. Der stämmige Innenarchitekt, der in Stettin (Sczcecin) eine Einrichtungsfirma führt, stattete schon Dentalkliniken in Düsseldorf, Bürokomplexe auf Rügen, Hotels, Praxen und Postämter aus. Dass er fließend deutsch spricht, hilft ihm fraglos, mehr aber wohl die hohe Flexibilität seiner Leute – und nicht zuletzt deren Lohnniveau. „Wir sind 30 % unter den deutschen Preisen“, überschlägt Siemann.

Indes, ist ein Geschäft anzubahnen, geht es ihm wie allen Polen, die schon mit deutschen Firmenchefs zu tun hatten: Beide Mentalitäten scheinen Welten zu trennen. „Der Deutsche erwartet sofort vollkommene Professionalität – von der Angebotserstellung bis zur Garantieleistung“, sinniert er. Zudem sei Deutschland „erfüllt von Normen bis zum vorgeschriebenen Einstrahlwinkel unserer Lichtquellen.“

Malgorzata Stopa kennt derlei aus dem täglichen Geschäft. Sie arbeitet im Stettiner „Haus der Wirtschaft“, einer umtriebigen Kooperationsbörse der IHK Neubrandenburg sowie polnischer Kammern. Hier berät sie Grenzgänger aus beiden Ländern. Zu ihren deutschen Kunden fällt ihr als erstes ein: „Ihr Hauptproblem ist ihre Förmlichkeit, sie sind zu steif.“ Der Pole sei spontaner, entschlussfreudiger. Da laufe mehr per Wort und Handschlag, wo der Deutsche ein „förmliches Schriftstück braucht, um es sich dann doch lieber noch mal zu überlegen“.

Eine Erfahrung, der Holger Milde aus dem sächsischen Löbau noch eins draufpackt: „Unter Polen gilt noch das gesprochene Wort.“ Da werde Ehre groß geschrieben, weshalb auch das finanzielle Investitionsrisiko nicht annähernd so groß sei, wie man hierzulande gern tue. Der 39-jährige Spezialist für Brücken- und Wasserbau mit Ukraine-Erfahrung wartet schon „seit Jahren darauf, dass es mit Polen richtig losgeht“. Gerade für Ingenieure, Architekten und andere Experten in „sensiblen technischen Bereichen“ liege die Arbeit buchstäblich auf der Straße.

Drum lernt er mit 39 Jahren noch Polnisch und absolviert ein vorbereitendes Coaching. Angst, dass ihm andere deutsche Mittelständler zuvorkommen, hat er nicht. „Ringsum nur blanke Ignoranz“, meint Milde.

Dabei ist die Zahl deutscher Firmen in Polen nicht gering. Allein in Westpommern sind es über 400. Wenn Torsten Haasch, Geschäftsführer der IHK Neubrandenburg, von „unserem Wirtschaftsraum“ spricht, bezieht das die Region um Stettin längst mit ein. Polens EU-Beitritt habe halt viele Hürden so gesenkt, dass „der pommersche Raum wieder als historische Wirtschaftsregion“ zusammen wachse“, hofft Haasch. Und Siemann frohlockt: „Sczcecin ist als einzige polnische Stadt an das deutsche Autobahnnetz angeschlossen.“

„Die Piste bringt nun die zweite Generation deutscher Investoren über die Oder und damit neue Aufträge und neues Geld“, registriert Frank Schäfer. Der Mai 2004 habe schon einen neuen Urknall bedeutet. Der Immobilienexperte aus Göttingen ist Generalbevollmächtigter einiger deutscher Firmen für Westpommern, sein Metier sind Shoppingmeilen, Kurkliniken, Behördenzentren. „Wer sich nicht auf die Leute einstellt, nicht ihre Sprache beherrscht, läuft gegen die Wand. Er findet keine Partner, stöhnt nur über zu viel Bürokratie“, warnt Schäfer.

Mit dem richtigen Partner lasse sich aber „an einem Tag ein Problem lösen, an dem andere zwei Jahre verzweifeln“. Selbstredend spricht Schäfer polnisch.

„Alle strömen nach Polen, wollen hier schnell Geschäfte machen und erwarten, dass die Leute Deutsch reden“, spöttelt etwa Michael Krüger. Der Berliner Busunternehmer, der schon vor Jahren seinen Firmensitz nach Stettin verlegte, beschäftigt 18 Leute, alles Polen. „Glauben Sie, da rechnen Sie schon nach kurzer Zeit in polnisch“, flachst er.

Dennoch erlebt IHK-Mann Haasch gerade unter Mittelständlern „riesige Illusionen“. Da suche man Partner, die „fließend Deutsch sprechen, ein Diplom als Betriebswirt haben, Top-EDV-Kenntnisse noch dazu, aber nicht mehr als 1000 € im Monat kosten“. Hier schwinge viel Überheblichkeit mit, viel Unkenntnis und gerade auch bei kleineren Firmen der „naive Irrglaube, wirtschaftliche Probleme daheim durch eine Produktionsverlagerung kompensieren zu können“.

In der Gegenrichtung ist es ähnlich: Waldemar Kosciukiewicz, Ingenieur für Versorgungstechnik, berät in Zgorzelec polnische Kleinunternehmer, die den deutschen Markt anpeilen. Und regelmäßig müsse er den Kopf schütteln, in welcher Glücksrittermanier diese loszögen: „unerfahren, schlecht ausgebildet, ohne Kenntnis von Gesetzen und Gepflogenheiten.“

Dennoch wehrt er sich ebenso wie Malgorzata Stopa gegen ein „deutsches Einbahnstraßendenken“. Polen wolle halt auch Nutzen daraus ziehen, wenn andere in ihrem Lande Geld verdienen.

Selbst auf technischem Gebiet seien die Nachbarn längst nicht mehr nur Nehmer, registriert Energieingenieur Dr. Ulrich Pöthkow aus Greifswald. Auch er hat sich schon sehr zeitig mit Polen beschäftigt, hofft hier bald Fuß zu fassen – um zu lernen. Denn sein Metier sind Bioenergien. „Und hier sind die Polen schlicht weiter“, weiß er.

HARALD LACHMANN

Von Harald Lachmann

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