27.11.1998, 17:20 Uhr

Welcher Zukunft geht Deutschland entgegen?

Die Einführung des Euro, EU-Erweiterung und die asiatische Finanzkrise bilden die wichtigsten Parameter für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, wie Hans-J. Barth im Folgenden ausführt.

Je weiter die europäische Integration voranschreitet und je offener die Märkte weltweit werden, desto mehr wird Deutschland zu einer Region in Europa und der Welt. Auf der einen Seite nimmt damit der Wettbewerbsdruck zu, auf der anderen Seite vergrößern sich die Absatzpotentiale, die sich den Unternehmen jenseits der nationalen Grenzen bieten. Gleichzeitig wächst ihr Freiheitsgrad bei der Wahl der Investitions- und Produktionsstandorte. Wie Deutschland in zwanzig Jahren dastehen wird, ist deshalb nicht nur von der Lösung der anstehenden Reformen im Inneren abhängig, sondern auch davon, wie Politik und Wirtschaft mit den Herausforderungen, aber auch mit den Chancen umgehen, die sich aus den Entwicklungen im internationalen Umfeld ergeben.
In Europa werden sich die vom Binnenmarktprogramm und von der EU-Erweiterung im Verlauf der 90er Jahre ausgelösten Veränderungen durch die Weiterentwicklung zur Wirtschafts- und Währungsunion noch akzentuieren. Zu den Auswirkungen, die der Abbau von Marktzugangsbeschränkungen durch Deregulierung, die Einführung EU-weiter Ausschreibungsverfahren bei öffentlichen Aufträgen und die Harmonisierung rechtlicher wie technischer Vorschriften hat, kommen die des Übergangs zu einer einheitlichen Währung – dem Euro – hinzu.
Für die Unternehmen sind zum einen Kostensenkungen die Folge: Umtausch- und Kurssicherungskosten entfallen, die größere Effizienz der Finanzmärkte fördert niedrigere Zinsen, und die höhere Markttransparenz setzt Lohnsteigerungen, die vom Produktivitätsanstieg nicht gedeckt sind, enge Grenzen. Zum anderen nimmt der Druck auf die Preise zu. In den Gewinnmargen schlagen sich somit gegenläufige Effekte nieder. Ob im Einzelfall die positiven oder die negativen Auswirkungen überwiegen, hängt vom jeweiligen Anpassungsbedarf und von der Anpassungsfähigkeit der Unternehmen ab. Selbst dort, wo die unmittelbaren Auswirkungen der Währungsunion gering sind, kann es zu nicht unerheblichen indirekten Wirkungen kommen. Nicht nur in vielen Industriezweigen, sondern auch im Dienstleistungssektor wird die Tendenz zur Unternehmenskonzentration weiter zunehmen. Für die Zulieferer bedeutet das, daß sie sich auf eine wachsende Nachfragermacht ihrer Abnehmer einstellen müssen. Je mehr sich Großunternehmen dabei auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, desto größere Chancen bieten sich kleinen und mittleren Unternehmen, eine Nischenstrategie dagegenzusetzen, vor allem dann, wenn sie auf innovatorisch wichtigen Feldern tätig sind.
Auch für den Handlungsbedarf und die Handlungsspielräume der Politik ergeben sich weitreichende Konsequenzen. Mit der Einführung der Währungsunion geht die Kompetenz in der Geld- und Wechselkurspolitik von der nationalen Ebene auf die europäische Ebene über. Bei der Bedeutung, die der Solidität der öffentlichen Haushalte für die Stabilität des Euro zukommt, wird das auch in der Finanzpolitik, die formal in nationaler Zuständigkeit bleibt, die Autonomie einschränken. Die Politik in Deutschland muß sich darauf einstellen, daß das Steuersystem EU-weit zunehmend im Wettbewerb um Arbeitsplätze genutzt wird. Die Osterweiterung der Gemeinschaft wird zudem deren Finanzbedarf und damit die deutschen Beiträge steigen lassen, während die Rückflüsse aus Brüssel abnehmen. Auch eher links orientierte Regierungen, in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern, werden sich deshalb nach der Decke strecken müssen. Wo die Entscheidungen auf europäischer Ebene fallen, liegt es im ureigenen Interesse Deutschlands, sich für eine stabilitätsorientierte Geldpolitik und für eine liberale Handelspolitik stark zu machen.
Trotz des neuen Welthandelsabkommens, das 1994 nach jahrelangen Verhandlungen erzielt werden konnte, ist die Gefahr eines handelspolitischen Wettrüstens noch nicht aus der Welt. So ist die Liberalisierung der Landwirtschaft und der Textilindustrie zwar in Gang gekommen, doch bleiben weitere Schritte notwendig; im Dienstleistungsverkehr sind Nichtdiskriminierung und Freiheit des Marktzugangs zudem noch längst nicht in allen Sektoren und Ländern garantiert. Viele Entwicklungsländer bemängeln ebenso wie die osteuropäischen Reformstaaten außerdem die langen Übergangsfristen beim Abbau mengenmäßiger Handelsbeschränkungen, die ihre Exportwaren besonders treffen. Nicht zu übersehen ist ferner, daß die Gegensätze zwischen Protektionisten und Freihändlern in der Europäischen Union nur durch weitreichende Zugeständnisse bei innergemeinschaftlichen Ausgleichsmaßnahmen überbrückt werden konnten.
Hinzu kommt, daß die Finanzkrise in Asien Schatten auf die weltwirtschaftliche Entwicklung wirft. Die sozialen Spannungen, die sich aus den notwendigen Restriktionsmaßnahmen in den betroffenen Ländern ergeben, könnten leicht den Nährboden für protektionistische Bestrebungen bilden, und diese könnten Kreise ziehen, wenn sich Konkurrenzländer wie China oder auch Japan, das sich ohnehin schwer tut seine Strukturkrise zu überwinden, in einen Abwertungswettlauf gezogen sähen, um ihre eigene preisliche Wettbewerbsfähigkeit zu behaupten. Die Folgen für die Weltwirtschaft wären gravierender, als es die temporären Absatzeinbußen sind, die aus der gegenwärtigen Wachstumsdelle in den asiatischen Schwellenländern resultieren.
Um so wichtiger ist, daß die Europäische Union einer Blockbildung im internationalen Handel nicht Vorschub leistet. Von der monetären Seite her sind die Voraussetzungen für eine Überwindung der Asienkrise und ihrer Folgewirkungen für Länder, die, wie Rußland oder auch Brasilien, die gestiegene Vorsicht internationaler Kapitalanleger spüren, keineswegs schlecht. Allenthalben sind die Inflationsrisiken heute kleiner als früher. Das macht es den Notenbanken überall leichter, die Zinsen niedrig zu halten. Es besteht kein Anlaß, das Schreckgespenst einer weltweiten Deflation an die Wand zu malen. Marktsättigung wird auch in Zukunft nicht das Problem sein, in den Industrieländern nicht, und in den Entwicklungsländern wie in den Reformländern im Osten erst recht nicht.
Insoweit bestehen gute Aussichten, daß sich das weltweite Wirtschaftswachstum wieder den Raten nähert, die es von Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre erreichte. Das heißt, im Trend der nächsten beiden Jahrzehnte könnte es bei rund 3 % jährlich liegen. In den Industrieländern dürfte es sich auf 2 % bis 2,5 % belaufen.
Spitzenreiter in der Triade werden aller Voraussicht nach die USA bleiben. Das Wachstumsgefälle zu Westeuropa und Japan dürfte zwar kleiner werden; ganz ausgleichen wird es sich aber wohl nicht, solange es den Europäern schwerfällt, die Erweiterung der EU mit deren Vertiefung in Einklang zu bringen, und solange Japan mit den notwendigen Reformen nur zögernd vorankommt.
Niemand in Deutschland kann erwarten, daß sich der internationale Wettbewerb danach richtet, wie wir es gerne hätten. Was Hersteller anderswo in gleicher Qualität zu deutlich niedrigeren Kosten liefern können, werden deutsche Produzenten entweder an günstigere Standorte im Ausland verlagern oder aus ihrem Angebot streichen müssen. Um so dringlicher ist es, neue Märkte für wegfallende alte zu erschließen und die Produktpalette noch konsequenter als bisher auf Erzeugnisse auszurichten, in denen viel Wissen und Können steckt. Forschung und Entwicklung, insbesondere aber die Fähigkeit, deren Ergebnisse möglichst rasch in Produkt- und Verfahrensinnovationen umzusetzen, gewinnen daher weiter an Bedeutung. Das gleiche gilt für die Fähigkeit, das Angebot durch intelligente Verknüpfung von Industrieprodukten und Dienstleistungen aufzuwerten, angefangen von der kundenspezifischen Entwicklung der Hard- und Software über Finanzierung, Marketing und Logistik bis hin zu Wartung, Schulung und Beratung. Kurz: internationale Wettbewerbsfähigkeit muß in der Fähigkeit zum Ausdruck kommen, ein Güterangebot auf den Markt zu bringen, für das sich Preise erzielen lassen, die den Kosten am Produktionsstandort Deutschland entsprechen.
Nicht um defensive Strategien, sondern um offensive Strategien geht es. Kommt es in der Wirtschaft und in der Politik dazu, müssen Wachstumsraten von 2 %, wie sie der neue Deutschland-Report der Prognos AG für den Zeitraum bis 2020 im jährlichen Mittel ausweist, nicht das letzte Wort sein.
HANS-J. BARTH

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