Der Osten lockt 24.05.2002, 17:34 Uhr

Über die Oder und weiter – großer Markt im Osten lockt

38,6 Mio. Einwohner zählt Polen, mehr als die übrigen neun EU-Beitrittskandidaten zusammen. Ein großer Markt also, und ein gut entwickelter dazu. Neben den noch niedrigen Lohnkosten ist das der Hauptgrund für viele deutsche Unternehmen, jenseits der Oder zu investieren.

Korruption?“ – Jan Stapelmann schüttelt den Kopf. „Man bringt dem Einkäufer halt eine Flasche mit. Aber Korruption, die findet man in Deutschland wohl häufiger als in Polen.“ Der Geschäftsführer der Staco GmbH, Hersteller von Gitterrosten in Hückelhoven, sollte es wissen. So lange wie er sind nur wenige Deutsche im Nachbarland unternehmerisch aktiv. Schon 1984 suchte der damals 27-Jährige einen Weg in den Osten – gegen einigen Widerstand im väterlichen Betrieb, der dem Abenteuer Ostblock skeptisch gegenüberstand.
Doch der Unternehmersohn setzte sich durch. „Die Tür geöffnet hat mir der Leiter der Materialwirtschaft bei Babcock, den ich gut kannte, und mit dem ich die Frühjahrsmesse in Leipzig besuchte“, erinnert sich Stapelmann. Aus dem Messekontakt mit einer polnischen Außenhandelsfirma entstand eine Lohnfertigung. Nach Jahren im staatlich verwalteten Mangel der Planwirtschaft gründeten die Partner 1989 mit einer Eisenhütte das Jointventure HMS, 1991 kaufte Stapelmann die Anteile seiner Mitgesellschafter.
Inzwischen wurde ein ganz neues Werk in der Nähe von Krakau gebaut, mit Unterstützung durch die Deutsche Entwicklungsgesellschaft (DEG) und die IKB, Deutsche Industriebank. „Polen ist unser wichtigster Standort“, erklärt Jan Stapelmann. Die Werke in Deutschland, Belgien und Holland laufen ordentlich, aber „wir stehen hier unter großem Wettbewerbsdruck“. 100 seiner insgesamt 300 Mitarbeiter beschäftigt der Konzern in Polen. Durchweg lokale Kräfte, denen der deutsche Unternehmer hohe Motivation bescheinigt. „Das liegt zum Teil sicher auch daran, dass wir etwas mehr bezahlen als die staatlichen Betriebe.“
Zwei Drittel der Produktion gehen ins westeuropäische Ausland. „Das sind überwiegend Halbfertigteile. In Deutschland haben wir uns mehr auf Maßanfertigungen und Dienstleistungen verlegt“, so der Geschäftsführer. Dem EU-Beitritt Polens blickt Stapelmann gelassen entgegen: „Die Produktion wird sicherlich teurer, dafür wird aber auch die Inlandsnachfrage zunehmen.“ Vielleicht geht es dann weiter Richtung Osten; die Ukraine und Russland reizen den Unternehmer.
Als Brückenkopf nach Osteuropa sieht auch die IBS AG ihr Engagement in Polen. Das börsennotierte Unternehmen aus der Nähe von Koblenz zählt sich zu den führenden europäischen Anbietern von Produktions- und Qualitätsmanagement-Systemen. Seit kurzem kooperieren die Deutschen mit dem Systemintegrator Winuel SA, Breslau. „Uns interessiert vor allem der Markt. Die Automation in der polnischen Industrie nimmt zu, und wir finden hier viele international tätige Konzerne“, erklärt Dirk Stelzner, International Partnership Manager bei IBS.
Auch dieser Kontakt kam über eine Messe zustande. „Die IHK-Veranstaltungen waren meist zu unspezifisch für unseren Nischenmarkt“, meint Stelzner. Die nötige Marktkenntnis verschaffte sich IBS zunächst über die polnischen Industrieverbände. Den Kooperationspartner suchte Stelzner dann ganz gezielt auf der CeBIT 2000 in Hannover. „Uns kommt es darauf an, dass unsere Partner über ein gutes Vertriebsnetz und Verständnis für die Probleme des verarbeitenden Gewerbes verfügen.“ Natürlich spiele aber auch der „Nasen-Faktor“ eine große Rolle: „Der persönliche Kontakt ist sehr wichtig“, so Stelzner.
Noch umfasst die Kooperation nur Beratung, Vertrieb und Support. Dafür stellte das polnische Unternehmen einen neuen Mitarbeiter ein, der regelmäßig geschult wird. „Wenn die Partnerschaft gut läuft, kann auch mehr draus werden“, sagt der IBS-Manager.
Wie in vielen anderen Fällen, die Piotr Napolski, Prokurist und Osteuropa-Experte der WGZ-Bank, begleitet hat. „Investoren finden in Polen vor allem sehr gut ausgebildete technische Kräfte“, weiß der Banker. Das Lohnniveau sei vor allem in ländlichen Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit noch recht niedrig. Probleme bereite dagegen häufig die Bürokratie: „Bis zum Eintrag ins Handelsregister vergehen oft sechs Monate.“ Aber mit lokalen Beratern seien die Hürden zu meistern.
Ein größeres Risiko sieht Napolski in der schlechten Zahlungsmoral im Lande: „Und auf einen vollstreckbaren Titel müssen Sie manchmal Jahre warten.“ Sein Tipp: „Lieber auf Nummer Sicher gehen, als Umsatz um jeden Preis.“ Besondere Vorsicht empfiehlt er bei Geschäften mit Staatsbetrieben: „Da haben ausbleibende Zahlungen schon manchem Unternehmer das Genick gebrochen.“ MARTIN VOLMER

Beitrittskandidat: Polen
Probleme mit der Kuh-Wirtschaft
Das größte Beitrittsland – die größten Probleme. Polen übt heftige Kritik an einigen Positionen der Union, die laufenden Gespräche über die Agrarpolitik gelten als die schwierigsten in Brüssel. Die Polen ärgert insbesondere die Vorstellung der EU-Kommission, die neuen Mitglieder erst 2013 in den vollen Genuss von Direktzahlungen kommen zu lassen.
Ein Hauptteil der EU-Zahlungen soll in die Entwicklung von ländlichen Gebieten gehen, die – besonders in Zentral- und Ostpolen – von kleinen Höfen und der „Ein-Kuh-Wirtschaft“ geprägt sind. Dennoch: Neben Landwirtschaft und Industrie nimmt der Anteil der Dienstleistungsbranche am Bruttoinlandprodukt (BIP) zu.
Die EU-Kommission ist noch in zahlreichen Bereichen unzufrieden mit dem 38-Mio.-Einwohnerland. Im jüngsten Fortschrittsbericht beklagt die Kommission etwa, dass Investoren aus Ländern der EU in Polen noch immer auf Schwierigkeiten stoßen. Polens Außenhandel ist chronisch defizitär, was auf die hohe Importabhängigkeit der polnischen Industrie und die hohe Nachfrage nach Konsumgütern zurückzuführen ist. Dazu kommt ein hohes Haushaltsdefizit und eine Arbeitslosenquote von fast 17 %.
Insgesamt muss Polen bei den Beitrittsverhandlungen noch aufholen. Warschau hat zwar mittlerweile zwei Drittel der 31 Verhandlungskapitel mit der EU abgeschlossen, liegt damit aber hinter den meisten anderen Kandidaten. Immerhin konnte ein großes Hindernis inzwischen aus dem Weg geräumt werden: der Streit um die Freizügigkeit der Arbeitnehmer. Die Polen akzeptierten eine Auflage, nach der die freie Arbeitsplatzwahl mindestens zwei Jahre nach Aufnahme in die EU beschränkt bleibt. KATJA WILKE Die Wirtschaft Polens
Bedeutung f. dt. Außenhandel Rang 13
Wirtschaftswachstum 2002* 1,8 %
Arbeitslosenquote Ende 2001 16,9 %
Inflationsrate 2001 5,5 %
Durchschnittslohn/Monat (Industrie) ca. 560 !
Deutsche Einfuhren 2001 13,5 Mrd. !
Deutsche Ausfuhren 15,2 Mrd. !
Haupteinfuhrgüter Maschinen Kfz Elektro
Hauptausfuhrgüter Kfz Holz Bekleidung*Prognose Deutsche Bank Research
Quelle: Bundesagentur f. Außenwirtschaft (bfai)

 

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