Konjunktur 04.05.2001, 17:29 Uhr

„Springen Sie nicht zur Hauptverkehrszeit“

Obdachlose bevölkern Tokios Nobelviertel, im Bahnhof hängen Hinweisschilder für Selbstmörder – in Japans Hauptstadt zeigt die Rezession ihr hässliches Gesicht.

Im Land der aufgehenden Sonne ist die Stimmung gedrückt. Schon seit zehn Jahren wird Japan von stagnierender Wirtschaft und Reformstau gebeutelt. Ein Aufschwung zeichnet sich nicht ab. Stattdessen taumelt die zweitgrößte Industrienation der Welt von einer Krise in die andere. Deflation, Firmenpleiten und wachsende Schuldenberge plagen das fernöstliche Land. Immer mehr Menschen sehen den einzigen Ausweg im Selbstmord.
Für die Japaner gehört die wirtschaftliche Verlangsamung inzwischen zum Alltag. Auf den ersten Blick wirkt das Land alles andere als rezessionsgeplagt: Selten kauften Japaner so viele BMWs, Daimler-Autos oder Jaguars. Hochhäuser wachsen in den Himmel und internationale Luxusmarken wie Max Mara, Gucci oder Prada expandieren wie nie zuvor.
Der Schein trügt: Die Aktienkurse sind seit 1990 auf ein Drittel ihres Wertes gefallen. Zum Ende des Geschäftsjahres 2000 hat der Nikkei-Index der Tokioter Börse um 7300 Punkte – das sind 36 % unter dem Vorjahresstand – geschlossen. Eine Pleitewelle zerstörte mehr als 19000 Firmen – ein Konkurs-Rekord, so schätzt das Wirtschaftsforschungsinstituts Teikoku Databank.
Gleichzeitig hat sich die Arbeitslosenrate mehr als verdoppelt. Und nach Ansicht des Asien-Chefs der amerikanischen Investment Bank Goldman Sachs Kenneth Courtis ist das erst der Anfang. „Japan befindet sich in einer tragischen Situation. Die Bankenkrise flammt erneut auf, der Versicherungssektor steht vor dem Kollaps, die Deflation lähmt die Wirtschaft und der Staat droht unter seinem enormen Schuldenberg zu ersticken.“
Die Zahl der Obdachlosen hat drastisch zugenommen. In Zeiten der Hochkonjunktur waren sie nur in wenigen berüchtigten Stadtvierteln zu finden. Nun gehören sie auch in noblen Innenstadtregionen – beispielsweise im Tokioter Akasaka-Viertel – zum Stadtbild. Sie nächtigen in den langen, blitzsauberen unterirdischen Zugängen der Untergrundbahn in Kartons oder verbringen dort den Tag. Die meisten von ihnen sind Menschen im Alter von dreißig oder vierzig Jahren, die völlig unerwartet ihre Stellung verloren haben. Japan kann hart sein. In Notzeiten kommen Frauen und Kinder unter: Sie werden von den Familien aufgenommen. Nicht aber der Mann: er gleitet in ein Obdachlosen-Dasein ab.
Die schwelende Krise lastet auf den Menschen. Auf der Straße wirken die Japaner stets adrett. Wer näher hinsieht, bemerkt die Sorge in vielen Gesichtern. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes schlägt immer mehr in unkontrollierbare Stresshandlungen um, beobachtet Mitsuru Hisata, Psychiater an einer Tokioter Universitätsklinik. Jeden fünften Selbstmord führt die japanische Polizei auf finanzielle Schulden oder den verlorenen Arbeitsplatz zurück. Verzweifelte Familienväter nehmen nach der Entlassung Frau und Kinder mit in den Tod.
Japan ist bekannt für sein System der lebenslangen Anstellung. Seitdem die Arbeitslosigkeit wächst, ist Selbstmord zu einem sozialen Problem geworden. Laut jüngsten Statistiken begingen 1999 mehr als 300.000 Japaner Selbstmord – fast ausschließlich Männer im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. U- und S-Bahnstationen im Großraum Tokio haben inzwischen Spiegel an den Gleisen installiert – potenzielle Selbstmörder sollen so in letzter Minute vor dem tödlichen Schritt bewahrt werden.
In Tokio zählt die Polizei jeden Tag mindestens einen Selbstmord. Der stark frequentierte Tokioter Bahnhof Shinjuku musste vor kurzem ein Warnschild mit der Aufschrift: „Bitte springen Sie nicht in der Hauptverkehrszeit“ angesichts der massiven Proteste entfernen. Die Polizei nennt sie „Springer“ – im Gegensatz zu den „Schwingern“, die das Seil wählen. „Die Selbstmordrate steigt nicht zuletzt deshalb, weil die Firmen in der Rezession Wege finden müssen, um Angestellte zu entlassen. Damit baut sich enormer Streß auf,“ erläutert der japanische Anwalt Kazunori Tamaki, der sich mit diesen Fragen beschäftigt.
Karoshi – der Tod durch Überarbeitung – fordert in Japan offiziell jedes Jahr 10 000 Menschenleben, die Dunkelziffer liegt bei 50 000. „Wir Japaner arbeiten zu hart,“ ist es immer wieder von Japanern zu hören. Obwohl Japaner mit 1879 Stunden im Jahr durchschnittlich weniger als früher arbeiten, machen sich gesundheitliche Probleme breit. Einer von sieben Japanern leidet unter Depressionen, berichtet eine führende Tokioter Klinik.
Mit den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen wächst der Druck am Arbeitsplatz. Anwälte berichten von Angestellten, die von ihrem Chef dazu gezwungen werden, in einem Raum alleine zu sitzen und dabei keinerlei Arbeit auf den Schreibtisch bekommen. Dieses gibt es inzwischen so häufig, dass man die zur Untägigkeit Verdammten im japanischen Volksmund „Fensterhocker“ nennt. Andere müssen sich böse Bemerkungen von Kollegen gefallen lassen – bis sie ihren Tisch endlich räumen.
Mehr und mehr japanische Manager suchen Rat bei Psychologen, um mit dieser neuen Art von Stress fertig zu werden. Viele Unternehmen richten dafür eigene Beratungsabteilungen ein. Die Älteren werden von den unvermeidlichen Veränderungen im Beruf besonders hart getroffen. „Bisher haben wir alle glücklich im Team gearbeitet. Keiner wollte herausstechen. Inzwischen wächst die Kluft zwischen den Gehältern und damit tun wir uns sehr schwer,“ klagt Reiko Iwasaki, Leiter der Toppan Human Resource Division. BARBARA ODRICH

Von Barbara Odrich

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