Interview zur Euro-Finanzkrise 22.06.2012, 11:00 Uhr

„Ohne etwas Keynes kommt man nicht aus“

Nach den Wahlen am vergangenen Sonntag gibt es in Griechenland eine proeuropäische Regierung. In Spanien hingegen spitzt sich die wirtschaftliche Lage zu. Zur Zukunft des Euro Fragen an Reinhard Schmidt, Finanzprofessor an der Uni Frankfurt.

VDI NACHRICHTEN: Herr Professor Schmidt, nach der Wahl in Griechenland ging zunächst ein Aufatmen durch Euroland – aber hat sich eigentlich Grundlegendes geändert?

Schmidt: Nein. Griechenland hat eine Verwaltung, die den Namen nicht verdient, die Art der Steuererhebung ist abenteuerlich und die Außenwirtschaftsposition des Landes ist äußerst schwach. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich dies schnell ändern lässt.

Zudem ist das Preisniveau – gemessen an den Leistungen, die das Land erbringt – viel zu hoch. Überdies hat Griechenland enorme Schulden. Auch wenn diese Wahl zu einer einigermaßen stabilen Regierung führt, sind damit die Probleme des Landes noch lange nicht gelöst.

Die neue griechische Regierung will den Euro behalten, aber die Bedingungen des Rettungspakets aufweichen. Fehlt es an der Einsicht, dass drastische Reformen nötig sind?

Die Wahl in Griechenland war zweifellos ein Votum für den Verbleib des Lands im Euro. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass sie auch Zustimmung zu den damit verbundenen Anpassungslasten bedeutet, wie der Reduktion der Löhne und Gehälter, um zu wettbewerbsfähigen Preisen zu gelangen.

Die wirtschaftliche Rezession – ohne Aussicht auf ein Ende – in der sich das Land befindet erschwert die Situation zusätzlich. Folglich reklamieren die politischen Führer Nachverhandlungen.

Frau Merkel besteht dagegen auf der Erfüllung des vereinbarten Spar- und Reformkurses ohne Abstriche. Wird sie sich durchsetzen?

Nein. Aber solche Wortgeplänkel gehören mittlerweile zum Ritual, denn es gibt neben Frau Merkel auch andere gewichtige politische Persönlichkeiten auf europäischer Ebene. Ich könnte mir vorstellen, dass man Griechenland etwas mehr Zeit für die notwendigen Anpassungen gewähren wird. Das große Problem dabei ist, dass Deutschland sich in dieser Diskussion strukturell in einer eher schwachen Verhandlungsposition befindet.

Deutschland wird vorgeworfen, nicht solidarisch zu sein, weil es sich etwa gegen Eurobonds stemmt. Ist der Vorwurf gerechtfertigt?

Nein, dieser Vorwurf ist nicht gerechtfertigt. Tatsache ist vielmehr, dass Deutschland eine Menge einschlägiger Leistungen erbracht hat. Denken Sie an die Garantien, die gewährt wurden und das Kapital, was durch die Bundesrepublik eingeschossen wurde. Das sind gewaltige Summen und es ist mehr als andere Euroländer erbracht haben.

Also macht Berlin alles richtig?

Nein, nicht alles. Vorwerfen muss man Deutschland, dass es die Diskussion um eine dringend notwendige Balance zwischen Konsolidierung und Wachstum zur Lösung der Probleme in den hoch verschuldeten Eurostaaten bisher nicht fördert. Stattdessen verfolgt die Bundesregierung einseitig die Position des Konsolidierens.

Griechenland, Spanien und Portugal fehlt es derzeit an Wettbewerbsfähigkeit. Wie lässt sich die zurückerlangen? Ist das innerhalb der Währungsunion überhaupt möglich?

Das ist immer eine Frage der Alternativen. Stellen Sie sich vor, Griechenland verließe den Euro und würde dann seine neue nationale Währung stark abwerten, um wettbewerbsfähiger zu werden. Ist damit garantiert, dass das Land seine Wettbewerbsposition dauerhaft stärkt? Keinewegs.

Wettbewerbsfähigkeit hat nicht nur etwas mit dem Preis, sondern auch mit den richtigen Produkten und deren Qualität zu tun. Kräftige Währungsabwertungen allein sind kein Garant für eine höhere Wettbewerbsfähigkeit, das haben Erfahrungen anderer Länder in der Vergangenheit gezeigt.

Ein Ausscheiden aus der Eurozone hat massive Folgen?

Ja, Folgen, die wir mangels Erfahrungen möglicherweise auch überhaupt noch nicht komplett überschauen können. So wäre ein Austritt mit hohen Kosten, sowohl für Griechenland wie für die Partnerländer verbunden – Kosten, die nicht exakt zu quantifizieren sind. Zudem wären griechische Einkommen bei einer Abwertung international plötzlich wesentlich weniger Wert. Das dürfte vielen Griechen nicht besonders gefallen.

Der frühere Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, rät Griechenland zu einer Parallelwährung neben dem Euro. Ist das eine Lösung – evtl. auch für andere hoch verschuldete Länder?

Eine Parallelwährung für Griechenland halte ich für eine sehr gute Idee. Es ist in der Tat möglich, für gewisse interne Aktivitäten eine eigene Währung zu nehmen und international weiterhin im Euro zu bleiben. Das haben bereits viele Länder in der Vergangenheit praktiziert und sie sind damit gar nicht so schlecht gefahren. Man kann also auf durchaus auch gute Erfahrungen zurückgreifen, die mit einer Dollarisierung in Südamerika oder einer Eurosierung in Südosteuropa gemacht wurden.

Wichtiger als Griechenland scheint für die Märkte zu sein, was in Spanien und Italien passiert. Spanien muss mit 7 % derzeit den bisher höchsten Zins bezahlen, dabei ist das Land doch gerade unter den Rettungsschirm geschlüpft. Warum hat das nicht für Vertrauen an den Märkten gesorgt?

Die Situation in den genannten Ländern ist strukturell anders. In Spanien ist die Staatsverschuldung derzeit noch wesentlich geringer als in anderen Krisenländern, und damit ist die Schuldenlast eher zu tragen, zumal ich erwarte, dass die Zinsen für spanische Staatsanleihen auf Dauer nicht so hoch bleiben würden. Und Italien hat ja international durchaus wettbewerbsfähige Wirtschaftszweige, weshalb die außenwirtschaftliche Situation Italiens ganz anders ist als die von Griechenland. Zumindest mittelfristig wird dies auch von den Finanzmärkten wahrgenommen werden.

Aber bei Griechenland handelt es sich ja um einen Staat, der faktisch pleite ist …

Schon vor drei Jahren wurde intensiv die Frage diskutiert: Wie geht man mit Banken um, die de facto pleite sind, aber zu groß, um einfach geschlossen zu werden. Zumindest hat man eine Idee, wie die Antwort für Banken aussehen kann. Bezogen auf Länder stochert man völlig im Dunkeln.

Die einen raten, zu konsolidieren, um die Staatsschuldenkrise in den Griff zu bekommen. Andere fordern Wachstum. Das eine löst das Problem so wenig wie das andere. Klare Vorstellungen, wie eine Synthese aus beidem aussehen sollte, gibt es nicht. Die konservativen Vorstellungen von Konsolidieren plus Liberalisieren lösen das Problem nicht – ohne etwas Keynes kommt man nicht aus. Ohne ein klares Konzept, wie man Staatsschuldenkrisen zu Leibe rücken will, wird man auch den Märkten keine Geduld abringen können.

Ende der kommenden Woche gibt es den nächsten EU-Gipfel in Brüssel. Dort soll erneut über eine Banken- und Fiskalunion gesprochen werden. Ist das der richtige Weg?

Eine Bankenunion mit gemeinsamer Bankenaufsicht sowie einer einheitlichen Einlagensicherung halte ich für dringend geboten. Schließlich haben wir einen europäischen Bankenmarkt. Der benötigt eine gemeinsame Aufsicht und eine Institution, die die daraus erwachsenden Lasten übernehmen kann. Schließlich könnten z. B. Bankschließungen nötig werden. Diese Institution muss natürlich auch über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen.

Die Bundeskanzlerin wirbt für eine Fiskalunion und drängt die Euroländer zur Aufgabe fiskalpolitischer Souveränität. Welche Chancen sehen Sie dafür?

Langfristig sehe ich dafür große Chancen. Ich denke, in zehn Jahren werden wir eine Fiskalunion und etwas haben, was man – vage genug – als eine Bankenunion bezeichnen kann. Das halte ich auch für notwendig, um auf dem unbedingt beizubehaltenden Weg nach Europa voranzukommen. Kurzfristig wird es dagegen sehr schwierig werden, die notwendigen Mehrheiten für eine Fiskalunion und eine EU-weite Bankenunion zu bekommen.

Der französische Präsident Hollande wird mit seinem „Wachstumspakt für Europa“ nach Brüssel reisen. Er will 120 Mrd. € ausgeben, um Wachstum und Beschäftigung in der Eurozone zu fördern. Wie sinnvoll ist ein solcher Pakt?

Um der Eurozone ein wirklich nachhaltiges Wachstum zu bescheren, reichen die 120 Mrd. € nicht aus. Zudem befürchte ich, dass in Ländern wie Griechenland einfach die Strukturen fehlen, die notwendig wären, um diese Gelder für sinnvolle Projekte einzusetzen.

Von Dieter W. Heumann

Stellenangebote im Bereich Einkauf und Beschaffung

The Walt Disney Company-Firmenlogo
The Walt Disney Company Sourcing Specialist (f/m/d) Papenburg
OneSubsea GmbH-Firmenlogo
OneSubsea GmbH Elektrotechnikingenieur (m/w/d) Fachrichtung Instrumentierung Celle
Panasonic Industrial Devices Sales Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Sales Europe GmbH QC-Fachkraft (m/w/d) für die Bearbeitung von Bauteilfreigaben im Bereich Automotive-Produkte (PPAP) Lüneburg
Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)-Firmenlogo
Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Projektingenieurin / Projektingenieur (w/m/d) für Maschinen- und Anlagenbeschaffung Berlin
Wilhelm Geiger GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Wilhelm Geiger GmbH & Co. KG Strategischer Einkäufer Nachunternehmer (m/w/d) Augsburg, München, Stuttgart, Kempten

Alle Einkauf und Beschaffung Jobs

Top 5 Konjunktur

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.