Außenwirtschaft 28.10.2011, 12:05 Uhr

Nordafrika: Chancen von Casablanca bis Kairo

Die historischen Umwälzungen in Nordafrika eröffnen insbesondere deutschen Unternehmen vielfältige Möglichkeiten. Selbst kleine mittelständische Firmen zieht es in den Maghreb.

„Made in Germany“ hat in Nordafrika einen guten Klang. Von Marokko bis Ägypten wissen die Menschen deutsche Ingenieurskunst zu schätzen. Entsprechend groß ist das Potenzial für deutsche Unternehmen.

Sah es zwischenzeitlich so aus, als könnte der arabische Frühling bereits im Herbst scheitern, gibt es inzwischen eine Fülle guter Nachrichten: Am vergangenen Sonntag wählten die Tunesier eine verfassungsgebende Versammlung und eine Übergangsregierung. In Libyen blicken die Menschen nach dem Tod des ehemaligen Machthabers Muammar al-Gaddafi optimistisch in die Zukunft. In Algerien wurde zumindest der seit 19 Jahren geltende Ausnahmezustand aufgehoben. Und das Königreich Marokko strebt Reformen mit friedlichen Mitteln an am 25. November finden dort vorgezogene Parlamentswahlen statt. Nur in Ägypten bleibt die Lage sehr kritisch.

Wintershall dreht Ölhahn wieder auf

Vor diesem Hintergrund drängen deutsche Unternehmen zurück, beziehungsweise erstmals nach Nordafrika. Gaddafi war noch auf der Flucht, als die BASF-Tochter Wintershall den Ölhahn bereits wieder aufdrehte. Am 17. Oktober meldete der größte deutsche Erdöl- und Erdgasproduzent die Wiederaufnahme der Förderung in der Wüste.

Kurz nach Ausbruch der Kämpfe gegen das Gaddafi-Regime im Februar hatte Wintershall die Förderung aus acht Onshore-Ölfeldern 1000 Kilometer südöstlich von Tripolis heruntergefahren. Anschließend betreuten libysche Mitarbeiter die Anlagen. Jetzt sprudelt das „schwarze Gold“ wieder. An der Produktion auf dem libyschen Festland ist die russische Gazprom mit 49 % beteiligt. Wintershall gehört zu den deutschen Pionieren in Nordafrika. Seit 1958 hat das Unternehmen 2 Mrd. $ in Ölprojekte investiert.

Auch Wettbewerber RWE Dea will seine Aktivitäten in Libyen „nun wieder in vollem Umfang aufnehmen“, wie Daniela Puttenat, Leiterin Externe Kommunikation mitteilt. Die RWE-Konzerntochter hatte Ende 2010 von der libyschen National Oil Corporation für zwei bestehende Konzessionen die Produktionslizenzen erhalten. „Die Verträge sind unverändert gültig“, betont die Sprecherin.

Da Deutschland auch mit Libyen ein Investitionsschutzabkommen geschlossen hat, sind die Investitionen rechtlich gegen nichtkommerzielle Risiken abgesichert. Die gewährten Garantien gelten auch im Fall von kriegerischen Auseinandersetzungen im Anlageland und unbeschadet eines Regimewechsels.

RWE zählt zu den größten deutschen Investoren in Nordafrika

Allerdings: Weil auch RWE Dea seine Aktivitäten in Libyen aufgrund des Krieges etwa acht Monate lang beschränken musste, könnte sich der für 2014/15 avisierte Start der Ölförderung hinauszögern.

Die Erkundung von Lagerstätten betreiben die Hamburger auch in Algerien. In Ägypten ist RWE Dea beziehungsweise das Vorgängerunternehmen seit 1974 präsent. „Mit mehr als 3 Mrd. $ gehören wir zu den größten deutschen Investoren“, betont Puttenat.

Ein Schwerpunkt deutscher Investitionen in Nordafrika sind die erneuerbaren Energien. Erst im Februar ergatterte Centrotherm gemeinsam mit dem deutschen Ableger des US-Unternehmens Kinetic einen 300 Mio € Auftrag für den Bau einer Solarmodulfabrik in Algerien, teilt die Deutsch-Algerische Industrie- und Handelskammer in Algier mit.

Nach Angaben der Kammer will sich die algerische Regierung von der „einseitigen Abhängigkeit vom Öl- und Gas-
sektor befreien.“ Ein Anfang 2011 verabschiedeter Plan sieht vor, bis 2030 40 % des algerischen Strombedarfs durch erneuerbare Energien zu decken. Der Centrotherm-Auftrag spiele dabei eine große Rolle.

Ohnehin komme Algerien mit seinem Modernisierungsbedarf bei Industrieanlagen und Infrastruktur der deutschen Produktionspalette in idealer Weise entgegen. Auch interessant: „80 % der in den 70er und 80er-Jahren in Algerien gebauten Industriekomplexe wurden mit deutschem Know-how und deutscher Technologie errichtet“, so die Kammer.

Beim Thema Nordafrika darf das Stichwort Desertec nicht fehlen. Als sich die Unruhen in Ägypten im Februar zuspitzten, verkündete die Planungsgesellschaft der Desertec Industrie Initiative: „Jetzt erst recht!“ Die Planungen würden durch die Aufstände nicht unmittelbar gefährdet. Vielmehr schaffe das Wüstenstromprojekt neue Perspektiven für die Region.

Beweise liefert nun Solar Millennium. Das Unternehmen aus Erlangen hat im ägyptischen Kuraymat ein riesiges Solarfeld entwickelt. Seit Juni produziert das Solarthermiekraftwerk Strom. Nachts kann zusätzlich Erdgas eingesetzt werden, so dass die Gesamtleistung 150 MW beträgt. Über 100 ägyptische Arbeiter montierten rund 2000 Kollektoreinheiten mit mehr als 53 000 Parabolrinnen-Spiegeln.

Auch die Automobilindustrie ist in Nordafrika sehr präsent

Nach Angaben von Solar Millennium „funktioniert die Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Partner Orascom so gut, dass sie die Grundlage für weitere Kooperationen in der Region schafft.“ Zurzeit befinde man sich unter den letzten vier Bewerbern der Ausschreibung für das erste solarthermische Kraftwerk in Marokko. Eine starke Präsenz in Nordafrika hat auch die deutsche Automobilindustrie. Daimler und BMW sind da. Und Zulieferer wie Leoni oder Dräxlmaier. Wie andere Unternehmen auch, musste Leoni Anfang des Jahres die Produktion in Ägypten vorübergehend einstellen.

Das hat bei Leoni-Chef Klaus Probst Spuren hinterlassen. Um das Risiko zu verringern, hat er die Fertigung bestimmter Produkte für die europäische Automobilindustrie, die bislang ausschließlich in nordafrikanischen Werken hergestellt werden, teilweise nach Osteuropa verlagert. Die Umschichtung sei in Abstimmung mit den Kunden und nicht in größerem Umfang erfolgt.

Nordafrika ist für Leoni immens wichtig. In Tunesien, Marokko und Ägypten beschäftigt Leoni insgesamt 26 000 Menschen. Das Werk in Sousse, Tunesien, war 1977 der erste Auslandsstandort des Konzerns überhaupt. Pressesprecher Sven Schmidt lobt die Mitarbeiter vor Ort: „Während der Aufstände mussten wir zwar die Produktion drosseln oder anhalten, dank der Loyalität unserer Mitarbeiter konnten wir aber schnell wieder den normalen Betriebsablauf aufnehmen.“ Dabei wurde das Schichtenmodell an die Ausgangssperren angepasst und die Mitarbeiter mit einem eigenen Bus-Transportsystem zu den Werken gebracht.

Deutsche Unternehmen investieren zunehmend in Nordafrika

Egal in welches nordafrikanische Land man schaut, überall nehmen die Aktivitäten deutscher Unternehmen zu. Dabei erfassen die Außenhandelskammern noch nicht einmal alle Investitionen. Vor allem Mittelständler hängen ihre Expansionspläne oftmals lieber nicht an die große Glocke.

Nur ein Beispiel ist die Starz GmbH aus Großräschen in der Lausitz. Seit September betreibt der Kabelbaumspezialist auch eine Produktionsstätte in Tunesien. Nun will Geschäftsführer Andreas Kehrel „den Standort im Bereich Produktion und Engineering forciert ausbauen.“ Kehrel hat den Eindruck, dass alle Seiten in Tunesien erkannt haben, „wie wichtig die Investitionen auch von kleinen und mittelständischen Unternehmen sind, um Arbeitsplätze im Land zu schaffen.“

Von Stefan Terliesner

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