Wirtschaftspolitik 03.12.1999, 17:23 Uhr

Neue Jobs hinter Deichen und Dünen

Volkswagen hat der Arbeitslosigkeit den Kampf angesagt. Mit wirtschafts- und strukturpolitischen Eingriffen will der Konzern neue Beschäftigungsmöglichkeiten im Umfeld seiner Werke schaffen. Wolfsburg hat vorgelegt, Emden zieht jetzt nach.

Schafe blöken auf dem Deich, Möwen segeln im Wind, Kühe laben sich am saftigen Grün großer Weiden – Ostfriesland ist schön. Tausende Touristen genießen alljährlich die einzigartige Atmosphäre. Doch die vermeintlich verschlafene Region zwischen Dollart, den Inseln und Jever hat noch viel mehr zu bieten. Sie wird beispielsweise hell wach, wenn es um die Schaffung neuer Arbeitsplätze geht: Lokale Spitzenpolitiker treten an, um gemeinsam mit dem größten Arbeitgeber vor Ort, dem Emder VW-Werk, den Unternehmergeist an der Waterkant zu beflügeln. Ihr Projekt „AutoVision Ostfriesland“ soll bestehende Firmen beraten, Neuansiedlungen fördern und innovative Betriebe auf Grundlage herausragender Ideen entstehen lassen. Ziel ist die Senkung der Arbeitslosigkeit. Angepeilt ist nach Angaben des Emder Bürgermeisters Alwin Brinkmann eine Quote von unter 10 %. Derzeit sind noch deutlich über 11 % der Nordlichter ohne Job.
Geboren wurde das Konzept der AutoVision Mitte 1998 im ebenfalls strukturschwachen Wolfsburg. VW startete zum 60. Geburtstag seiner Heimatstadt eine lokale Initiative zur Schaffung 10 000 neuer Arbeitsplätze bis zum Jahr 2003. Die bereits jetzt erzielten Fortschritte sind beachtlich. Heike Müller, Sprecherin der Wolfsburg AG, einem gemeinsamen Unternehmen der Stadt und dem VW-Konzern zur Umsetzung der AutoVision, erklärt: „Wir stehen erst am Anfang unserer Bemühungen. 400 Arbeitsplätze in 40 Unternehmen der Zulieferbranche konnten aber bereits geschaffen werden. Außerdem sind wir mit 18 potentiellen Gründern in konkreten Verhandlungen.“
Verständlich, dass die Friesen hier nicht hinten anstehen wollen. Sie klopften an die Türe von AutoVisions-Mitinitiator Dr. Peter Hartz, VW-Arbeitsdirektor und Vorstandsmitglied. Dieser ließ sich nicht lumpen: Im Emder GründerInnenzentrum stellte er jetzt Einzelheiten vor. Demnach lehnt sich die friesische Variante in Ablauf und Organisation stark an das Wolfsburger Modell an. Insgesamt gibt es fünf Module:
Gestartet wird im Februar mit einem Gründungswettbewerb, der „Promotion Ostfriesland“. Erfinder, Tüftler und Bastler sind aufgerufen, ihre Schöpfungen einzureichen. Inhaltlich sollen sie sich auf das Thema Mobilität im weitesten Sinne beziehen. Gefragt sind nicht nur Entwicklungen rund um das Auto. Auch neue Konzepte zu Fahrrädern, Schiffen und Zügen, der Verkehrsinfrastruktur und -sicherheit, dem Produktrecycling und der Elektronik in Fahrzeugen sind willkommen. Alle Ideen werden von Fachleuten aus der Region beurteilt. Die Jury besteht unter anderem aus Professsoren, Anwälten, Steuerberatern und gestandenen Unternehmern. Die besten Konzepte dienen als Keimzelle für neue Unternehmen. Insgesamt hat VW 1 Mio. DM an Geld- und Sachpreisen ausgesetzt. Der Ablauf des Wettbewerbs wird sich an die vor drei Wochen in Wolfsburg gestartete Promotion 2000 orientieren.

High-Tech Unternehmen an der Waterkant

Einen weiteren Weg zur Schaffung neuer Beschäftigungsverhältnisse bietet das zweite Modul, die Lieferantenansiedlung. Beide Seiten, Volkswagen und Neu-Niederlassungen, können nach Angaben des Konzerns von einer Kooperation vor Ort profitieren. „Die enge Verflechtung führt nicht nur zur Optimierung von Entwicklungszeiten und -kosten, sondern bietet auch Entwicklungs- und Forschungs-Know-how in der Region und schafft hochwertige, sichere Arbeitsplätze“. Anvisiert sind dabei nicht allein VW-Zulieferer, erklärt der Emder Personalchef Dr. Reinhard Penzek. Auch Versorger anderer ostfriesischer Betriebe kämen in den Genuss des Programms. Einzelheiten seien noch in Planung. „Durch die promotion werden sich hoffentlich auch einige artfremde High-Tech Unternehmen in Ostfriesland ansiedeln“, hofft Penzek. Die Region jedenfalls sei attraktiv: Neben dem Überseehafen biete sie genügend Raum für Expansionen. Die vergleichsweise schlechte Straßenanbindung spiele zu Zeiten von Internet und E-Commerce eine eher untergeordnete Rolle. Penzek baut auf einen Schneeballeffekt: „Auf jeden High-Tech-Arbeitsplatz kommen zusätzlich zwei Arbeitsplätze in vor- und nachgelagerten Bereichen.“
Mit dem dritten Modul, der „Cluster-Initiative“, werden vorhandene und neue Betriebe miteinander vernetzt. „Im Dialog sollen Ideen- und Synergiepotentiale aufgedeckt werden“, so der Personalchef. Denkbar seien gemeinsame Bestellungen, um Rabatte realisieren zu können. „Geplant sind Workshops und Tagungen. Zur Zeit tingeln wir durch die Unternehmen und werben für unsere Idee. Die bisherige Resonanz ist erfreulich.“ Die Motivation der interessierten Firmen sei leicht nachvollziehbar: „Im Endeffekt entsteht eine win-win-Situation.“ Alt eingesessene Unternehmen profitierten von den Ideen der Neugründungen. Diese widerum kämen in den Genuss des Erfahrungsschatzes der Alt-Betriebe.
Den sich entwickelnden Firmen wollen die „AutoVisionäre“ mit dem vierten Modul, einer „PersonalServiceAgentur“ (PSA), unter die Arme greifen. Im Stile des Arbeitsamtes sollen qualifizierte Mitarbeiter gesucht und gegebenenfalls vermittelt werden. „Um die Anforderungen der neu entstehenden Arbeitsplätze mit den Qualifikationen von Arbeitssuchenden in Einklang zu bringen, sind Reintegrationsmaßnahmen, intensive Betreuung und flexible Beschäftigungsmodelle erforderlich“, heißt es in einem VW-Papier. Die PSA arbeite auf Basis bewährter Ansätze von Personaldienstleistungen: Stellenprofile werden erstellt, Anzeigen geschaltet, Bewerbungsunterlagen gesichtet und Auswahlgespräche geführt. Außerdem würden in Kooperation mit Bildungsträgern – unter Berücksichtigung von öffentlichen Fördermöglichkeiten – Qualifizierungs- und Trainingsmaßnahmen organisiert. Damit die jungen Unternehmen flexibel auf Auftragsspitzen reagieren können, biete die Agentur auch Zeitarbeit: „Die PSA übernimmt Arbeitgeberpflichten und überlässt dem Auftraggeber gegen Bezahlung der geleisteten Arbeit temporär Personal.“ Penzek: „Unsere gute Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt bleibt unberührt. Durch unser Engagement im Gründerbereich können wir den zukünftigen Personalbedarf aber eher abschätzen.“
Die fünfte Säule der AutoVision ist die „Erlebniswelt Ostfriesland“. Fremden müsse die Schönheit der Region bekannter gemacht werden, um dem Tourismus weitere Impulse zu versetzen. Penzek gibt Beispiele: „Wir werden die Fahrzeug-Selbstabholer von einem Kurzurlaub überzeugen. Kutterfahrten, Inselhopping, Kunsthalle Emden, persönliche Betreuung über die Gastronomie oder ähnliches könnten angeboten werden.“ Weitere Ideen seien in Vorbereitung.
Antrieb für VW bei dem kostspieligen und zeitaufwendigen Projekt der AutoVison sei in erster Linie die „soziale und arbeitsmarktpolitische Verantwortung gegenüber der Region“, so Penzek. Im vergangenen Jahr seien große Teile der insgesamt bisher investierten 1,5 Mio. DM beim Einsatz studentischer Aushilfskräfte eingespart worden. „Vom Stundenlohn wurden 2 DM mit der Maßgabe abgezogen, sie für arbeitsmarktpolitische Zwecke einzusetzen. Mit der Aktion halten wir jetzt unser Wort.“
Rudolf Sievers, Direktor des Emder Arbeitsamtes, hält die AutoVision für ein probates Mittel zur Senkung der Arbeitslosigkeit in der Region. Vor allem die drohenden Defizite im höher qualifizierten Dienstleistungssektor könnten beseitigt werden. „Vielleicht gelingt es, Marketing-Agenturen an vorhandene und neue Unternehmen anzudocken. In Zusammenarbeit mit unserer Fachhochschule könnten außerdem Hersteller innovativer Umwelttechnologien angelockt werden.“ STEFAN ASCHE
Ostfriesland ist schön. Wasser und frische Luft gibt es reichlich. Was fehlt sind Arbeitsplätze. VW will das mit strukturpolitischen Eingriffen ändern. Das Emder VW-Werk ist der größte Arbeitgeber der Region. Im Umfeld sollen Zulieferer Fuß fassen.

Von Stefan Asche

Stellenangebote im Bereich Einkauf und Beschaffung

HARTING Electric GmbH & Co. KG-Firmenlogo
HARTING Electric GmbH & Co. KG Global Industrial Engineer – New Products (m/w/d) Rahden

Alle Einkauf und Beschaffung Jobs

Top 5 Konjunktur

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.